Um ein Haar wäre das Gemeindearchiv beim Hochwasser am Jahreswechsel 2010 auf 2011 "abgesoffen", wie sich Bürgermeister Alfred Frank ausdrückt. Inzwischen ist es im zweiten Stock des Rathauses, hinter dem Fachwerkteil untergebracht. Das ist der Verdienst des ehrenamtlichen Gemeindearchivars Hans Georg Herch. "Solche Leute braucht die Gemeinde", lobt der Bürgermeister. Frank und Herch erzählen gerne von der unglaublichen Rettung der historischen Schätze Gräfendorfs und seiner Ortsteile.

Mit ausholenden Gesten führt Frank aus, wie es zur Beinahe-Katastrophe und zur Rettung in letzter Minute kam. Weil das Rathaus, ehemals Brauerei und Pension Sauer, ab 2009 aufwendig saniert und dabei völlig entkernt wurde, musste das Archiv, das damals höchst provisorisch und laut Herch "wahllos gelagert" warb in den einzelnen Fremdenzimmern der ehemaligen Pension, ausgelagert werden. Doch wohin? Frank hatte die zündende Idee: Ab in den Keller der Kläranlage damit, da ist es schön trocken. Doch dann stieg Ende 2010 das Hochwasser der Saale immer höher.


Siedend heißer Einfall

Der pensionierte Lehrer Hans Georg Herch, 68, hatte erst kurz vor Weihnachten 2010 Bürgermeister Frank zugesagt, sich künftig gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Reinhold Müller um das Archiv zu kümmern. Dabei waren die beiden Anfänger. Als das Hochwasser nur ein paar Tage später bedrohliche Ausmaße annahmund eine weitere Steigerung vorausgesagt wurde, fiel Frank siedend heiß ein, dass das Archiv in der Kläranlage bei Hochwasser vielleicht nicht sicher sei. Kurzerhand bekam die Schonderfelder Wehr den Auftrag, das Archiv in das obere Geschoss des inzwischen teilsanierten Rathauses umzulagern.

Gesagt, getan. Herch deutet beim Eintreten im Rathaus das Treppenhaus hinauf in den zweiten Stock. "Da waren damals noch keine Treppen, da waren Leitern." Über diese Leitern, meterhoch, brachten die Feuerwehrleute das gesamte Archiv Karton für Karton hinauf in die heutigen Räume. Herch wurde damals vom Bürgermeister angerufen: "Du musst sofort kommen, die Gemeindebücher saufen ab!" Das Archiv wäre in der Kläranlage tatsächlich am nächsten Tag unter Wasser gestanden, ist er sich sicher.


Unübersichtliche Situation

Der Archivpfleger beschreibt das Bild, das sich ihnen nach der Rettung des Archivs in die neuen Räume bot: alle Regale halbvoll, in der Mitte die Akten einen Meter hoch, natürlich alles ungeordnet. "Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag. Aber die Archivalien waren gerettet."

Herch und Müller überlegten sich, in einer Ecke anzufangen: "Wir hatten ja keinen Plan, wir haben so was noch nie gemacht." Ihr Glück war die Vorarbeit, die die heutige Kreisschulrätin Doris Grimm aus Himmelstadt, 1985 bis 1987 als Aushilfskraft unter dem damaligen Bürgermeister Johannes Sitter in den im Winter eiskalten Räumen im Sauerhaus geleistet hat. Sie hat nicht nur eine Chronik geschrieben, sondern die Gemeindebücher und sonstigen Akten aus den fünf Ortsteilen auch registriert und beschriftet. "Ohne die Frau Grimm", glaubt Herch, "wäre das alles untergegangen." Ein Jahr lang dauerte die Einräumarbeit.


Schätze aus jedem Ort

Heute empfängt den Besucher ein wohlsortiertes, helles Archiv. Herch hat extra vorher die Heizkörper etwas aufgedreht, was aus irgendeinem Nest unzählige Wespen hervorgelockt hat, die halb taub am Boden, auf dem Block des Reporters und am Fenster herumtaumeln. Die Geschichte der Orte steht nun in großen blauen Metallregalen.

Wolfsmünster hat die ältesten Bücher und füllt zwei Regale. An einer Ecke liegt obenauf ein Rechnungsbuch ohne Deckel, auf dem obersten Blatt steht die Jahreszahl 1783. Schonderfelder und Weickersgrübener Akten und Bücher füllen jeweils ein Regal. Im Archiv sind auch die Deckbücher des Schonderfelder und des Weickersgrübener Dorfebers erhalten. Michelau schafft es auf kein ganzes, hat aber mit einem auf Karton gezogenen Bild von vier muskelbepackten Prachtkerlen von 1892, Überschrift: "Zwei-Zentner-Riege", eines der kuriosesten Archivstücke. Gräfendorf selbst füllt drei Regale.


Das Forschen konnte beginnen

Erst nach der Einräumarbeit konnte Herch mit dem anfangen, was ihm Spaß macht: Forschen. Jedes Jahr nimmt er sich ein Thema vor. Angefangen hat er mit der Frage, seit wann seine Vorfahren auf der Lohmühle, aus der er stammt, waren. Andere Themen waren die Flößerei in Gräfendorf und die Geschichte des heutigen Rathauses. Immer wieder bekommt Herch auch Anfragen zur Ahnenforschung.

Und mehr und mehr Leute, oft Nachfahren weggezogener Gräfendorfer, vermachen dem Archiv alte Fotos, Postkarten, Gemälde. Ein kürzlich hinzugekommenes Fotoalbum etwa stammt von einem Bauingenieur und zeigt den Bohrturm, mit dem in den Dreißigerjahren im Saaletal nach Öl gebohrt wurde.

Herch, der nicht nur für die Presse Archivführungen macht, freut sich über jede Art von Neuzugängen: "Nur das, was wir heute ins Archiv eintragen, können unsere Nachfahren in 100, 200 Jahren rausholen", betont er Bei älteren Urkunden und dergleichen kann er auf die Unterstützung von Kreisarchivpfleger Werner Fella aus Gemünden zählen.