Nicht jeder, aber sehr viele erinnern sich noch mit einem gewissen Kopfschütteln an eine Schullektüre, die sie seinerzeit lesen mussten: ein etwas gruseliger, höchst unwahrscheinlicher Text - damals war man in mancher Hinsicht erstaunlich realistisch, und Harry Potter war noch in weiter Ferne - an dem man ausgiebig rätseln konnte: Was will uns der Autor sagen? Damit ließen sich problemlos ganze Deutschstunden füllen. Und am Ende ein achselzuckendes Abhaken. Und weiter zum nächsten Text.
Man ahnt es schon: Die Rede ist von Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung", die jetzt in einer dramatisierten Fassung im Maßbacher Intimen Theater auf dem Spielplan steht. Und man reibt sich verwundert die Augen, wenn man im Programmheft ein Zitat von Vladimir Nabokov von 1982 (!) liest: "Er (Kafka) ist der bedeutendste deutschsprachige Schriftsteller unseres Zeitalters: im Vergleich zu ihm sind Lyriker wie Rilke oder Romanciers wie Thomas Mann Zwerge oder Gipsheilige." Wir wissen nicht, was Nabokov da geraucht hat. Aber wenn man heute, mit der weniger naiven Sicht als der eines Schülers, Kafka liest und ihn in Beziehung nicht nur zu Rilke und Mann, sondern zu seinem literarischen Umfeld und dessen Produktion stellt, dann kann man eigentlich nur feststellen, dass Kafka doch kein so großes Licht war: Stilistisch und sprachlich spröde bis hölzern und absolut humorfrei, hatte er immer wieder Schwierigkeiten mit seinen Plots, hatte Probleme, seine Texte nicht nur zu beginnen, sondern auch zu Ende zu bringen, verlor so manchen Faden aus der Hand und überging Widersprüche.

Natürlich, Kafka war ein armes Schwein mit schwieriger, vaterdominierter Kindheit, das an einer Kehlkopftuberkulose elend verreckt ist. Das war schlecht für seine Gesundheit, aber gut für die Mythisierung. Nur hat er auch vor seiner Erkrankung geschrieben und auch da schon seine Probleme gehabt. Man kann und muss aber Kafka eines zugutehalten: Er selber war offensichtlich realistischer als sein Freund Max Brod. Denn er hatte testamentarisch verfügt, dass alles, was er je geschrieben hat, auch bereits erschienene Werke, nach seinem Tod verbrannt werden sollen. Das hat Brod nicht getan, sondern, ganz im Gegenteil: Er wurde zu einem wirkungsmächtigen, nicht ganz uneigennützigen Promoter des Verstorbenen, der den Kultstatus mächtig vorangetrieben hat.

Jetzt hat Ingo Pfeiffer Kafkas "Verwandlung für die Bühne des Intimen Theaters eingerichtet. "Warum hat er sich das angetan?", fragte man sich. Aber nur, bis sich der Vorhang hob. Man soll ja mit Superlativen äußerst sparsam umgehen, vor allem, wenn man gerade Nabokov ans Knie getreten hat. Aber was sich auf der Bühne dann abspielte, war geradezu sensationell, und nicht nur deshalb, weil man sich eigentlich nichts erwartet hatte.



Das Stück


Die Fantasy in die Realität holen, Traumwelten mit der Wirklichkeit konfrontieren - so könnte man Ingo Pfeiffers Inszenierung der "Verwandlung "übertiteln", die aus einem 15-Seiten-Text ein abendfüllendes Theaterstück macht: "nach Franz Kafka". Dabei hat Pfeiffer die Textvorlage nie wirklich verlassen; Kafkas Sätze finden sich alle wieder, auch seine Metaphorik. Aber er hat Leerstellen gefüllt, hat die Handlung des Textes in eine schlüssige Bühnenhandlung verwandelt. Und er hat einen erheblichen Erklärungsbedarf gedeckt.

