Bertolt Brecht war der beste deutsche Dramatiker des 20. Jahrhunderts, hatte am Ende des Zweiten Weltkriegs Weltberühmtheit erlangt, wird aber derzeit nur noch selten gespielt. Wie Shakespeare hat er einen ganzen Kosmos von Menschen unterschiedlichster Herkunft geschaffen, runde und deshalb widersprüchliche Charaktere, bei deren Gestaltung er sich allerdings selbst im Weg stand. Denn er wollte diese Menschen dem Publikum nicht als möglichst spannende Vertreter der menschlichen Spezies zeigen, sondern sie zur Vermittlung von Ideologie benutzen.

Widersprüche

Wir sollten sie als widersprüchliche Wesen erkennen, deren Widersprüchlichkeit von der zwangsläufigen Widersprüchlichkeit des Kapitalismus herrührt. Wir sollten uns nicht identifizieren mit ihnen, was ja ein Hauptvergnügen bei allen Darstellungen von Mitmenschen auf der Bühne oder Filmleinwand ist, sondern sehen, was bei ihnen falsch läuft und den Grund dafür, die üblen gesellschaftlichen Umstände, ändern. Was für ein Glück, dass Brecht bei der Darstellung seiner Figuren auf der Bühne mit dieser theatermordenden Ideologieüberfrachtung nicht durchkam, weil viele von ihnen wie Galilei, die Magd Grusche oder die Mutter Courage sich aus der Ideologie zu emanzipieren vermögen, als wirkliche Menschen auf der Bühne wirken und uns durchaus ganz gegen Brechts Absichten und die Tricks des Epischen Theaters rühren können.

Theaterring 2020/21 fortgesetzt

Den Beweis dafür trat das Hofer Theater im Max-Littmann-Saal mit seiner Interpretation von "Mutter Courage und ihre Kinder" an und setzte damit den durch die Pandemie arg mitgenommenen Theaterring 2020/21 fort. Die Hofer behielten sehr wohl Brechts illusionshemmende epische Mittel wie auf der Bühnenrückwand eingeblendete Angaben zu Zeit und Ort und die den Spielverlauf unterbrechenden Songs von Paul Dessau in der Interpretation einer sehr heutigen Band (Musikalische Leitung: Willi Haselbek) bei. Courages Marketenderwagen wurde ersetzt durch einen beweglichen Wohn-Kiosk aus Stahlträgern, und die Kostüme waren Militäroutfits aus unseren Tagen (Bühnenbild: Monika Frenz).

Einfühlung erlaubt

Und dennoch zeigte Kay Neumanns Inszenierung die Gestalten in der Geschichte von Courages untergehender Familie nicht als Funktionsträger eines Lehrstücks, sondern ließ ihnen ihre menschliche Individualität, Hilflosigkeit, Lächerlichkeit. Und tat damit das, was Brecht vermeiden wollte: Sie erlaubte Einfühlung. Und das nicht nur bei der Gestalt, die sich noch nie ins Episch-Didaktische fügen wollte: Courages stummer Tochter Kattrin, die mit ihrer Trommel eine ganze Stadt vor den sich anschleichenden Feinden rettet und damit auch hartgesottenen Brechtianern Tränen in die Augen treibt. Cornelia Wöß spielte sie als ganz normales putzsüchtiges junges Mädchen, das sich nach einem Mann sehnt und die Schutzmaßnahmen ihrer Mutter immer frech zu hintertreiben versucht.

Witziger Schlagabtausch

Auch die Eifersüchteleien zwischen dem halbseidenen Koch (Marco Stickel) und dem ganz offen um die Courage buhlenden Feldprediger (Ralf Hocke) wurden als witziger Schlagabtausch ohne tiefere Bedeutung für das sozialistische Weltbild ausgetragen. Die Feldhure Yvette Pottier (Alrun Herbing) war genau das in all ihrer Eitelkeit und hat in den Kriegswirren als Einzige wirklichen finanziellen Erfolg, obwohl sie ihre Menschlichkeit gegenüber Courages Familie nicht ablegt. Courages Söhne Eilif (Jörn Bregenzer) und Schweizerkas (Benjamin Muth), anhand derer Brecht die Tugenden Tapferkeit und Gewissenhaftigkeit in ihrer Fragwürdigkeit abklopft, sind in der Hofer Aufführung ganz klar umrissene sehr unterschiedliche und heutige junge Männer, der eine zurückhaltend und nett, der andere draufgängerisch und wild, die in den sinnwidrigen Zeiten des Krieges nicht durchkommen mit den hehren Bildungszielen, die ihnen ihre Mutter eingeimpft hat.

Absolut Mutter in absolut widrigen Verhältnissen

Ihre Mutter, die berühmte Händlerin mit Soldatenbedarf, genannt "Mutter Courage", die ihre Kinder durch die Kriegswirren dieses 30-jährigen Krieges, mit dem Brecht natürlich den um ihn herum beginnenden Zweiten Weltkrieg meinte, taugte in der absolut stimmigen Rollenbesetzung mit der umwerfend präsenten Powerfrau Anja Stange überhaupt nicht als Verkörperung irgendeines theoretischen Prinzips. Sie ist absolut Mutter in absolut widrigen Verhältnissen. Sie versucht ihre Familie durchzubringen und weiß, dass sie das nur schafft, wenn sie Geld hat. Die Kinder hat sie sich von Gelegenheitsvätern machen lassen, aber so beliebig diese auch waren, ihre Kinder sind das Zentrum ihres Lebens. Um sie als alleinerziehende Mutter durchzubringen, tut sie alles. Und macht gerade in diesem Bemühen all die Fehler, die sie am Ende völlig allein dastehen lassen.

Didaktischer Ansatz gescheitert?

Was Brecht als ihr falsches Bewusstsein anprangert, ist eher ein Zeichen ihres verzweifelten Versuches, ihre und ihrer Kinder Lebensgrundlage nicht zu verlieren. Brechts didaktischer Ansatz wird bei der Hofer Aufführung als gescheitert gezeigt - und der Zuschauer versteht eher die Mutter als die Absicht des Autors.

Das Gastspiel des Theaters Hof hat den ausgezeichneten Ruf des Ensembles beim Theaterring wieder einmal bestätigt, indem dieses mit einer ideologiebereinigten Fassung der "Mutter Courage" bewies, dass dieses Stück seine Zuschauer durchaus noch packen kann. Der Beifall des Publikums war lebhaft, es gab vereinzelte Bravos für den eindrucksvollen Abend.