"Die Stadt, die uns den Namen gab"

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Kissingers in Kissingen: Familienfoto vor dem Haus Marktplatz 17, wo der Künstler Gunter Demnig am Freitag zwei Stolpersteine für Mitglieder der Familie verlegte, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind. Siegfried Farkas
Kissingers in Kissingen: Familienfoto vor dem Haus Marktplatz 17, wo der Künstler Gunter Demnig am Freitag zwei Stolpersteine für Mitglieder der Familie verlegte, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind.  Siegfried Farkas
Einige Mitgliedere der Familie Kissinger lasen an den Stationen der Stolpersteinverlegung am Freitag Biografien ihrer ermordeten Angehörigen vor. Siegfried Farkas
Einige Mitgliedere der Familie Kissinger lasen an den Stationen der Stolpersteinverlegung am Freitag Biografien ihrer ermordeten Angehörigen vor. Siegfried Farkas
 
Stolpersteine setzte Künstler Gunter Demnig auch für Mitglieder der Familie Löwenthal. Siegfried Farkas
Stolpersteine setzte Künstler Gunter Demnig auch für Mitglieder der Familie Löwenthal. Siegfried Farkas
 

Für die Kissingers ist Bad Kissingen ein besonderer Ort. Zur Verlegung von neuen Stolpersteinen gab es ein Familientreffen.

Die Stadt gab den Kissingers ihren Namen. Etliche von ihnen wurden von hier aus aber auch in die Vernichtung deportiert.Als sie zum ersten Mal nach Bad Kissingen kam, habe sie dabei schon ein seltsames Gefühl gehabt, erinnert sich Elizabeth Levy. Auf dem Weg durch die Straßen, erzählt die aus Israel zum Familientreffen der Kissingers angereiste Frau, habe sie bei jedem über 60 überlegt, was der vielleicht getan haben könnte. Dann aber merkte sie, dass sie so nicht weitermachen konnte. Die Zeit des Nationalsozialismus sei nur ein kurze Periode gewesen, "und ich will nicht die ganze andere reiche Geschichte, die wir hatten, deswegen wegwischen".
Inzwischen sagt Elizabeth Levy, die in der Familie als eine Expertin für die Familiengeschichte gilt: "Ich liebe Bad Kissingen. Wir sind hier ehrlich willkommen geheißen worden." Hier zu sein, betrachtet sie in gewisser Weise auch als eine Art Statement. Es zeige: "Sie haben nicht gewonnen."


