Bad Kissingen — Die River North Tanzkompagnie aus Chicago gastierte zum zweiten Mal beim Theaterring in Bad Kissingen im Kurtheater. Die zwölf Tänzerinnen und Tänzer tanzten neben drei jeweils vierteiligen Choreographien ihres Künstlerischen Leiters Frank Chaves auch Arbeiten von zwei seiner New Yorker Kollegen, Adam Barruch und Nejla Yatkin.
Den Anfang machte Barruchs "I close my eyes until the end" zur kraftvollen, fast verstörenden, aus minimalistischen Streicher-Klangfragmenten und elektronischen Rhythmuscollagen bestehenden Musik des isländischen Komponisten Ólafur Arnalds, das die Truppe entsprechend der Musik in einer Mischung aus Einfachheit und subtiler Komplexität in unprätentiösen lockeren Gewändern tanzte. Es folgte mit "Renatus" (Wiedergeboren) das erste Solo, eine Arbeit der Tänzerin Nejla Yatkin, in dem Jessica Wolfrum mit einem riesigen roten Gewand eigentlich zu Puccinis berühmter Arie "Vissi d'arte" aus "Tosca" mit viel Ausdruck und Pathos tanzte, was aber konterkariert wurde durch die Einbettung der Opernikone in eine Abfolge von fragmentarischen Alltagsgeräuschen. Auch die Tänzerin verliert am Ende ihr imposantes Gewand, bleibt im einfachen Trikot übrig.
Den Abschluss des ersten Teils bildete "Forbidden Boundaries", Chaves' Arbeit aus dem Jahr 2009 mit Musik von Evan Solot, Ryuichi Sakamoto und Gustavo Santoalalla. Durch raffinierte Kostüme, durch die die Tänzer auf vielfältige Art und Weise verbunden sind, die sich ziehen und dehnen und ihnen dadurch erlauben, sich aneinanderzuklammern, einander spielerisch und aggressiv, sanft und ruppig festzuhalten und loszulassen, wird die Abfolge der vier Teile zu einer spannenden Darstellung menschlicher Beziehungen.

Hommage an Eva Cassidy

Der zweite Teil begann mit "Eva", einer äußerst subtilen Hommage an die 1996 im Alter von nur 33 Jahren an Krebs verstorbene amerikanische Ausnahmesängerin Eva Cassidy.. Die im Todesjahr Evas aufgenommene CD ihres letzten Auftritts, "Live at Blues Alley", wurde mit den Ansagen der Künstlerin vor den Songs zu einer sehr unmittelbaren Erinnerung. Den Anfang machte die Coverversion von Stings "Fields of Gold", zu dem die Truppe einen sehr fantasievoll ausgestalteten dreifachen Pas de deux tanzte. Mit T-Bone Walkers "Stormy Monday" kam dann der emotionale Höhepunkt des Abends; Jessica Wolfrum und Ahmad Simmons tanzten diesen Blues hocherotisch und sinnlich. Im Kontrast dazu die Coverversion von Chris Browns "Autumn Leaves", innig und sehr melancholisch getanzt von Lauren Kias und Hank Hunter in einer wunderbaren Herbstbeleuchtung. Mit Eva Cassidys eigenem Song "Wade in the Water", sehr vielschichtig und eindringlich getanzt von der gesamten Truppe, fand diese Erinnerung an Cassidy einen sehr beeindruckenden Abschluss.
Bevor das Ganze dann allzu schwermütig wurde und um der Truppe eine Verschnauf- und Umziehpause vor dem großen Schlussteil zu bieten, kam eine kleine, rasant-witzige Soloeinlage von Drew Fountain. In Adam Barruchs Auseinandersetzung mit Stephen Sondheims Musical "Sweeney Todd", lässt der in "The worst pie in London" die Bewegungen des Bäckers, der seine Pasteten mit Menschenfleisch füllt, beim Backen und Fliegenverjagen zur immer schneller werdenden und dadurch abstrus komisch werden Farce kulminieren.

Kubanisches Leben

"Havana Blue", Chaves' im Original fast abendfüllende Auseinandersetzung mit seinen kubanischen Wurzeln, beginnt mit "Sabor" (Aroma), der unbeschwerten Interaktion der Tänzerinnen und Tänzer, während im zweiten Teil "Lo Mascolino" (Der Männliche) die zunächst kumpelhaft-freundschaftlichen Begegnungen der sechs Tänzer des Ensembles in grimmige Aggression münden. "El Malecon" (Strandpromenade in Havanna) beginnt mit dem Treffen von fünf Tänzerinnen auf dieser Promenade, zu denen sich dann die Herren gesellen und einen sinnfälligen Eindruck von der Lebendigkeit des Getümmels auf der Promenade geben, dem nach Chaves "Kummer und ... Kampf, den alle erlitten haben, die die reiche Kultur und das Leben auf dieser wunderschönen Insel hinter sich lassen müssen." Mit einer solchen bunten und lebhaften Feier des karibischen Lebensgefühls auf der Insel endet auch die Choreografie mit "Azul vivo: Havana at Midnight".

Klassische Elemente

River North Dance Chicago kam mit einer perfekten, nicht zuletzt durch Joshua Paul Weckessers großartiges Lichtdesign äußerst beeindruckenden Bühnenshow ins Kurtheater. Frank Chaves setzt im Gegensatz zu mancher Truppe in den vergangenen Jahren, nicht so sehr auf das Spektakuläre, die an Tanzsport erinnernden Riesensprünge, Hebefiguren und verblüffenden Körperbewegungen; er setzt auf den Tanz, auch den klassischen Tanz, so dass man an diesem Abend immer wieder ganz klassische Schritte und Formationen erkennen konnte, die er aber kreativ und abwechslungsreich zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten nutzt.

Eigener Stil

Wie sehr die Truppe damit ihren eigenen, fast klassischen Stil entwickelt hat, zeigt der Kontrast zu den drei Gastchoreographien. Es ist für den Zuschauer spannend, dass Chaves solch unterschiedliche Ausprägungen heutigen Tanztheaters innerhalb seines Programmes zulässt.
Die Truppe wurde vom Bad Kissinger Publikum vor allem im zweiten Teil mit viel Szenenapplaus zwischen den einzelnen Teilen und am Schluss von "Havana Blue" mit einem vielstimmigen "Bravo"-Aufschrei gefeiert und erst nach vielen Aufzügen in die Garderoben entlassen.