Sollten Kleinkinder mit einem Jahr außerhalb der Familie betreut werden? Nein, sagen Erzieherinnen vom Kinderhaus Waldfenster. Nicole Kleinhenz und Susanne Metz betreuen seit über 20 Jahren Kinder. Die Entwicklung der letzten Jahre macht ihnen Sorgen. Kinderbetreuung solle nicht nur eine "Aufbewahrungsanstalt" sein. "Kinder sind momentan echte Verlierer, da blutet unser Herz", sagt Metz, stellvertretende Kindergartenleiterin.

Insgesamt entscheide sich die Gesellschaft im Zweifel zu häufig gegen die Bedürfnisse der Kinder. Kleinhenz und Metz wollen deshalb Probleme stärker ins Bewusstsein der Menschen rücken. "Kinder haben keine Lobby", sagt Kleinhenz.

Die Erzieherinnen erleben, dass Eltern unter dem Druck stehen, möglichst schnell wieder in den Beruf zurückzukehren. Das führe mitunter zu Gewissensbissen. Das Kind in die Krippe geben? Für manche Eltern eine Zerreißprobe zwischen Arbeit und Familie.

Die Zahlen

Die Zahlen zeigen: Immer mehr Familien entscheiden sich für eine frühe Fremdbetreuung. Im Landkreis Bad Kissingen kamen im vergangenen Jahr 70 Kinder unter drei Jahren mehr in eine Kinderkrippe. Laut einem Bericht des Landratsamtes waren es 2019 957 Kinder, 2020 dann 1027 Kinder.

Aber: "Die Auffälligkeiten nehmen in den letzten Jahren zu, vor allem im sozialen Bereich", sagt Nicole Kleinhenz. Sie sagt das, ohne Vorwurf an die Eltern. "Alle haben einen Grund, warum sie das so entscheiden." Ihre Erfahrung ist: Eltern hätten teilweise das Gefühl, keine Wahl zu haben. "Sie machen es aus Verzweiflung."

Kindliche Bedürfnisse verstehen

Ein Problem: Kinder mit einem Jahr seien meist noch nicht reif genug, um von 7.15 Uhr bis 15.00 Uhr in der Kinderkrippe zu sein. "Das Kind kommt in die Einrichtung und kann nicht sprechen", sagt Kleinhenz. