Es war bereits der neunte Ukraine-Einsatz der Initiative "Bad Brückenau hilft" - und er toppte für das Team alle bisherige Dramatik. Statt wie bislang "nur" an die polnisch-ukrainische Grenze zu fahren, gingen Christian Wirth und Dirk Stumpe als kleine Rhöner Abordnung mit Anastasia Diachkova als Dolmetscherin Mitte Juli in das kriegsgebeutelte Land.

"Es war schon ein merkwürdiges Gefühl", beschreibt Wirth den Grenzübertritt und das Passieren etlicher streng bewachter Kontrollpunkte. Auch, weil verstärkte russische Angriffe angekündigt gewesen seien.

OP-Werkzeug und Schmerzmittel

Planmäßig hatte zuvor der Hauptkonvoi aus einem Dutzend Rhöner Ehrenamtlichen seine humanitäre Fracht am Ankunftszentrum des polnischen Grenzübergangs Przemysl abgeladen. Über ein Netzwerk von Unterstützern werden die Hilfsgüter von dort aus im osteuropäischen Nachbarland verteilt, sagt Mitinitiator Dirk Stumpe: "Wir haben inzwischen viele Ansprechpartner vor Ort, durch die alles zu hundert Prozent ankommt."

Um sich von der Verteilung selbst einen Eindruck zu verschaffen, wagte die kleine Delegation Mitte Juli den Aufbruch ins Ungewisse. Ziel waren Lwiw und Kamjanez-Podilskyj. An Bord des Sprinter-Busses hatte das Team unter anderem medizinisches Gerät und Medikamente für das Kreiskrankenhaus in Kamjanez. Zurück in Bad Brückenau, sind die Helfer noch immer voller Eindrücke: "Der herzliche Empfang in der Ukraine war überwältigend", sagt Dirk Stumpe.

Besonders der Besuch in dem Krankenhaus nahm die Bad Brückenauer mit: "Es herrscht riesiger Mangel dort", sagt Christian Wirth. Zwar hätten sie in den vergangenen Wochen in Bad Brückenau Betten, medizinisches Gerät und Medikamente sammeln und über Boten in die Ukraine bringen können. Doch OP-Instrumente und Schmerzmittel fehlen.

Wie schnell es vor Ort gefährlich werden kann, hätten sie am eigenen Leib gespürt, berichten die Helfer. Plötzlich habe es Fliegeralarm gegeben, mit ihrer Gastgeberin seien sie verunsichert in einen privaten Luftschutzkeller gehastet. "Eine halbe Stunde harrten wir aus, dann haben wir erst einmal ein Bier aufgemacht", erinnert sich Dirk Stumpe an die Entwarnung.

Besonders wichtig wurde Kleinbus

Bei den ersten Spendenaufrufen von "Bad Brückenau hilft" in diesem Frühjahr war den Unterstützerinnen und Unterstützern nicht bewusst, wie nah der Krieg ist. Und wie sich ihre Idee ausweiten würde. Spontan war aus der Kurstadt im März zunächst ein Konvoi aus neun Autos zur ukrainischen Grenze gestartet. Die mitgebrachten Eindrücke und die Schilderungen von verzweifelten Flüchtlingen spornten zu noch mehr Einsatz an: "Immer mehr Kofferräume liefen voll", erinnert sich Christan Wirth, der Unternehmer für Lagertechnik ist. Beim nächsten Transport war eine gebürtige Ukrainerin als Dolmetscherin dabei, um sich der Geflüchteten besser annehmen zu können. Besonders wichtig für Hilfssuchende wurde ein Kleinbus im Rhöner Tross: Spontan schrieben die Helferinnen und Helfer ein Pappschild, auf dem sie Mitfahrgelegenheiten nach Unterfranken anboten.

Geflüchtete nicht auf sich selbst gestellt

Dankbar hätten Menschen das Angebot angenommen, berichten die Helfer. 21 Geflüchtete mit fünf Kindern, die zuvor stundenlang auf dem Steinfußboden eines Einkaufszentrums ausgeharrt hatten, fassten dank des Busses aus Bad Brückenau wieder Hoffnung.

In der Rhön blieben und bleiben die Flüchtlinge nicht auf sich selbst gestellt: Die Initiative "Bad Brückenau hilft" organisierte Wohnungen und Einrichtung, Ehrenamtliche schleppten Möbel und stehen auch weiter bei Behördengängen und Übersetzerdiensten parat. Außerdem bieten sie neuerdings Deutschkurse samt Fahrgelegenheit an.

"Wir sind breit aufgestellt", freut sich Dirk Stumpe, selbstständig in Sachen Textildruck, über die Mitwirkung quer durch alle Schichten. Unterstützung hätten Kleiderbasare und ein Benefizkonzert gebracht, sowie Bad Brückenauer Geschäftsleute. Inzwischen ist "Bad Brückenau hilft" als Verein eingetragen. 53 Mitglieder und rund 100 Helferinnen und Helfer unterstützen aktuell das Projekt.

Dreh- und Angelpunkt aller Sammlungen ist der ehemalige Bad Brückenauer Bahnhof, den die Stadt als Lager zur Verfügung stellt. Das aufgebaute Vertrauen lässt das Netzwerk wachsen. Teils seien palettenweise Rhöner Limonade, Mineralwasser und Reinigungsmittel eingegangen, berichten die Initiatoren. Und bei den langen Autofahrten der Helferinnen und Helfer Richtung Ukraine würden weitere Ideen für künftige Projekte reifen. Schwerpunkte sollen unter anderem die Unterstützung für das Kreiskrankenhaus in Kamjanez und ein Spielgelände für traumatisierte Kinder an der Grenze bleiben.

Gut läuft derzeit die Sammlung von alten Schulmöbeln, sagt Christian Wirth. Bis der Transport demnächst starten kann, werden die Helferinnen und Helfer noch ganz schön schuften müssen: Wirth rechnet mit vier Sattelschleppern voller Möbel. "Die Arbeit schweißt alle zusammen, jeder kann sich auf jeden verlassen."

Dankbarkeit spornt die Ehrenamtlichen aus der Rhön an

Der Antrieb für all das Anpacken und Engagement? Unter anderem die "tiefe Kultur der Dankbarkeit in der Ukraine", sagt Vereinsschriftführer Thomas Weißenfeld. Er komme kaum hinterher, all die ergreifenden Begebenheiten zu dokumentieren. Für Kinder auf der Flucht hat die Initiative bereits 2500 Turnbeutel mit Stiften, Malbuch und einem Getränk gepackt und verteilt. Die Freude selbst über diese vermeintlichen Kleinigkeiten wirke auch bei den Helferinnen und Helfern, sagt Christian Wirth: "Keine Tour endet ohne das Bekenntnis, dass wir weitermachen."

Infos und Kontakt: Was aktuell gebraucht wird, darüber informiert der Verein auf der Seite brkhilft.org. Spenden werden immer mittwochs von 16 bis 19 Uhr am ehemaligen Bad Brückenauer Bahnhof angenommen.Wolfgang Dünnebier