Die Befürchtungen waren groß: Nach der Flüchtlingswelle 2015 sagten viele für 2016 die Welle des Familiennachzugs für Deutschland voraus. Schließlich müssen Asylberechtigte den so genannte privilegierte Familennachzug innerhalb von drei Monaten nach ihrer Anerkennung beantragen, sonst entfällt der verbindliche Anspruch. Trotzdem kamen wenige: 18 Nachzüge gab es laut Landratsamt im gesamten Jahr 2016 im Landkreis: Fünf Personen haben ihre Verwandten nachgeholt.


Flucht zunächst ohne Kinder

"Der Familiennachzug ist eher verhalten, weit unterhalb der Erwartungen", kommentiert Johannes Hardenacke von der Regierung von Unterfranken den Stand. Entspannt hat sich auch die Situation in den staatlichen Unterkünften (siehe Seite 4). Wie lange Familiennachzüge dauern können und was die Angehörigen dabei durchmachen, zeigt die Geschichte der syrischen Witwe Muna Ali: Nach dem Tod ihres Mannes flüchtete die Grundschullehrerin 2015 über das Mittelmeer und die Balkan-Route nach Deutschland. Ihre beiden Söhne ließ sie damals zurück, erst kurz vor Weihnachten sah sie die beiden endlich wieder.
Die heute 36-Jährige lebt in Hammelburg und ist als Asylberechtigte anerkannt. Laut Gesetz hat sie damit einen privilegierten Anspruch auf den Nachzug ihrer sechs- und neunjährigen Söhne Miran und Mohammad. Aber der Bürgerkrieg in Syrien, der gescheiterte Putsch in der Türkei, die deutsche Bürokratie und fehlende Papiere schrieben eine schmerzvolle Trennungsgeschichte.
Christian Jung aus Heiligkreuz vom Freundeskreis für Flüchtlinge hat Muna Ali in den vergangenen eineinhalb Jahren begleitet. "Manches ist einfach weltfremd", kommentiert Jung das Verfahren und zeigt auf einen Ordner voller Akten. Ohne tiefere Sprachkenntnisse sei der Umgang mit dem Amtsdeutsch nicht zu bewältigen. Über ein Dreivierteljahr kämpfte der 65-Jährige fast täglich mit Hemmnissen. Immerhin gab es Unterstützer, etwa regionale Mandatsträger und das Landratsamt. Aber ohne den zähen Streiter hätte es möglicherweise düster ausgesehen. "Ohne Christian wäre alles kaputt", würdigt Muna Ali die Verdienste des pensionierten Vermessungsbeamten für ihre kleine Familie.


Alleine im Flüchtlingslager

Die 36-jährige hatte ihre Kinder zunächst bei der Oma in Aleppo gelassen. Gemeinsam flüchteten sie im Februar 2016 ins nordsyrische Flüchtlingslager A' zaz, allerding fiel die Großmutter nach einem Schlaganfall ins Koma. Die Kinder waren unter den bis zu 300 000 Lagerbewohnern ohne Begleitung. Bereits im Sommer sollten sie mit Unterstützung eines Onkels in Izmir nach Deutschland ausreisen. Doch dann kam der Putschversuch in der Türkei. Das Land begrenzte die Einreise aus Syrien. Miran und Mohammad versuchten zwei Mal mit Hilfe von Schleppern über die grüne Grenze zu kommen. Erst im Oktober klappte die Weiterreise nach Izmir, doch das Generalkonsulat dort spielte nicht mit. Die deutschen Diplomaten forderten die Geburtsurkunden. Unter dem Einsatz von Christian Jung, Verwandten, Geld und Landboten wurden "bunt bestempelte Kopien von Hand zu Hand" (Jung) aus Damaskus besorgt. Weil zudem die Vollmacht des Onkels nicht anerkannt wird, muss sich auch noch Michael Frank, der Büroleiter der SPD-Bundestagsabgeordneten Sabine Dittmar über das Auswärtige Amt einschalten. Erst gibt es ein Visum, erst nach erneutem Nachfragen die Ausreisegenehmigung.
Mohammad geht inzwischen in Hammelburg in die Schule, Miran in den Kindergarten. Christian Jung hat je einen Ordner angelegt. Mit allen Dokumenten samt der Geburtsurkunden aus Damaskus. Auch ohne diese Erinnerungen werden die Kinder den entbehrungsreichen Weg in ihr neues Leben niemals vergessen.

245 Familienangehörige zogen in den ersten elf Monaten 2016 insgesamt nach Unterfranken nach. 15 600 Flüchtlinge wohnten Mitte Januar 2016 im Bezirk in staatlichen Unterkünften, aktuell sind es nur noch rund 11 500. Darunter befinden sich 3200 so genannte Fehlbeleger, also anerkannte Asylbewerber, die sich eigentlich selbst Wohnungen suchen müssten. Im Landkreis Bad Kissingen sind aktuell von 285 Bewohnern der Gemeinschaftsunterkünfte 91 Fehlbeleger. Bei den dezentralen Unterkünften sind es 228 von rund 500 Bewohnern, deshalb werden heuer wohl weitere Unterkünfte geschlossen, sobald die Bewohner untergebracht sind.
"Die Bereitstellung von ausreichend Wohnraum ist eine der größten Herausforderungen", sagt Johannes Hardenacke von der Regierung von Unterfranken. Der Bezirk habe als erster in ganz Bayern im vergangenen Jahr 21 Wohnungen in Karlstadt geschaffen, ein weiteres Projekt laufe derzeit in Höchberg. Förderprogramme sollen zudem Kommunen und private Investoren unterstützen. Für den Landkreis Bad Kissingen gebe es bislang allerdings noch keine Projekte. Kommunen könnten für zweckgebundene Wohnungen auf bis zu 90 Prozent Förderung hoffen.
"Wohnungen zu finden funktioniert eigentlich nur, wenn es deutsche Helfer als Fürsprecher gibt", berichtet Hardenacke. Auch im Landkreis sind viele Ehrenamtliche aktiv. Die Suche sei mühsam, vor allem allein stehende junge Männer seien nicht vermittelbar, berichten Helfer. Sogar Beschimpfungen habe es bereits gegen die Ehrenamtlichen gegeben. Auch die Caritas bemühe sich, Wohnungen für anerkannte Flüchtlinge zu finden, berichtet Kreisvorsitzender Emil Müller: "Das ist eine riesige Herausforderung."