Im Rahmen des landesweiten, von mehreren Initiativen veranstalteten Aktionstages #Lasstunsöffnen richteten am Donnerstag auch Landkreisvertreter aus Handel, Gastronomie und Veranstaltungsbranche dringende Appelle an Landes- und Bundesregierung zur Schaffung konkreter Öffnungsstrategien bei Einhaltung sinnvoller Hygienemaßnahmen.

Veranstalter in Bad Kissingen war Kommunikationstrainer Andreas Nemeth, Gründer der Netzwerkseite "Gemeinsam stark". Er hatte sieben Vertreter aus den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld zu einer Pressekonferenz eingeladen, die wie ein Dutzend ähnlicher Aktionen in Bayern jeweils "fünf Minuten nach" im Stundentakt live im Internet und sozialen Medien übertragen wurde. Im Zentrum des Treffens stand die Forderung nach existenzsichernden Perspektiven für alle vom Lockdown betroffenen Branchen und Lebensbereiche. "Der Lockdown ist nicht mehr das richtige und einzige Mittel, um die Pandemie zu bekämpfen", waren sich alle acht Teilnehmer einig.

Strategien entwickeln

Im Gegensatz zur Industrie und dem Baugewerbe seien Handel, Gastronomie und Kultur die größten Verlierer in der Pandemie, stellte Ralf Ludewig als Vorsitzender der Werbegemeinschaft Pro Bad Kissingen und des Einzelhandelsverbandes fest. "Der Lockdown ist eine Zwangsmaßnahme für ausgewählte Branchen", beklagte er die Ungleichbehandlung. Dabei habe eine internationale Studie gezeigt, dass in kleinen Einzelhandelsgeschäften die geringste Ansteckungsgefahr gegeben ist. Die größte Gefahr einer Infizierung besteht im privaten Bereich. Dennoch halten die Regierenden an ihren Maßnahmen fest, "nur um nicht ihr Gesicht zu verlieren". Ludewig forderte die Regierung auf, endlich Öffnungsstrategien zu entwickeln, um den stationären Handel zu sichern. "Denn wir Unternehmer werden künftig gebraucht, um die Staatsschulden abzutragen."

Die Regierung müsse "endlich nach vorn schauen", forderte auch Manfred Griebel vom Stadtmarketing Bad Neustadt. Er dankte aber den Bürgermeistern und Landräten, die nach ihren Möglichkeiten "weitestgehend unbürokratisch" vorgehen. Von einer Laden- oder Restaurantöffnung nur mit negativem Testergebnis hält Griebel nichts: "Nur zu öffnen, bringt keinen Umsatz. Die Geschäfte brauchen dafür Kundenfrequenz."

"Wir sind müde und kaputt"

Als Kreisvorstand des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) kritisierte Gastwirt Kurt Müller (Zur Traube, Poppenroth) das Hin und Her politischer Entscheidungen. "Wir brauchen längerfristige Perspektiven und feste Zusagen", forderte er eine für ganz Deutschland einheitliche Regelung. Die Auswirkungen der Pandemie werden die ohnehin notleidende Dorfgastronomie noch stärker schwächen, sagte Müller als Betreiber eines Dorfgasthauses voraus.

Ihm schloss sich Emmanuel Papadopoulos als Sprecher der Bad Kissinger Wirte an. "Wir sind ordentliche Bürger, die nur ihre Arbeit machen wollen", setzte er sich wie alle anderen Redner deutlich von Corona-Leugnern und Querdenkern ab. "Die Politiker spielen mit uns", schimpfte er in einem emotionalen Appell. "Wir sind müde und kaputt. Es reicht. Wir können nicht mehr." Was die Gastronomen wollen, sei nicht die staatliche Hilfe: "Lasst uns unsere Läden aufmachen und arbeiten."

Als "besonders stark betroffen" sah Jürgen Wehner, Inhaber von Pro Event Service, die Veranstaltungsbranche. "Das Veranstaltungsverbot ist ein Berufsverbot", klagte er die Regierung an. "Jetzt ist es an der Zeit, neue Wege zu gehen." Wehner warf den Regierenden Unflexibilität und übertriebene Bürokratie vor. "Treffen Sie endlich Entscheidungen fürs Allgemeinwohl und nicht für Ihr persönliches Punktekonto", forderte er von den Regierenden im beginnenden Wahlkampf.

Von jeder Kritik ausgenommen blieben die Lokalpolitiker. Dafür dankte Emil Müller (CSU) als stellvertretender Landrat. "Wir suchen vor Ort immer nach pragmatischen Lösungen im Rahmen unserer Möglichkeiten", sicherte er den Unternehmern zu. Gleichzeitig zeigte er Verständnis, "dass die Kreisverwaltungsbehörde oft als Prellbock zwischen Bürger und Regierung herhalten muss", und gab zu, dass nicht jede Regierungsentscheidung logisch nachvollziehbar sei. "Wir wissen schon, was die Leute im Landkreis umtreibt. Ein 'weiter so' wird von der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert."

Das sah Karl Graf von Stauffenberg (FDP) als Rhön-Grabfelder Kreisrat und Betreiber einer Event-Agentur ebenso. "Wir Kommunalpolitiker können am wenigsten dafür, müssen aber am meisten ausbaden." Er kritisierte nicht nur den fortdauernden Ausschluss der Legislative mit den vom Volk gewählten Parlamentariern und die Alleinherrschaft der Bund-Länder-Konferenz, sondern auch die alleinige Ausrichtung aller Maßnahmen am 7-Tage-Inzidenzwert. Angesichts der seit dem ersten Lockdown im März 2020 verstrichenen Zeit warf Stauffenberg den Regierungen in München und Berlin vor, die Zeit verschlafen zu haben. "Wenn Ihr Unternehmer wärt, wärt Ihr längst pleite."

Die vollständige Pressekonferenz zum Aktionstag #Lasstunsöffnen gibt es auf Youtube hier: Pressekonferenz