Im Kampf um Übernachtungsgäste setzt Bad Kissingen seit diesem Jahr auf das Motto Zeit. "Entdecke die Zeit", heißt der Leitspruch, mit dem sich Stadt und Staatsbad nach Außen präsentieren. Die Stadt will jetzt noch einen Schritt weiter gehen. Auf Initiative von Wirtschaftsförderer Michael Wieden soll eruiert werden, inwieweit Bad Kissingen eine bundesweite Vorreiterrolle einnehmen kann, beim Ausstieg aus der Sommerzeit.

Dafür sprechen aus Wiedens Sicht zwei Gründe. "Über 75 Prozent der Deutschen wünscht sich den Ausstieg", sagte er im Wirtschaftsausschuss. Und: "Das Thema hat einen ersten Hintergrund, der unsere Kernkompetenz Gesundheit angeht." Der Wirtschaftsförderer beruft sich auf medizinische Erkenntnisse verschiedener Fachrichtungen - unter anderem aus der Chronobiologie, der Schlafforschung und der Neurologie - die die Zeitumstellung als ungesund bewerten. Unter anderem Professor Till Roenneberg (LMU München) und die emeritierte Professorin Anna Wirz-Justice (Universität Basel) stehen als fachliche Berater zur Verfügung. Die Stadt arbeite mit "seriösen Wissenschaftlern, die einen entsprechenden Ruf in der Forschung, der Öffentlichkeit und den Unternehmen haben", betonte Wieden. Das Vorhaben sei keine Spinnerei, sondern helfe, sich als Gesundheitsstandort weiter zu profilieren. Er verspricht sich davon breite öffentliche Aufmerksamkeit. "Es gibt einen medialen Nutzen, wenn wir das seriös betreiben und nicht plakativ."

Die Ausschussmitglieder haben am Mittwoch lang und kontrovers diskutiert. Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD) machte klar, dass es nicht darum geht, dass Bad Kissingen plakativ aus der Sommerzeit aussteigt und seine eigene Zeitzone einrichtet. "Es handelt sich nicht um einen billigen Marketing-Gag, sondern um eine ernste Idee. Wir wollen Vorreiter einer Bewegung sein, die mit der Zeitumstellung Schluss macht", sagte er.
Kritik und zum Teil schroffe Ablehnung gab es für das Vorhaben aus allen Fraktionen, ausgenommen der SPD. CSU-Fraktionssprecher Michael Heppes meinte mit Blick auf die Ansiedlung von Luxushotels, die Haushaltskonsolidierung und die Weltkulturerbe-Bewerbung, dass Bad Kissingen seine Kraft in andere Aufgaben stecken sollte. "Ich bin der Meinung, dass das Vorhaben keine Früchte für Bad Kissingen tragen wird", sagte er. Parteikollege Steffen Hörtler stimmte zu: "Ich bin der Meinung, dass wir dafür kein Geld ausgeben sollten." Sigismund von Dobschütz (Freie Wähler) warnte, dass die mediale Aufmerksamkeit sich negativ auswirken könne. "Wir laufen Gefahr, uns in der nicht informierten, breiten Öffentlichkeit lächerlich zu machen."

"Ich sehe das Risiko in diesem ersten Schritt nicht", entgegnete Blankenburg. Die Idee dürfe nicht zur Spaßnummer werden. Wieden versicherte, dass der Stadt keine Zusatzkosten entstehen durch die Machbarkeitsstudie, die er vor dem nächsten Treffen des Ausschusses vorlegen will.

Letztlich gelang es Wieden und dem Oberbürgermeister eine knappe Mehrheit der Räte zu gewinnen. Der Wirtschaftsausschuss beauftragte den Wirtschaftsförderer mit sieben zu vier Stimmen, die Studie zu erstellen. Wieden hat bis Mitte September Zeit, um Möglichkeiten zu prüfen, wie Bad Kissingen eine Vorreiterrolle beim Ausstieg aus der Sommerzeit einnehmen kann.