Es ist eine außergewöhnliche Idee der Erinnerungskultur - sie kommt zur richtigen Zeit und passt in die Gemeinde. Es gab eine jüdische Gemeinde in Maßbach, hier sind Zeitzeugnisse und eine Erinnerungsstätte erhalten. Mit Klaus Bub gibt es einen engagierten Ortsbürger, der diesen Teil der Maßbacher Geschichte aufarbeitet und lebendig erhält.

Die Theaterleitung unter Anne Maar ist sich der jüdischen Vergangenheit des Schlosses bewusst. Es war einst in jüdischem Besitz, war zur Nazizeit Schulungslager des Lehrerbundes. Als die Bevölkerung jüdischen Glaubens nach dem Nazi-Gräuel in Israel eine neue Heimat suchte, wurden die Auswanderer hier auf ihr neues Leben in einem neuen Staat vorbereitet.

So trafen die jungen Theaterpädagoginnen Dorothee Höhn und Maria Wengel auf ein offenes Ohr als sie das Thema jüdisches Leben in Maßbach im Gedenkjahr aufgriffen. Anne Maar macht es zum Projekt von Schloss Maßbach und führt Regie.

Dass die Schülerinnen die Herausforderung mit neuzeitlichen Medien umsetzten, rundet das Bild zu einem wichtigen und gelungenen Ausrufezeichen. Gerade in diesen, auch in den sozialen Medien von Hass, Hetze, Schwarz-Weiß-Denken und Egoismen geprägten Zeiten.

Mit dem Handy am Ohr

Der "Audiowalk" beginnt am Rathaus in der Ortsmitte. Dabei handelt es sich um einen Spaziergang, bei dem die Teilnehmenden an verschiedenen Stationen anhalten und die dazugehörige Tonspur abspielen. So tauchen sie in das jüdische Leben in der Nazizeit ein.

Ein kleines Emaille-Schild mit entsprechendem QR-Code schafft die Verbindung zum Handy. Dann erzählt Esther, ein fiktives jüdisches Mädchen, gesprochen von Angelique Erhard, aus ihrem Leben. Sie beginnt ganz harmlos mit einem Eintrag in das Poesiealbum ihrer Freundin 1931, lässt die Hörer ihre Schwärmereien und Enttäuschungen miterleben, aber auch ihre Erlebnisse in der Pogromnacht 1938 und ihre Flucht aus Maßbach.

Die Texte sind von Dorothee Höhn und Maria Wengel, den Text von Esther verfasste Anne Maar. Ingo Pfeiffer, Benjamin Jorns und Anna Schindlbeck geben den handelnden Figuren ihre Stimme und auch der Maßbacher Dialekt von Klaus Bub, der einige Erläuterungen einstreut, macht die Szenen lebendig.

Nach den kurzen Beschreibungen stimmt Klezmer Klaviermusik (Klezmer ist eine aus dem aschkenasischen Judentum stammende Volksmusiktradition), gespielt von Ingo Pfeiffer, begleitet von Steffi- und Anna Katharina Fleck mit Flöte und Geige auf die nächste Station ein.

Erste Station ist das Denkmal zur Erinnerung an die 1942 in die Vernichtungslager deportierten Maßbacher Juden am christlichen Friedhof.

Weit hinauf geht es dann zu Station 2, dem jüdischen Friedhof mit seiner eigenen Totenkultur: den Gräbern, die nie aufgelassen werden. Er ist selten offen, um die Totenruhe nicht zu stören und er ist schmucklos. Höchstens kleine Steine liegen auf dem Grabmal. "Es ist besser, hier auf Erden Steine und Blumen im Himmel zu haben", heißt es. Auf die Frage, warum die Friedhöfe der jüdischen Verstorbenen immer weit oben liegen, hört man aus dem Lautsprecher: "Da sind sie näher am Himmel".

Die dritte Station zurück im Dorf ist Mikwe, die jüdische Schule an der Ecke Hügelgasse, ein paar Schritte weiter zur Metzgerei Marx, die Fleisch und gerupfte Gänse an jüdische und nichtjüdische Kunden im In- und Ausland lieferte: "Metzgerei Marx - macht das".

An der Marktplatzstation 5 lauschen die Hörer dem originellen Gespräch eines Bauern mit einem jüdischen Viehhändler.

In der Wirthsgasse - Station 6 - mit Blick auf die Rückseite der Synagoge, erzählt Esther von jüdischen Festen, den besonderen Bräuchen und den Anfeindungen der Nachbarn.

An Station 7, dem Haus der Haarschneiderei, wird die Symbolik jüdischer Häuser deutlich. Esther weist auf die beiden gleichgroßen Fenster im Dachgeschoss, die auf die zwei Gesetzestafeln des Moses hinweisen.

Ängste vor der Deportation

Die Synagoge - Station 8 - zerstörten die Bewohner in der Pogromnacht. Esther schildert eindringlich ihre Ängste.

Anwesen samt Pflasterung in der Bäckergasse, der neunten Station, erinnern noch ein wenig an die Situation 1942, als die letzten jüdischen Mitbürger deportiert wurden.

Dann geht es das "Säuhüggele" hinauf und durch das kleine "Judentor" zum Schloss Maßbach, der zehnten und letzten Station. Die gut zwei Dutzend Audiowalker finden sich im Halbkreis. Bürgermeister Matthias Klement dankt den Verantwortlichen und bestätigt, dass der Audiowalk eine Attraktion für den Markt sein wird.

Als die Lautsprecherstimme an dieser letzten Station zum Abschluss die Namen der ermordeten jüdischen Mitbürger aus Maßbach liest, haben die Teilnehmer eine beeindruckende Wanderung durch Maßbach und seine Geschichte erlebt, die der Region Mahnung sein wird.