Am 21. März traf die ukrainische Dozentin Olga Kovalchuk (33) als Flüchtling aus Kiew in der Bad Kissinger Bildungsstätte Heiligenhof ein. Nur wenige Wochen später durfte sie beim Heimattag der Sudetendeutschen Landsmannschaft stellvertretend für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen entgegennehmen. Für die 33-Jährige ist dieser Preis "eine Auszeichnung für alle ukrainischen Kämpfer".

"Ich wusste überhaupt nichts von der Preisverleihung an unseren Präsidenten", schildert Kovalchuk im Gespräch mit dieser Zeitung die für sie völlig überraschende Situation beim sudetendeutschen Heimattag im oberfränkischen Hof. Nach zweiwöchigem Zwischenaufenthalt im ungarischen Flüchtlingslager war sie Ende März nur mit dem Nötigsten im Gepäck in Bad Kissingen am Heiligenhof eingetroffen.

Einzige Kontaktadresse

Die Bildungs- und Begegnungsstätte der Sudetendeutschen war die einzige Kontaktadresse, die die junge Englisch-Dozentin der Universität Kiew in Deutschland hatte, nachdem sie dort erst im vergangenen Herbst an einer mehrtägigen Tagung für Studenten und Dozenten aus Ost- und Mitteleuropa teilgenommen hatte. Studienleiter Gustav Binder nahm sie sofort in seinem Privathaus auf und lud sie hin und wieder zu Veranstaltungen ein.

So saß die junge Ukrainerin mit ihrem "Pflegevater" Binder zu Pfingsten völlig nichts ahnend in der Festveranstaltung der Sudetendeutschen, bei deren Eröffnung sie von Heiligenhof-Direktor Steffen Hörtler in dessen Funktion als bayerischer Landes- und stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft unter den Zuhörern sogar namentlich begrüßt wurde. Völlig unerwartet wurde sie dann vom Bundesvorsitzenden Bernd Posselt (CSU) auf die Bühne gebeten, um den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen, benannt nach dem böhmischen König und römisch-deutschen Kaiser Karl IV. (1316-1378), in Vertretung für ihren Präsidenten entgegenzunehmen.

Neben dem rumänischen Präsidenten

Da stand sie plötzlich neben dem rumänischen Staatspräsidenten Klaus Johannis, dem der Karlspreis 2020 coronabedingt erst um zwei Jahre verspätet überreicht werden konnte. "Ich dachte auf der Bühne an die über 300 Kinder, die schon im Krieg gestorben sind, und an unsere Soldaten, die für Frieden und Freiheit kämpfen." Präsident Selenskyj mache "alles, was er kann", ist die Ukrainerin überzeugt. Aber er braucht Unterstützung und Waffen aus dem Westen, denn "ohne Waffen können unsere Soldaten nicht kämpfen."

Olga Kovalchuk floh am 7. März aus Kiew, als die ukrainische Hauptstadt von den Russen belagert und mit Raketen heftig beschossen wurde. "Ich wollte nie meine Heimat verlassen. Andere können sich gar nicht vorstellen, wie groß unsere Angst war."

In Bad Kissingen fühlt sie sich gut aufgenommen. Hilfreich sind dabei ihre Sprachkenntnisse. Deutsch habe sie an der Universität und am Goethe-Institut gelernt. "Ich mag die deutsche Sprache." Goethe und Schiller hat sie gelesen. Aber sicherer fühlt sie sich doch im Englischen. Seit Ostern unterrichtet sie in der Realschule neun ukrainische Flüchtlingskinder im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren in fast allen Fächern nach ukrainischem Lehrplan. "Alle wollen lernen. Aber alle wollen auch wieder nach Hause zu ihren Freunden."

Täglich Kontakt mit den Eltern

Für die Weltpolitik hat sich Kovalchuk nie interessiert. Jetzt verfolgt sie alle Nachrichten aus und über die Heimat, wo ihre Eltern zurückgeblieben sind, mit denen sie täglich Kontakt hält.

Obwohl sie möglichst bald nach Kiew zurückkehren würde, weiß sie doch, dass sie bis Kriegsende - "vielleicht noch ein halbes Jahr" - in Bad Kissingen ausharren muss. Deshalb hofft sie jetzt auf die Vertragsverlängerung als Hilfslehrerin für das kommende Schuljahr.

"Ich danke der Realschulleitung und dem Kollegium für die Unterstützung." Besonders dankbar ist sie dem Ehepaar Binder, das sie sofort nach der Ankunft in Haus und Familie aufgenommen hat. "Binders sind meine deutschen Eltern."