Seit Tagen sind Baggerfahrer damit beschäftigt, das Regenrückhaltebecken am Embach auszuheben. Der Aushub wird auf einem Areal an der Albertshausener Straße abgelagert. Die teils breiige Masse stinke zum Himmel, sagen Hausbesitzer nebenan. Zudem kritisieren sie, dass das Becken ein Biotop gewesen sei, das nun zerstört wurde.

Das Becken müsse unbedingt umgebaut werden, um das Grundwasser rein zu halten, argumentiert man von Seiten der Stadt Bad Kissingen. Das Wasserwirtschaftsamt machte dazu die Vorgaben: "Grundwasser und Abwasser dürfen bei Regenereignissen nicht miteinander in Berührung kommen", sagt der stellvertretende Behördenleiter Uwe Seidl auf Anfrage dieser Redaktion.

Die Bauarbeiten an der Albertshausener Straße begannen am 3. August. Was die Anwohner danach beobachteten, brachte sie aus der Fassung: Das Areal, das sie in der Vergangenheit als Biotop wahrnahmen - dort wuchsen Wasserpflanzen und tummelten sich seltene Tiere - wurde dem Erdboden gleich gemacht, erzählen sie. "Dass uns die Stadt den Dreck hinkippt und der womöglich jahrelang liegt, bis er getrocknet ist, regt uns ganz schön auf", sagt ein Nachbar.

Teichhuhn umgesiedelt

Ihn, wie auch die anderen Anlieger, habe in der Vergangenheit begeistert, dass man auf der Wiese gegenüber öfter Eisvögel, Störche und Graureiher hatte beobachten können. Jetzt sei alles weg.

"Es stinkt einfach, was man uns da vor die Nase kippt", sagt auch Anwohnerin Beate Schuhmann. Bei der Besichtigung des Aushubs habe man sogar Damenbinden und Toilettenpapier entdeckt. Das könne doch nicht so ohne Weiteres länger liegen bleiben, finden sie und ihr Mann Jochen. Immerhin habe die Stadt veranlasst, dass das Nest eines an dem Biotop brütenden Teichhuhn-Paares umgesiedelt wurde. Das Teichhuhn flattere jedoch immer noch am Rückhaltebecken herum.

Auch Fische wurden aus dem Becken abgefangen, beobachteten die Anwohner. Allerdings nicht alle, sagt Nicole Vieth-Brand. So dass die Nachbarn dann selbst am Abend aktiv geworden seien und dort weitere Tiere abfischten. "Sonst hätten wir mit dem Aushub auch noch tote, stinkende Fische vor die Tür gehabt."

Kritik an Informationspolitik

Die Bürger der Albertshausener Straße kritisieren die städtische Informationspolitik. "Es hieß, es solle Termine geben, wo alles besprochen wird." Aber es habe nur einmal ein Treffen mit OB Kay Blankenburg im Jahr 2019 gegeben. Zwar habe die Stadt vor Beginn der Maßnahme, einen Info-Brief an die Anlieger verschickt. Aber man habe nicht angekündigt, dass der Aushub auf dem Nachbar-Acker liegen bleiben soll.

Regenrückhaltebecken sind Bestandteile jeder Mischwasserbehandlung, sagt der stellvertretende Leiter des Wasserwirtschaftsamts, Uwe Seidl, im Gespräch mit dieser Redaktion. In Albertshausen gibt es zwei solcher Becken. Das Becken vor der früheren Kläranlage am Gewerbegebiet wurde bereits runderneuert und 2018 in Betrieb genommen.

Die Anlage an der Albertshausener Straße am Embach gibt es in ihrer jetzigen Form seit 2007. Nun müsse sie, zum Schutz der Bürger, umgebaut werden, so Seidl. Denn in einem Rückhaltebecken dürfe sich, ohne Regenereignis, kein Wasser befinden. In der Anlage am Embach stehe das Grundwasser jedoch stets über der Sohle. Jetzt soll diese angehoben werden und das Becken um ein Drittel vergrößert werden, um das Grundwasser vor Verunreinigungen zu bewahren.

Bei Regenereignissen fließt jede Menge Wasser in die Kanalisation. Damit die Schachtdeckel im Ort nicht von den Massen hochgedrückt oder Keller überflutet werden, braucht man unter anderem auch Regenrückhaltebecken, erklärt Alexander Pusch, Leiter des Abwasserbetriebs und Hochwasserschutzes der Stadt Bad Kissingen. Sie sind sozusagen die letzte Instanz, bevor das Mischwasser gedrosselt in den Embach abgegeben wird. Zuvor sollen sich in den Becken jedoch Sedimente aus Abwasser und Regenwasser ablagern, damit sie nicht in den Bach gelangen, erklärt Pusch die Feinheiten der Regenrückhaltung.

Eine Verbindung zum Grundwasser darf in den Becken aber nicht bestehen, so Pusch weiter. Deswegen werde das Becken jetzt ertüchtigt. Man hebe die Sohle an und müsse das Becken verbreitern, um das Volumen zu erhalten. Das Wasserwirtschaftsamt berät als Fachbehörde. Die Planungen übernahm das Ingenieurbüro Hahn (Bad Kissingen). Das Landratsamt musste für das Vorhaben eine Betriebserlaubnis erteilen.

Die Rettung des Tierlebens in dem Biotop am Regenrückhaltebecken habe die Stadt im Vorfeld mit der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt besprochen, so Pusch weiter. Es sei eigens ein Mann vom Landesbund für Vogelschutz angereist und habe das Umsetzen des Teichhuhn-Nests begleitet. Dazu sei eine Ausnahmegenehmigung der Regierung notwendig geworden. "Das Nest wurde an den Mäander beim Kindergarten umgesiedelt." Jetzt schicke man zur Dokumentation alle paar Tage Fotos an die Regierung. Die Fische seien, in Zusammenarbeit mit der Naturschutzbehörde, abgefischt und in Wassertonnen an den Hurlacher See bei Euerdorf umgesiedelt worden.

Fische nach Euerdorf gefahren

Weil man an einem Abend nicht alle einfangen konnte, sei man am Morgen erneut ans Werk gegangen und habe erneut drei Wassertonnen mit Fischen nach Euerdorf gefahren, schildert Pusch das Prozedere.

Liegen bleiben soll der feuchte Aushieb nicht, sagt der städtische Pressesprecher Thomas Hack. Man habe zunächst gedacht, das Material austrocknen zu lassen, bevor es weggefahren wird. Aber jetzt habe man gesehen, dass es zeitnah entsorgt werden muss. Nach Angaben des stellvertretenden Wasserwirtschaftsamtschefs Seidl wurden von dem Aushub Bodenproben gezogen. Er enthalte keinerlei Schadstoffe.

"Wir arbeiten fieberhaft an einer Lösung", sagt Betriebsleiter Pusch in Bezug auf den Abtransport der schlammigen Masse und macht Hoffnung, dass bald eine Firma gefunden ist.

Isolde Krapf