"An einer Schultafel war zu lesen: 'Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben'. Nach den Erfahrungen beider Weltkriege, den Kriegen danach, dem Terror sowie den vielen Konflikten in der Welt wissen wir: Es gibt uns Mahnung, dass kein Heil im Krieg zu finden ist." Kaplan Paul Reder traf bei der Kranzniederlegung und dem Totengedenken am Reiterswiesener Kriegerdenkmal genau das, was viele der Anwesenden fühlten. Er betonte: "Aus dieser Erinnerung erwächst auch der Auftrag, dem Frieden zu dienen."

"Erinnerung und Gedenken sind im christlichen Glauben keine Nostalgie. Erinnerung und Gedenken sind im christlichen Glauben getragen vom Gebet und von der Gemeinschaft, die die Lebenden und die Toten über alle Zeiten und alle Grenzen zwischen Kulturen und Völker in Gott verbindet", führte der Kaplan weiter aus.

Die Totenehrung am Kriegerdenkmal ist in Reiterswiesen neben der Andacht über den Gräbern eine wichtige zentrale Angelegenheit, bei der Fahnenabordnungen der Ortsvereine, der Gesangverein und die Feuerwehr den Gefallenen und Opfer der Kriege ihre Reverenz erweisen. Fast jede Reiterswiesener Familie hat im Zweiten Weltkrieg gefallene Söhne zu beklagen. So war die stimmungsvolle Gedenkfeier nicht nur eine Floskel, sondern ein Aufruf, sich gegen Fremdenhass, Vorurteile und Feindlichkeiten zu stemmen. "Führe alle Menschen vom Hass zur Liebe Gottes", lautete der Aufruf von Kaplan Reder.


Keine Rückkehr zur Normailtät

Oberbürgermeister Kay Blankenburg legte im Namen der Stadt Bad Kissingen und seiner Gremien einen Kranz nieder. Er erläuterte, dass Franz Kafka am 1. August 1914 in sein Tagebuch schrieb: "Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. Nachmittag Schwimmschule." Erwartung kurzer erfolgreicher Waffengänge wie 1870/ 71, mit anschließender Rückkehr zur friedlichen Normalität, seien Erwartungshaltungen in den Augusttagen 1914 gewesen. Doch es kam anders. Es begann ein vierjähriges blutiges Massensterben mit Millionen Toten.

"Wir gedenken, 100 Jahre Ersten Weltkrieges und 77 Jahre Zweiten Weltkrieges, Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Wir erinnern uns an Soldaten, zivilen Kriegsopfern, Opfern von Massakern und Genoziden (Völkermord) und denken an die persönlichen Schicksale in ab-strakten Kämpfen um Staatsinteressen, in Glaubenskriegen, in Schlachten politischer Ideologien. Gerade die Sinnlosigkeit blutiger Konflikte macht uns heute noch nahezu sprachlos vor Betroffenheit", betonte der Oberbürgermeister.


Bedeutung der Totenehrung

Gedenken und Mahnung sei die Bedeutung von Allerheiligen und der Totenehrung. Inne halten sei umso wichtiger, wenn man sich vor Augen halte, wie sich die Welt, ein Jahrhundert nach den ersten Schüssen des Ersten Weltkrieges, darstellt: Bürgerkrieg in Syrien, militärische Eskalation im Gaza-Streifen, die Schreckensherrschaft des Islamischen Staates im Irak und Syrien seien nur die hervorstechenden Beispiele der Welt, in der nach wie vor viel zu viele Menschen Opfer von Krieg, Terror und Blutvergießen seien. "Die Zahl dieser Opfer ist unüberschaubar. Jede einzelne Familie und deren Freunde trauern um ihre geliebten Angehörigen", so Blankenburg weiter. "Wir dürfen menschlichem Leid gegenüber nicht gleichgültig sein und müssen mutig einschreiten, wo Mitmenschen unsere Hilfe brauchen. Zivilcourage ist kein bloßes Wort, sondern ein Lebenszeichen einer menschlichen Gesellschaft."

Gedenken müsse man in diesen Minuten auch allen, die in unserem Auftrag in der Welt unterwegs sind, Soldaten der Bundeswehr und den zivilen Kräften, die unterwegs sind, um der Welt Frieden zu verschaffen.


Den Weg des Friedens gehen

"Dieser Weg ist schwierig, mühsam und voller Hindernisse. Aber er ist machbar, wie es nicht zuletzt die Ereignisse der friedlichen Revolution von 1989 zeigten. Die Erinnerung an Allerheiligen und am Volkstrauertages an die vielen Millionen Toten muss uns die persönliche Aufforderung sein, tagtäglich den Weg des Friedens zu gehen - ein Weg, der lang und beschwerlich, aber darum nicht weniger lohnend ist", lautete der Appell des Oberbürgermeisters.