Erinnerung ist noch sehr stark

In der weit verzweigten und über die ganze Welt verbreiteten Familie Kissinger denken nicht alle so, bestätigt Elizabeth Levy auf Nachfrage. Unter den Familienmitgliedern gebe es auch welche, die nicht nach Deutschland kommen oder deutsche Autos kaufen würden, erzählt sie. Die Erinnerung an die Verfolgung und Vernichtung jüdischer Familien, wie der Kissingers, durch das nationalsozialistische Deutschland ist da noch sehr stark.
Die Kissingers, sagt Elizabeth Levy, hatten über 90 Opfer durch die Verbrechen des Nationalsozialismus zu beklagen. Alleine in Bad Kissingen liegen jetzt, seit der neunten Verlegung von Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig am Freitag, acht dieser kleinen, in den Boden eingelassenen Denkmäler für Opfer des Holocaust.
Mindestens 20 Familienmitglieder, die die Verfolgung überstanden, leben heute noch. Ernst Krakenberger ist einer von ihnen. Er hatte den kürzesten Weg zum inzwischen vierten Familientreffen am Rande der Stolpersteinverlegung. Krakenberger reiste, wie schon 2014 bei der ersten Verlegung von Stolpersteinen für Kissingers, aus Schwaig bei Nürnberg an.
Krakenberger hat eine besondere Geschichte. Er vergleicht sie mit der von Anne Frank. 1940 in den Niederlanden geboren, überlebte er die Verfolgung, weil ihn die deutsche Familie Stockmann in den Niederlanden als unehelichen Sohn der jüngsten Tochter ausgab. Seine Eltern überlebten wie durch ein Wunder das KZ. 2010 erreichte Krakenberger, dass seine drei Retter in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem unter die Gerechten der Völker aufgenommen wurden.
Das aktuelle Familientreffen der Kissingers in Kissingen ist ein eher kleines. Elf Mitglieder der Familie sind dazu aus Kanada und den USA, aus Israel, den Niederlanden, Berlin und eben aus Schwaig angereist. Beim allerersten Familientreffen überhaupt, es fand vor gut einem Jahrzehnt ebenfalls in Bad Kissingen statt, dagegen waren es nach Schätzungen von Elizabeth Levy gut 60, beim folgenden in Israel gut 100 und in New York rund 80.
Gunter Demnig, der die Stolpersteine als Kunstprojekt erfand und sie rastlos umsetzt, hat inzwischen nach eigenen Angaben 66 000 dieser kleinen Denkmäler gesetzt. Gleichwohl sind sie nicht bei allen jüdischen Gemeinden gleich gelitten. Es gibt auch Vertreter des Judentums, die sagen, bei dieser Form des Gedenkens würden die Opfer des Nationalsozialismus "erneut mit Füßen getreten".
Elizabeth Levy kennt diese Diskussion. Und findet sie gar nicht so wichtig. Es komme nicht so sehr darauf an, wo das Gedenken an die Opfer einen Platz finde, ob im Boden oder an der Wand, meint sie. Jede Art des Gedenkens sei eine gute Art. Entscheidend sei die Erinnerung an die Menschen, um die es dabei geht. Die Gesellschaft müsse sich beständig mit dem Holocaust auseinander setzen und so dafür arbeiten, dass so etwas nicht wieder passieren kann.
Das war auch die Kernbotschaft der Reden zur Stolpersteinverlegung am Freitagmorgen. Die Stellen, an denen Gunter Demnig Stolpersteine in den Boden vor die letzten freiwilligen Wohnstätten von Opfern des Nationalsozialismus setzt, werden nach den Worten von Oberbürgermeister Kay Blankenburg zu Gedenkorten. In Bad Kissingen mache alleine die Lage dieser Gedenkorte an markanten Stellen mitten in der Stadt deutlich, dass die Opfer der Verfolgung damals aus der Mitte der Gesellschaft herausgerissen wurden. Die Verankerung der Steine in Straßen und Gehsteigen trage dazu bei, die Nazi-Opfer im kollektiven Gedenken zu verankern. Das Aufschreiben der Biografien entreiße die Menschen wenigstens ein kleines bisschen der Anonymität.
Rabbi Ralph Kingsley, der als Rolf Peter Kissinger in Nürnberg zur Welt kam, beschrieb Kissingen bei der Stolpersteinverlegung als "den Ort, von dem wir alle kommen" und "der uns unserer Namen gab". Auch für ihn liegt die entscheidende Bedeutung der Stolpersteine in zwei Worten: "Nie wieder" Die Gedenksteine sollten dazu beitragen, dass sich diese große Hoffnung erfüllt.
Die Meinungen zu Henry, dem bekanntesten aller Kissinger, gehen in der Familie offenbar auseinander. Wie sollte es in einer Familie, die so vielfältig ist, auch anders sein. Die einen meinten, der gebürtige Fürther habe "einen guten Job gemacht". Die anderen baten darum, dass dieser Artikel nicht wie die Mehrzahl aller Artikel mit dem Satz beginne: Die Familie des früheren US-Außenministers und Friedensnobelpreisträgers Henry Kissinger . . . Diese Gefahr war jetzt in Bad Kissingen gering. Henry Kissinger war ja nicht nur diesmal, sondern überhaupt noch nicht da.
Siegfried Farkas
Familiengeschichte

Ahnherr der Familie Kissinger ist Meyer Loeb, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach Kissingen kam, um in der Stadt eine Familie zu gründen. Den Familiennamen Kissinger, schreibt Marlies Walter in den Erläuterungen zur neunten Kissinger Stolpersteinverlegung, dürfte er 1817 angenommen haben, als er die Stadt verlassen und sich in Rödelsee angesiedelt hatte.
Mit den vier neu verlegten Stolpersteinen für Angehörige der Familie (Selma Wolff, Ludwig Kissinger, Ernestine Mannheimer und Cäcilie Rosenbaum) liegen in der Stadt jetzt acht dieser kleinen Denkmäler für Kissingers. Dazu kamen am Freitag noch Stolpersteine für Hannchen Löwenthal und ihre beiden Töchter Ida Neuburger und Camilla Michels. far