Jörg Koch, Geschäftsführer der Joyson PlasTec GmbH, wählt drastische Worte: "Der Markt spielt völlig verrückt. Es bestehen riesige Lücken. Bis die geschlossen sind, wird es ein Drama." Der Chef des Autozulieferers im Bad Kissinger Stadtteil Albertshausen spricht von den Lieferengpässen, die die globale Wirtschaft plagen.

Joyson leidet dabei unter zwei Krisen: indirekt unter der weltweiten Unterversorgung mit elektronischen Halbleiter-Chips; und direkt unter den Lieferlücken bei Kunststoff und Stahl.

Die 380 Mitarbeiter produzieren Kunststoffteile für große Lkw-Bauer wie Daimler, MAN, DAF und Scania. Bei denen können viele Zugmaschinen wegen fehlender Chips nicht fertiggebaut und ausgeliefert werden. Wo nichts komplett ist, wird nichts nachproduziert. Dementsprechend fragen die großen Autoschmieden weniger Kunststoffteile bei Joyson nach.

Jörg Koch gibt ein Beispiel: "Ein großer Hersteller baut in normalen Zeiten 200 Lkw am Tag und braucht dementsprechend dafür Türverkleidungen. Jetzt baut er aber wegen der Chipkrise nur 120 Einheiten. Dann bleibt uns nur, weniger Verkleidungen zu bauen, weil nicht so viele benötigt werden."

Mangel an Stahl und Kunststoff

Selbst wenn die Nachfrage der großen Autobauer da wäre: Koch und seine Mitarbeiter hätten in absehbarer Zeit Schwierigkeiten, sie zu bedienen. Denn schon ab dem zweiten Quartal dieses Jahres wurden die Rohstoffe knapp, vor allem der Stahl. "Normal liegt die Bestell-Vorausplanung bei sechs Wochen. Jetzt muss man bei vielen Schrauben seinen Bedarf für die nächsten 52 bis 54 Wochen anmelden. Was man nicht anmeldet, bekommt man in dem Zeitraum nicht. Das ist verrückt. Das war noch nie der Fall." Auch beim Kunststoffgranulat, das die Firma für die Produktion braucht, gebe es Engpässe.

Die Knappheit führt laut Koch dazu, dass die Rohstoffpreise durch die Decke gehen. "Das ist nicht mehr nachzuvollziehen. Aber entweder, man zahlt oder lässt es bleiben."

Der Joyson-Geschäftsführer berichtet, dass nach diversen Corona-Lockdowns die Hersteller weltweit ihre Produktion noch nicht auf Normalmaß hochgefahren hätten. Auch seien viele Schiffe, die Rohstoffe aus anderen Teilen der Erde brächten, noch gar nicht entladen. Zudem fehlten Lkw-Fahrer, die die Güter zu den Werken bringen.

Bei Joyson PlasTec hat die heruntergefahrene Produktion Folgen: "Wir haben einen Teilbereich seit Anfang Oktober in Kurzarbeit schicken müssen", bedauert Koch. Wie viele Mitarbeiter das betrifft, wollte er nicht sagen.

Dass sich die Versorgungslage schnell bessert, glaubt er nicht. "Das hat Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft. Das wird wehtun, weil man nicht abschätzen kann, wann es vorbei ist."

Ähnlich sehen das führende Wirtschaftsforscher. Im Frühjahr hatten sie laut dem Nachrichtenportal spiegel.de nach der Corona-Delle 2020 noch auf ein Wachstum des deutschen Bruttoinlandsproduktes um 3,7 Prozent in diesem Jahr gehofft. Jetzt korrigierten sie die Prognose auf 2,4 Prozent.

Auch Fabiola Wagner, Sprecherin des Auto-Zulieferers ZF in Schweinfurt, sagte vergangene Woche auf Nachfrage: "Der Mangel an elektronischen Bauteilen hat Auswirkungen auf die gesamte Automobilindustrie und deren Zulieferer." Auch den Mangel an Stahl und Kunststoff bestätigte sie. Eine Task Force stehe in ständigem Austausch mit den Lieferanten und großen Autobauern, für die man produziere. "Alle Teile werden weniger gebraucht."

"Aktuell steht die Produktion nicht still und es gibt keine Kurzarbeit. Das ist aber nicht auszuschließen", ergänzte die ZF-Sprecherin damals. Inzwischen berichtet der Bayerische Rundfunk, dass ZF bei der Arbeitsagentur für einzelne Bereiche Kurzarbeit angemeldet hat. Betroffen könnte der Bereich "Zweimassenschwungrad" sein. Eine Entscheidung soll in ein bis zwei Wochen fallen, wird Wagner zitiert

Auch Knaus Tabbert und Preh betroffen

Die Materialknappheit betrifft auch Knaus Tabbert, das in Mottgers (Main-Kinzig-Kreis) Wohnwagen baut. Anders als in den Werken Jandelsbrunn und Nagyoroszi (Ungarn), die wohl für zwei Wochen aussetzen müssen, sei ein Produktionsstopp in der Rhön kein Thema, sagte Pressesprecher Stefan V. Diehl. "In Mottgers brummt es noch." Die Probleme beträfen viele Güter: Das reiche von Kunststoffgranulat, das von den Lieferanten für die Produktion von Fenstern benötigt werde, über Scharniere bis hin zu Klappen. "Das Ärgerliche ist: Alles, was wir produzieren, ist längst verkauft", sagt Diehl. Die Lieferengpässe führten indes dazu, dass Fahrzeuge so weit fertig gestellt und dann zwischengelagert würden, bis die fehlenden Teile einträfen.

Dennoch meint Diehl: "Die Jobs sind sicher, die Standorte sind sicher." Die Wohnmobil-Branche und insbesondere Knaus Tabbert seien Pandemie-Gewinner, die Nachfrage habe enorm zugelegt. Dabei handele es sich um einen "nachhaltigen Trend".

Auch bei der Preh GmbH in Bad Neustadt wurde "teilweise kurz gearbeitet", teilt Ronald Schaare, Leitung Unternehmenskommunikation, mit. "Wenn die Produktion beim Kunden für einige Wochen ruht, müssen wir auch unsere Produktion anpassen." Das sei mit zeitlichem Vorlauf in der gesamten Lieferkette beherrschbar. Die kurzfristigen permanenten Änderungen der Lieferabrufe über mehrere Monate hinweg - um Lieferstopps zu vermeiden - seien aber zweifellos eine massive Belastung für die gesamte Organisation.

"Die Materialverknappungen zeigen sich neben den Elektronik- auch bei den Kunststoffkomponenten", schreibt der Sprecher weiter. Durch die "deutlich gestiegenen Einkaufspreise" entstünde eine "eine sehr hohe zusätzliche Kostenbelastung".

Kontaktversuche zu GKN Sinter Metals in Bad Brückenau und zur IG Metall verliefen erfolglos.