Wenn die Darsteller des Heimatspiels mitten im Winter am Anger stehen oder sich Könige, Grafen, Bischöfe und spätgotische Künstler durch die Stadt bewegen - dann muss sich niemand wundern. Regisseur Rüdiger Wolf und sein Team von Mighty Eye Productions bringen derzeit einen Hauch von Hollywood in die Stadt. Professionelle Schauspieler und Laien stehen für den Geburtstagsfilm gemeinsam vor der Kamera. Aus der Grundidee von Bürgermeister Michael Kastl haben Kilian Düring, Nicolas Zenzen und Rüdiger Wolf eine außergewöhnliche Geschichte gemacht. Der Geburtstagsfilm zur 1250-Jahrfeier, der auf Youtube, der Homepage der Stadt und den sozialen Medien zu sehen sein wird, ist auch ein Stück Zeitdokument.

Das Foyer im Erdgeschoss des Rathauses ist hell erleuchtet. "Klappe", "Action" - Graf Berthold VII von Henneberg (Christoph Ackermann) und Kaiser Ludwig, der Bayer (Gisbert Heck) sitzen an einem Tisch und spielen um die Stadtrechte für Münnerstadt. Ausgerechnet jetzt kommt Bürgermeister Michael Kastl die Treppe hinunter, läuft in die Szene hinein. Doch das erwartete "Cut" bleibt aus. Das ist gewollt so. Nicht im Drehbuch stand allerdings, dass Lydia Bangert vom Bürgerservice das Großraumbüro abschließt, um das Rathaus zu verlassen. Das gefällt Rüdiger Wolf richtig gut, das will er so haben. Also muss sie zurück, die Szene wird noch einmal gedreht. Der Bürgermeister freut sich, dass er den Kaiser und den Grafen trifft, da kann er ihnen die Einladung zur 1250-Jahrfeier gleich persönlich überreichen und Porto sparen. Die Szene ist im Kasten.

Die Zeit wird ignoriert

Aber was macht Michael Kastl im Jahr 1335, als die Stadtrechte verliehen wurden? Und so ganz historisch korrekt ist ein Spiel um die Stadtrechte ja auch nicht. "Das haben wir uns ausgedacht", sagt Michael Zenzen, zuständig für die Kultur bei der Stadtverwaltung. Er und Kilian Düring, der für das Stadtmarketing und den Tourismus verantwortlich zeichnet, hatten eine Idee: "Wir ignorieren den Faktor Zeit." Soll heißen, alle historischen Persönlichkeiten der Münnerstädter Stadtgeschichte, die in diesem Film vorkommen, werden ins Jahr 2020 versetzt. Dann kann natürlich auch der Bürgermeister den Kaiser treffen.

"Die Idee war, einen kurzweiligen, unterhaltsamen Film zum Jubiläum zu machen, der die Hauptfiguren der Münnerstädter Geschichte mit einbindet", sagt der Bürgermeister. Veit Stoß und Tilman Riemenschneider gehören ebenso dazu, wie Freiherr von Lutz, Johann Philipp von Schönborn oder Nikolas Molitor. Sie alle werden im Film zur Jubiläumsfeier eingeladen, entweder persönlich, per Telefon, Whatsapp oder per Brieftaube.

Ganz am Anfang hatte er die Idee, einen Film in Auftrag zu geben, weil die ganzen geplanten Veranstaltungen nicht stattfinden konnten, sagt Michael Kastl. "Damit die Geburtstagsfeier nicht ganz unbeachtet bleibt." Die historischen Figuren ins Heute zu transferieren sei dann die Idee von Kilian Düring und Nicolas Zenzen gewesen, die das mit Rüdiger Wolf umsetzen. "Der Film ist durchaus auch als Zeitdokument gedacht", bekräftigt Nicolas Zenzen. Rund drei Wochen dauern die Aufnahmen. "Der Film ist wirklich professionell und deswegen auch sehr aufwendig." Aber das zahlt sich aus. "Was ich bisher sehen konnte, ist richtig toll geworden", sagt Kilian Düring.

Und dann kam Corona

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, die Feierlichkeiten nahen, doch dann passiert das, was auch im echten Leben geschehen ist: Corona macht einen ganz dicken Strich durch die Rechnung. Und so wird das Jubiläum im Film per Video-Schaltung gefeiert. Die drei Bürgermeister sitzen im Rathaus, die geladenen Gäste gratulieren über das Internet. Und dazu gibt es ein eigenes Lied.

Drei Wochen haben die Dreharbeiten gedauert, die jetzt zu Ende gehen. "Es ist sehr aufwendig, aber Münnerstadt ist es wert", sagt Regisseur Rüdiger Wolf. Er gesteht, dass er sich das Ganze am Anfang nicht so recht vorstellen konnte - ein Film als Geburtstagsgeschenk. Doch die anfängliche Skepsis ist der Begeisterung gewichen. Das spürt man, besonders an den Details. Kaiser und Graf aus dem 14. Jahrhundert spielen an einem Tisch aus den 1970er Jahren. "Ein gewollter Stilbruch", sagt Rüdiger Wolf, der nach eigener Aussage noch nie einen Film in so kurzer Zeit gemacht hat.

"Es gab nur positive Reaktionen - das ist das Schöne für mich", betont Rüdiger Wolf. Das habe ihn sehr berührt. "Wichtig für mich ist es, Profis mit Laien zusammenzubringen, das ist meine Handschrift." Mit Schauspielern wie Christoph Ackermann, mit dem er schon in Filmproduktionen zusammengearbeitet hat, will der Film- und Bühnenregisseur einen Hauch Hollywood nach Münnerstadt bringen, gleichzeitig bindet er beispielsweise den Mürschter Nachtwächter Rainer Kirch mit ein. Und ähnlich wie Lydia Bangert ist auch Barbara Gassauer ganz unverhofft zu Darstellerin geworden. "Ich will einfach eine sympathische Filmproduktion machen, das muss nicht perfekt sein." Es hat sich übrigens eine kleine Änderung ergeben: Eigentlich sollte der Geburtstagsfilm drei bis vier Minuten lang werden. Es könne nun sein, dass er ein klein wenig länger wird.