Es sind keine großen Beträge, die die Stadt an bedürftige Menschen geben kann. Aber sie hilft, wo sie kann. In diesem Jahr gab es zu Weihnachten einen Brief mit einer kleinen Gabe. Als im Winter Februar 2012 mehrere Münnerstädter durch einen Brand plötzlich obdachlos geworden sind, konnte die Stadt ebenfalls finanzielle Hilfe leisten. Möglich ist dies dank der sogenannten Neujahrswunschenthebung. Diese alte Tradition der Neujahrswunschspende hat sich in Münnerstadt bis heute erhalten.

Das Procedere ist einfach. Münnerstädter Bürger spenden zum Jahresende einen Geldbetrag auf ein zweckgebundenes städtisches Spendenkonto. Die Namen der Spender werden alljährlich am 31. Dezember in der Münnerstädter Zeitung veröffentlicht.


"Wir machen das weiter, weil wir dadurch Geld für Leute in finanzieller Not erhalten", betont Bürgermeister Helmut Blank (CSU). Er selbst hat diese Tradition von seinem Vorgänger übernommen, dieser wiederum von seinem Vorgänger etc. Seit wann es den Brauch tatsächlich gibt, ist Helmut Blank nicht bekannt. Anna Schauber, die seit 1978 in der Stadtverwaltung arbeitet, kennt seit dieser Zeit die Neujahrswunschenthebung. Christel Ferdin hat diese schon Anfang der 1960er Jahre im Rathaus kennen gelernt.

Vom Armenpflegschaftsrat initiiert

Stadtarchivar Klaus-Dieter Guhling kann etwas mehr über diese Neujahrswünsche sagen. "Sie sind ein Relikt der Armenfürsorge", erklärt er. Der Brauch stamme aus einer Zeit, als die Kommunen noch für ihre Armen aufkommen mussten und es keine staatlichen Hilfen gab. Klaus-Dieter Guhling hat die alten Bände der Münnerstädter Volkszeitung im Stadtarchiv durchgesehen und kann die Neujahrsgratulation bis ins Jahr 1885 zurückverfolgen.

Iniitiert wurde die Neujahrswunschenthebung laut Klaus-Dieter Guhling im Jahr 1885 vom Armenpflegeschaftsrat der Stadt Münnerstadt. Dieses Gremium setzte sich aus Stadträten zusammen, die sich um die Belange der Ärmsten kümmern mussten. Brauch ist es seitdem, dass die Spender mit Namen und Beruf in der Anzeige veröffentlicht werden. Heute wie früher waren es vor allem die Geschäftsleute, Handwerker und Selbstständigen, die für die bedürftigen Mitbürger spendeten.

Allerdings hat die Beteiligung in den vergangenen Jahren stark nachgelassen. Das liegt aber vermutlich nicht an der mangelnden sozialen Einstellung der Münnerstädter, sondern daran, dass der Termin schlicht und einfach vergessen wird. Denn die Stadt Münnerstadt macht für die Neujahrswunschenthebung keine Werbung. Es erscheint im November lediglich ein kleiner Aufruf - das ist alles. "Man übersieht den Termin jetzt leicht", meint auch Klaus-Dieter Guhling.

Früher wurde hausieren gegangen

Früher war das anders. Da ist zum Jahresende immer ein städtischer Mitarbeiter von Geschäft zu Geschäft, von Büro zu Büro gegangen und hat um Spenden gebeten. Damals waren die Namenslisten deutlich länger, was man beim Durchblättern alter Silvesterausgaben der Münnerstädter Zeitung in den vergangenen 60 Jahren nachschlagen kann.

"Die Mitarbeiter wollen das heute nicht mehr machen", betont Bürgermeister Helmut Blank und erklärt auch gleich, weshalb. Derjenige, der die Spenden gesammelt habe, sei nicht immer nur freundlich empfangen worden. Deshalb wird nicht mehr aktiv gesammelt. Allerdings wurde diese Aufgabe früher auch von den Mitarbeitern der Pforte (Poststelle) im Rathaus übernommen. Die ist aufgelöst.

Bürgermeister Helmut Blank ist aber froh, dass es die Neujahrswunschenthebung dennoch gibt. "Sie ist sinnvoll", sagt er. Denn er beobachtet, dass die Zahl der bedürftigen Mitbürger wächst. "Wir leben hier nicht in einer heilen Welt", betont er.

Heizkosten und Schulausflüge

Mit den Spenden aus der Neujahrswunschenthebung wurden in der Vergangenheit verschiedenste Belange unterstützt. Familien haben für einen Schulausflug ihres Kindes einen Zuschuss bekommen, andere einen Heizkostenzuschuss, beispielsweise vor zwei Jahren, als der Winter besonders kalt und lang war. Manches Mal kommen die Betroffenen selbst ins Rathaus und bitten um Hilfe. Manches Mal erfährt der Bürgermeister über einen Ortssprecher oder Stadtrat, dass jemand Hilfe braucht. Dann wird der Antrag geprüft. Die Vergabe der Gelder erfolgt diskret und anonym, versichert Bürgermeister Helmut Blank. Er verwaltet dieses Konto persönlich.

Rund 400 Euro sind in diesem Jahr in die Neujahrswunschenthebung geflossen. Mit diesem Geld alleine könnte die Stadt nur wenig helfen. Sie profitiert momentan noch von der Spendenfreudigkeit aus besseren Jahren. "Wir haben Rücklagen", so Bürgermeister Helmut Blank. Anna Schauber erinnert sich, dass in manchen Jahren mehrere tausend Euro an Neujahrsgeldern eingenommen wurden.