Als Waldemar Bug (ÖDP) im Kreistag bekanntgab, dass er sein Mandat niederlegt, war die Atmosphäre plötzlich angespannt. Die einen waren überrascht, andere schockiert. Christian Fenn (Grüne/BfU) versuchte Bug zu beschwichtigen: "Wer so viele Jahre auf dem Buckel hat, wird hier im Gremium gebraucht", sagte er. "Überleg dir noch mal, was du da entscheidest." Doch Bugs Entschluss stand offenbar schon länger fest.

"Es ist Fakt, dass ich das Mandat abgebe", sagt Bug am Dienstag im Gespräch mit dieser Redaktion und fügt hinzu, dass er seinen Rücktritt nach der Sitzung am Montag bereits schriftlich bei Landrat Thomas Bold einreichte.

Es sei jetzt genug, sagt er. "Ich war 20 Jahre lang im Kreistag und habe 20 Jahre für die Sache gekämpft." Er zeigt sich enttäuscht über so manche Entscheidung, die im Gremium in all den Jahren gefallen ist. Auf landkreiseigene Gebäude Fotovoltaikanlagen zu montieren, reiche nicht aus, um die Klimakatastrophe zu verhindern, so der erfahrene ÖDP-ler.

Bug: Landkreis könnte mehr fürs Klima tun

Seiner Ansicht nach gibt es Etliches, das der Landkreis in Angriff nehmen könnte. Beispiel Windkraft: Der Landkreis hat aktuell den Vorsitz im Regionalen Planungsverband Main-Rhön. Bug ist der Meinung, der Kreis könnte versuchen, die Windkraft voranzubringen und im Gremium anzuregen, weitere Vorrang- und Vorbehaltsgebiete für Windkraftanlagen auszuweisen.

Beispiel 10H-Regelung für Windkraftanlagen: Das Bayerische Landesentwicklungsprogramm liegt derzeit aus, sagt Bug. Kreise und Kommunen können jetzt Stellungnahmen abgeben. Nach Bugs Meinung könnte man vonseiten des Kreises fordern, dass die 10H-Regelung fallen muss, wenn die Landkreise eine dezentral nachhaltige Energieversorgung auf die Beine stellen sollen.

Kritik parat hat Bug bezüglich der Schulneubauten des Kreises: Vielleicht kommt ja ein Neubau tatsächlich günstiger, sagt er und nennt als Beispiel das neue BBZ und das geplante Hammelburger Schulzentrum. Dennoch müsse man bedenken, was mit den später leerstehenden alten Schulen passiert.

Abreißen oder sanieren sei dann die Frage, so Bug. Die so entstehenden Kosten müsse man eigentlich auf die Neubau-Kosten draufsatteln, dann käme alles sehr viel teurer.

Was ihn jüngst noch einmal geärgert habe, ist die Tatsache, dass fürs Heizen des geplanten Schulzentrums in Hammelburg die Möglichkeit der Geothermie-Wärmeerzeugung einfach abgetan worden sei, nachdem sich das Bohren in die Tiefe als ungünstig und kostspielig herausgestellt hatte.

Flächenthermie wäre, nach Bugs Ansicht, aber auch möglich gewesen. "Man hätte Wärme-Kollektoren in eine größere Fläche legen und die entstehende Energie über Wärmepumpen nutzen können. "Das frustriert mich, wenn da gar nicht weiter drüber diskutiert wird."

"Ich war überrascht und schockiert, dass er hinschmeißt", sagt CSU-Fraktionsvorsitzender Siegfried Erhard (Oerlenbach) am Dienstag. Bug hatte im Gremium kritisiert, dass im Haushalt das Thema erneuerbare Energien keinen Vorrang habe. "Das ist ja in Ordnung", sagt Erhard. Demokratie lebe von der Meinungsvielfalt. "Aber es ist in der Demokratie eben auch so, dass nicht jeder gleich das bekommt, was er fordert." Es sei nicht so, dass der Landkreis gar keine regenerativen Energien einplane. "Zum Beispiel sind auf sämtlichen Häusern, die der Landkreis sanierte, inzwischen Fotovoltaikanlagen installiert", so der Fraktionschef. Ein Zeichen, dass man sich mit dem Thema nun im Kreis intensiv befassen werde, ist für Erhard die Einstellung eines Klimamanagers.

