Wer geglaubt hatte, dass eine Bühnenbearbeitung von "Rain Man" gegen die die mit Starbesetzung (Tom Cruise und Dustin Hoffman) und Roadmovie-Bebilderung erstellte Filmfassung von 1988 nicht würde ankommen können, sah sich beim Gastspiel der Truppe aus dem Alten Schauspielhaus Stuttgart im Kurtheater mit großem Vergnügen eines Besseren belehrt. Die beiden ungleichen Brüder wurden von Vater und Sohn gespielt: Pablo Sprungala als geldgeiler, hektischer, skrupelloser Geschäftsmann Charlie Babbitt, sein Vater Karl Walter Sprungala als am Savant-Syndrom leidender Autist Raymond.

Den hatte der Vater in ein Pflegeheim gesteckt, nachdem die Mutter gestorben war. Charlie hatte den liebesunfähigen Vater aus entsetztem Hass verlassen. Seine Geldnot und Habgier bringt die beiden Brüder wieder zusammen, als Charlie erfährt, dass Raymond, von dem er nichts gewusst hatte, als Alleinerbe die 7 Millionen Dollar des Vaters bekommen hatte. Er entführt ihn aus dem Pflegeheim, um die Hälfte des Geldes zu erpressen.
Für beide wird die Autofahrt nach Los Angeles zum großen Wendepunkt in ihrem Leben. Die krankheitsbedingten Ticks und Marotten Raymonds zwingen Charlie zunehmend in die Rolle eines fürsorglichen Pflegers, die ihm zu Beginn des Stücks niemand zugetraut hätte. Und Raymond bekommt von seinem Bruder, was ihm die überbehütende Pflege in seinem Heim vorenthielt. Herausforderungen, Vergnügen, echte Gefühle. Solche Läuterungsgeschichten gibt es zuhauf in der Literatur; auch die Beschäftigung mit psychisch Kranken oder geistig Behinderten ist längst Feierabendstoff im Fernsehen.

Vorlage aus der Realität

Was die Geschichte der Bühnengestalt Raymond so besonders macht, ist nicht nur, dass es weltweit nur etwa 100 am Savant-Syndrom Leidende gibt, sondern dass dem Drehbuch des Films der wirkliche Fall des Kim Peek zugrunde lag, einem autistischen Savant, der ein Gedächtnis wie ein Computer hatte, im realen Leben aber auf Hilfe angewiesen war. Besonders auch deshalb, weil der Autor Dan Gordon erkannte, wie diametral der in klaren, absolut starren Mustern verlaufende Lebensrhythmus eines solchen Kranken der Hektik eines modernen Managers zuwiderläuft .

Diese zwei Charaktere werden zusammengespannt, und was daraus entsteht, ist weit mehr als eine Krankengeschichte oder ein Entführungsthriller oder eine Familienzusammenführungsgeschichte. In diesem Zwei-Personen-Stück mit kleinen Nebenrollen werden mit Hilfe eines Behinderten die Zwänge unserer Lebensläufe aufgedeckt, wird exemplarisch gezeigt, wie Charlies Leben durch seinen Bruder komplett entschleunigt wird und er dabei zu sich selbst und zur Liebe zu seinem letzten verbleibenden Verwandten findet.

Komisch und unterhaltsam

Dass das nicht kitschig wirkte, sondern vor allem im ersten Teil außerordentlich komisch und unterhaltsam, hat seine Gründe im Stücktext und in der temporeichen Aufführung der Stuttgarter. Mit Stellwänden und raffinierter Beleuchtung war das Bühnenbild von Dietmar Teßmann blitzschnell wandelbar von der Flughafenlobby zum Spielsalon in Las Vegas und zu vielen mehr oder weniger schäbigen Motel- und Hotelzimmern. Über weite Strecken lacht das Publikum befreit über die überaus komische Desavouierung der so scheinbar klaren Fragen, Anforderungen, Entscheidungen, mit denen die Welt den Behinderten überfällt. Da geht an vielen Stellen nichts, wird man den Eindruck nicht los, dass das mit Recht so ist.

Ganz präzise Gestaltungen

Durch die absolut beeindruckende, fast wehtuende Genauigkeit, mit der Karl Walter Sprungala das Verhalten des Savant studiert hatte, war er auf der Bühne der Kranke, an dem man sich die Zähne ausbeißt, der wie ein störrisches Kind bei seinem Bruder und dem Zuschauer Ungeduld und Zorn auslöst wegen seiner Unzugänglichkeit. Und dennoch wird er immer mehr zum Sympathieträger, weil man immer mehr erkennt, dass sein Bruder diesen Bremsklotz zu seiner Läuterung braucht.

Pablo Sprungala spielte die Wandlung des Charlie sehr genau, zeigte eine Art Erwachsenwerden am Ab- und Aufarbeiten seiner eigenen Defizite an seinem Bruder zunächst in seiner Pflegerrolle, dann aber auch immer mehr in seiner Liebe zu diesem Wesen, das ihm seit seiner Kindheit so nah ist. Die Stadien der vorsichtigen Näherung spielten die beiden Sprungalas mit großer, manchmal bestürzender Eindringlichkeit, hier zeigten sie die Überlegenheit der Darstellung des Stoffes in dieser Kammerspielversion von Regisseur Manfred Langner. Das atemlos zuschauende (selten war es so still im Kurtheater) Publikum reagierte auf winzige mimische und gestische Veränderungen und ließ sich gerührt mitreißen vom Gang der Geschichte und deren Kulmination, deren vorsichtigem Happy End in einer für Autisten fast unmöglichen Geste der Annährung Raymonds an seinen Bruder.

Engagierte Nebenrollen

Für die Welt außerhalb des Brüderpaars zuständig waren Nora Huetz als Charlies verständnisvolle, anständige Partnerin Susan, die erst nach seiner Läuterung wieder zu ihm findet, Peter Kempkes als freundlicher Psychiater und Birte Wentzek in ihren genüsslich ausgespielten Nebenrollen als Sekretärin , Bedienung und Edelprostituierte. Jens Schnarre sorgte präzise für das männliche Personal des Anwalts, Polizisten und Dr. Marston.
Mit rhythmischem Klatschen und Bravos holte das Publikum die erstmals im Kurtheater gastierenden Stuttgarter immer wieder auf die Bühne und dankte so für einen mitreißenden Theaterabend.