Können Kitas in Pandemie-Zeiten sicher geöffnet bleiben? Und wenn ja, wie? Antworten darauf sollte der zweite Teil der groß angelegten Corona-Studie in Würzburger Kinderbetreuungseinrichtungen geben. Für "Wü-KiTa-CoV 2.0" wurden von Mai bis Juli 800 Kinder sowie 150 Erzieherinnen und Erzieher in neun Kitas eingeladen, sich zweimal pro Woche auf Corona testen zu lassen.

Ergebnis: Es wurden kaum Ansteckungen gefunden - aber ein effektives Testkonzept. "Wir halten die Spucktest-Methode für geeignet", sagt Prof. Johannes Liese, Kinderarzt und Infektiologe am Uniklinikum Würzburg, der zusammen mit Mikrobiologe Prof. Oliver Kurzai von der Uni Würzburg die Studie leitet. Im Gespräch erklärt Liese, warum Kitas keine Corona-Hotspots sind, wie Spucktests funktionieren und mit welcher Teststrategie Kitas der vierten Welle trotzen könnten.

Interview mit Professor Liese: So können Kitas im Herbst 2021 geöffnet bleiben

Was waren die beiden zentralen Ergebnisse der zweiten Studienphase?

Prof. Johannes Liese: Wir haben ab Mai 2021 über zwölf Wochen PCR-Tests oder Antigen-Schnelltests in neun Kitas durchgeführt und konnten dabei keinen einzigen relevanten Ausbruch von Sars-CoV-2 beobachten. Es wurde bei mehreren Tausend Tests nur eine einzige Infektion nachgewiesen. Das ist das Hauptergebnis: Die Infektionsaktivität in den Kitas war weiterhin sehr niedrig. Dabei wurde auch der Antikörper-Status der Teilnehmer gegen Sars-CoV-2 untersucht, um sicherzustellen, dass wir keine Infektion übersehen haben.

Kitas sind also keine Corona-Hotspots und Kinder keine Treiber der Pandemie?

So kann man es auf den Punkt bringen - verbunden mit dem kleinen Wörtchen "bisher". Das muss man dazu sagen.

Wie aussagekräftig ist dieses Ergebnis?

Es ist zunächst ein vorläufiges Ergebnis, da noch nicht alle Daten ausgewertet sind. Aber etwa 50 bis 60  Prozent der eingeladenen Kinder und 70 bis 80 Prozent der eingeladenen Betreuerinnen und Betreuer haben teilgenommen. Das ist eine sehr gute Teilnahmequote. Wir hatten in einer Vorstudie in Kooperation mit dem Leibnitz-Institut in Jena berechnet, dass man etwa die Hälfte der Kinder in einer Kita testen muss, um Corona-Ausbrüche rechtzeitig zu erkennen. Wir gehen also davon aus, dass all unsere Ergebnisse aussagekräftig sind.

Ziel der Studie war auch, eine einfache und günstige Teststrategie für Kita-Kinder zu finden. Wie sind Sie vorgegangen?

Generell hatten wir uns entschieden, die Testungen zu Hause durchführen zu lassen. So akzeptieren viele Kinder die Tests leichter, das wussten wir bereits aus der ersten Phase der Studie. Zur Wahl standen Antigen-Schnelltests mit einem Nasenabstrich oder Spucktests für eine PCR-Untersuchung im Labor. Bei den Spucktests nehmen die Kinder Wasser in den Mund, spülen und spucken Speichel und Wasser in ein Röhrchen. Das tut nicht weh und ist einfach. Untersucht werden diese Mundspülproben dann im Labor in einem sogenannten Pooling.

Was ist das?

Das Pooling ist ein Verfahren, bei dem Mundspülproben von acht bis zwölf Personen zusammengeführt und gemeinsam analysiert werden. Nur bei einem positiven Befund werden dann in einer zweiten Untersuchung noch einmal Einzeltests von den ursprünglichen Proben gemacht.

Wie zuverlässig ist diese Methode?

Das Pooling hat sich gut bewährt. In der Phase mit niedriger Inzidenz wurden Pooling-Untersuchungen aus Effizienzgründen nicht nur hier in Würzburg, sondern in vielen Regionen Bayerns und Nordrhein-Westfalens genutzt. Das Pooling ermöglicht die Durchführung von hochempfindlichen PCR-Untersuchungen auch in großen Zahlen.

Welches Konzept schlagen Sie und Ihr Team konkret vor, um Kitas in der Pandemie künftig offen halten zu können?