Kann man denn in Bezug auf regenerative Energien alles gleich umsetzen? Nach Erhards Ansicht würde man oft in die Verschuldung gehen müssen. "Ich bedauere es sehr, dass Waldemar Bug geht." Bug hätte bleiben sollen, findet Erhard. Denn freilich laufe man in der Politik auch öfter "gegen Windmühlen". Aber Bug habe ja auch "schrittweise Erfolge" verbuchen können.

Partsch: Enttäuschung, aber Verständnis

"Ich bin mega enttäuscht, dass er diesen Schritt gemacht hat", sagt der Fraktionsvorsitzende von Grüne/BfU, Volker Partsch (Langendorf). "Aber ich verstehe ihn auch, denn ihm geht vieles in der Kreispolitik zu langsam." Andererseits habe er irgendwie auch damit gerechnet, dass es mal so kommen würde, sagt Partsch, denn Bug habe ihm gegenüber mehrfach geäußert, dass er keine Kraft mehr habe, alles zum Thema regenerative Energie ständig neu zu erklären. Bug sei ein "sehr geschätzter Kollege". "Dass er geht, sollte für uns ein Weckruf sein." Er habe beständig gemahnt, dass man sich um das Thema Klima schleunigst kümmern muss. "Denn auch jetzt, wo andere Krisen aktueller erscheinen, findet die Klimakrise weiter statt." Dass Bug sich vom Kreistagsgremium verabschiedet, bezeichnet Partsch als "Verlust".

Dass Norbert Schmäling (Oberthulba) als Gast an der Kreistagssitzung am Montag teilnahm, nahm Fraktionssprecher Wolfgang Dünisch (FW-CBB, Poppenlauer) mit Erstaunen wahr.

Im Nachhinein sei dann klar gewesen, warum er zur Sitzung kam, sagt Dünisch. Denn Schmäling ist der Nachrücker für Waldemar Bug auf der ÖDP-Kreistagsliste zur Kommunalwahl 2020. Dass Bug sich jetzt aus dem Gremium verabschiedet, habe ihn "geschockt", sagt Dünisch.

"Er war ein feiner Kerl, vielleicht in seinen Ansichten manchmal etwas extrem, aber schließlich kann jeder seine Meinung in der Diskussion einbringen." Bug habe große Erfahrung und profunde Kenntnisse in Sachen grüne Energie. "Ich fand´s gut, dass er dabei war."

Auch Landrat Thomas Bold sei offensichtlich erschrocken gewesen über Bugs Ankündigung. Beide seien im Kreistag lange einen gemeinsamen Weg gegangen, "da kennt man die Ecken und Kanten", sagt Dünisch. Freilich habe Bug oft sozusagen aus der Opposition heraus argumentiert. "Aber künftig fehlt eben auch eine Meinung, die mal wachgerüttelt hat."

"Waldemar Bug ist ein Kämpfer für die Sache", sagt SPD-Fraktionsvorsitzender Norbert Schaub (Hammelburg). "Ich war schockiert und sprachlos", teilt er seine Empfindungen vom Montag mit. In Sachen Klimaschutz sei Bug sehr bewandert. "Wir verlieren jetzt Kompetenz und Wissen, das ist sehr, sehr schade."

Schaub: Bug war das "grüne Gewissen"

Bug sei in gewissem Sinn das "grüne Gewissen" der Kreistagsmitglieder gewesen und habe ständig darauf hingewiesen, dass es in Sachen Klima nicht nur "fünf vor Zwölf" ist, sondern schon längst darüber. Bug habe vieles schneller machen wollen als die Verwaltung es bewerkstelligen konnte, glaubt Schaub. So sei zwar nun das Klimaschutzkonzept im Kreis auf den Weg gebracht worden. "Aber wir brauchen dabei vor allem die Unterstützung der Kommunen.

Das ist das Wesen der Demokratie." Und das erfordere eben eine gewisse Zeit der Umsetzung. Auch für Schaub hat das Thema Klima, wie er sagt, einen sehr hohen Stellenwert. Deshalb habe er sich auch im Stadtrat Hammelburg für ein Klimaschutzkonzept mit stark gemacht.

Dass Bug sein Mandat niederlegte, sei für ihn "völlig überraschend" gewesen, sagt Landrat Thomas Bold am Dienstag. Er hatte bereits in der Kreistagssitzung sein Bedauern über das Ausscheiden des ÖDP-Kreisrats in Worte gefasst. Man verliere mit Bug einen "erfahrenen und profilierten Politiker".

Isolde Krapf