Das zeigt schon der Beginn: Bei Kafka ist Gregor Samsa, als er erwacht bereits ein Käfer - zwar noch sehr ungelenk, aber biologisch fertig. Und der Leser sagt sich: "Nanu!" Ingo Pfeiffer greift etwas voraus: In drei kurzen Pantomimen zeigt er den Alltag des Handelsvertreters Gregor Samsa, der früh um 5 Uhr erwacht, zur Arbeit eilt, abends heimkommt, das verdiente Geld dem Vater aushändigt und zu Bett geht. Dreimal derselbe Ablauf - nur dass es jedes Mal mehr Geld ist. Da merkt man, dass irgendwann einmal das Ende der Fahnenstange der Ausbeutung erreicht sein könnte. Der andere wichtige Unterschied: Pfeiffer macht es sich und seiner Truppe schwerer als Kafka: Sein entscheidendes Erwachen ist erst der Beginn der Verkäferung, die sich über einen langen Zeitraum hinwegzieht - eine enorme Herausforderung für den Darsteller, aber auch für Bühnenbild und Kostüm.

Aber die Probleme sind glänzend gelöst: Anita Rask Nielsen hat im Vordergrund der Bühne den biedermeierlich-spießbürgerlichen "Salon" der Familie Samsa aufgebaut, im Hintergrund, völlig aus dem rechten Winkel geraten, Gregors Zimmer mit Fachwerkbalken (eine Reminiszenz an die frühe Stummfilmzeit), an denen er als Käfer auch an der Decke herumturnen kann. Und Daniela Zepper hat für ihn ein Kostüm geschneidert, das ihn immer schwärzer werden lässt, bis er am Ende wirklich aussieht wie ein Käfer. Nur das Gesicht bleibt immer ein menschliches. Ein geschickter Schachzug. So hat es die Familie Samsa schwer, die Familienzugehörigkeit Gregors zu verdrängen. Und auch der Zuschauer tut sich schwer, sich von diesem Wesen in die bequeme Betrachtung zu verabschieden.
Man muss aber auch sagen, dass Benjamin Jorns als Gregor geradezu Unglaubliches leistet. Nicht nur, weil sich in seinem Gesicht der Weg von der Verstörung über die Hoffnung, Resignation und schließlich totale Selbstaufgabe so genau spiegelt, sondern vor allem, weil er wirklich der Käfer Gregor Samsa ist. Er bewegt sich erschreckend glaubwürdig, ist immer gespenstisch präsent, bewegt sich absolut geräuschlos auf allen Vieren, klettert die Wände hoch, hangelt sich an der Decke entlang, und alles in einem käfermäßig eleganten Fluss. Das ist eine akrobatische und athletische Dauerleistung, die man nur bewundern kann.

Aber auch die Familie ist absolut plausibel. Ingo Pfeiffer hat für den Vater (Marc Marchand), die Mutter (Sandra Lava) die Schwester Grete (Franziska Theiner) und Lukas Redemann als Prokurist, Bedienerin und Untermieter eine leicht karikierende Gangart gewählt, weil der übermächtige Käfer ganz einfach ein kleines humorvolles Ventil als Gegengewicht braucht. Trotzdem ist die Entwicklung absolut klar und unerbittlich: In dem Maße, in dem Gregor schwächer wird, weil er sich immer mehr ausgegrenzt sieht, werden die Familienmitglieder immer stärker, konkretisiert sich die Belastung. Dieser Werdegang ist ganz klar herausgearbeitet und dargestellt - am auffälligsten natürlich von Grete, die sich zu Beginn als einzige mit ihrem verstörenden Bruder solidarisiert und ihn versorgt. Aber auch sie - und das zeigt Franziska Theiner ganz überzeugend - kommt an den Punkt, an dem sich nicht mehr kann, weil sie eigentlich das Leben und die Liebe entdecken und ihn loswerden will. Da sitzt man da und hat plötzlich einen Gedanken, den man nicht haben will: Ob nicht Menschen manchmal so denken, auch wenn sie es nie sagen würden, die einen dementen Angehörigen pflegen, der sich quälend aus ihrem Leben verabschiedet. Da ist auch Kafka plötzlich in der Realität angekommen. Die Maßbacher Inszenierung ist ein Stück Theater, das Spuren im Kopf hinterlässt. Lange.