Wir würden vorschlagen, dass im Herbst, wenn die vierte Corona-Welle erwartet wird, in den Kitas weiter regelmäßig getestet wird - und zwar mit einer Methode, die einfach anzuwenden und bei der die Mitmachrate der Kinder und Eltern hoch ist. Wir halten die Spucktest-Methode dafür für sehr geeignet - es ist jedoch ein hoher organisatorischer Aufwand, auch Laboraufwand, dafür erforderlich. Entscheidend ist, dass überhaupt regelmäßig getestet wird. Das geht auch mit den etwas weniger genauen Antigen-Schnelltests.

Experten warnen bereits jetzt vor dem Szenario, dass sich im Herbst vor allem Ungeimpfte infizieren könnten. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht denn für die Kita-Kinder?

Wir haben schon im letzten halben Jahr gesehen, dass sich zunehmend Jugendliche und junge Erwachsene an weiterführenden Schulen anstecken. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in Zukunft mehr Schulkinder und Kitakinder betroffen sind. Wann genau, können wir nicht vorhersagen - aber davon ist auszugehen.

Wäre aus Ihrer Sicht vor diesem Hintergrund eine Impfung für Kinder also sinnvoll?

Bisher gibt es keine Impfempfehlung für alle Kinder und Jugendlichen - schlicht, weil wir noch nicht ausreichend Daten zur Sicherheit der Impfstoffe in diesen Altersgruppen haben. Es gibt eine Empfehlung für Jugendliche mit Grunderkrankungen, denn da besteht das Risiko, dass Covid-19 schwer verläuft. Sonst ist Covid-19 im Kindesalter im Allgemeinen eine leichte Infektion der oberen Atemwege, die in aller Regel ohne Komplikationen verläuft. Da muss man sich natürlich überlegen, ob man alle Kinder dagegen impfen sollte. Bei Kindern ohne Vorerkrankung ist der gesundheitliche Vorteil für das einzelne Kind in den meisten Fällen wahrscheinlich gering. Wenn man aus anderen Gründen impft, zum Beispiel um der Ausbreitung ansteckenderer Virenvarianten vorzubeugen oder den regulären Kita- und Schulbesuch aufrechterhalten zu können, muss man die Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe gut belegen können.

Werden Sie die Kita-Studie über den Herbst hinaus fortführen?

Die Studie ist in den Kitas jetzt beendet. Aber wir werten die Daten weiter aus, beispielsweise die Fragebögen zur Belastung der Eltern und Kinder durch das Testen. In allen Kitas können Eltern ihre Kinder weiter freiwillig mittels kostenfrei zur Verfügung gestellter Antigen-Schnelltests testen. Eine echte Teststrategie mit einer PCR-Pooltestung in der Feinheit und Empfindlichkeit, wie wir sie jetzt untersucht haben, gibt es bisher nicht. Natürlich wäre es ein großer Aufwand, das in ganz Bayern in allen Kitas zu machen.

Aber Sie würden Ihr Testkonzept für alle Kitas empfehlen?

Ja, ich denke, wir werden weiterhin Testkonzepte benötigen - sei es mit PCR-Tests aus Speichelproben oder mit Antigen-Schnelltests. Zumindest im Herbst. So lange noch große Teile der Bevölkerung ungeimpft sind, ist eine regelmäßige Testung wichtig. Anders lassen sich Infektionsherde einfach nicht rechtzeitig erkennen. Wenn die Impfquote hoch genug ist und die Risikogruppen geimpft sind, wird man vermutlich eines Tages Sars-CoV-2 wie andere Viren als "normales" Erkältungsvirus akzeptieren können. Aber so weit sind wir noch nicht.

Das Gespräch führte Susanne Schmitt

Die Kita-Corona-Studie "Wü-KiTa-CoV" ist der Titel der Würzburger Kindergarten-Corona-Studie, die im September 2020 gestartet ist. In der ersten Phase wurde ein halbes Jahr lang in neun Kitas beobachtet, wie stark sich Corona in den Einrichtungen verbreitete und wie gut regelmäßiges Testen über einen längeren Zeitraum von den Kindern, Eltern und Betreuern akzeptiert wurde. In Phase zwei suchten die Wissenschaftler von Mai bis Juli in der Folgestudie "Wü-KiTa-CoV 2.0" nach einer praktikablen Teststrategie, um künftig eine sichere Kinderbetreuung trotz Pandemie zu ermöglichen.

Geleitet wurde die Untersuchung von Prof. Johannes Liese, Leiter der pädiatrischen Infektiologie der Uni-Kinderklinik, und Prof. Oliver Kurzai, Professor für medizinische Mikrobiologie der Uni Würzburg. Ihr Team wurde von der Stadt Würzburg unterstützt. Beteiligt waren u.a. die Virologie, die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Allgemeinmedizin und die Klinische Epidemiologie von Uni und Uniklinik Würzburg. Finanziert wurde die Studie durch das Land Bayern über das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL).   Quelle: sp Uniklinik