Natürlich lag es nicht an den überall im Saal installierten Kameras: Die St. Petersburger Abschlussgala wurde zu einem Abend der angenehmen Überraschungen. Das fing schon mit dem Orchester an: Die Truppe des Mariinsky-Theaters St. Petersburg zeigte sich in einer ganz anderen Verfassung als im vergangenen Jahr: hochkonzentriert, engagiert, präzise - und nur manchmal ein bisschen zu wenig geheimnisvoll oder, anders gesagt: zu laut. Aber das haben russische Orchester so an sich. Das Land ist halt so groß.
Das Vergnügen ging weiter beim Solisten. Gut, das Äußere ist Leonidas Kavakos' Sache nicht unbedingt. Aber er kommt ja auch nicht auf den Laufsteg, sondern soll Musik machen. Auch er war hundertprozentig vorbereitet, spielte mit größter Präsenz das Violinkonzert von Johannes Brahms. Mit strahlendem, großem Ton - er spielt halt auch eine der besten Stradivari (Geschmackssache!) - gab er der Musik das Aroma der Klassizität und öffnete gleichzeitig weite Klangräume. In Valery Gergiev hatte er da einen Partner, der diesen Kurs sehr genau verfolgte und unterstützte. Im freien Spiel der Themen entwickelte sich so eine sinfonische Einheit, in der sich der Solist nur noch als Primus inter pares sah.
Die Zugabe war, wie bei Kavakos meistens, von Bach: die Gavotte en Rondeau aus der Solo-Partita BWV 1006.
Aber es blieb die Frage, warum Kavakos die übliche Kadenz von Joseph Joachim spielen musste, warum ein Geiger seines Kalibers nicht die Chance nutzt, sich und seine Stärken mit einer eigenen Improvisation - nichts anderes waren Kadenzen einmal - zu präsentieren, um einmal über das hinauszugehen, was in dem Satz ohnehin passiert.
Im zweiten Teil dann also Peter Tschaikowskys "Nussknacker". Da tat sich der Funke beim Losspringen erst einmal ein bisschen schwer, weil nicht so recht klar war, welche Version oder Zusammenstellung Valery Gergiev gewählt hatte - vermutlich eine eigene. Denn den Blumenwalzer mitten aus dem 3. Akt gab es als Zugabe. Es wäre schön gewesen, wenn aus St. Petersburg irgendwann einmal Informationen gekommen wären, aber man konnte aus der Not auch leicht eine Tugend machen und die Musik vom Ballett losgelöst als absolute Musik hören.
Da kam einem Valery Gergiev (der erstaunlicherweise sehr an der Partitur hing) mit seinen Leuten und seinem Hang zur Entromantisierung sehr entgegen. Was die Mariinskys machten, war, fernab von verkitschtem Liebreiz und Tütü, ein kraftvolles, ungemein farbiges Musizieren, das die große Energie verdeutlichte, die in dieser Musik steckt.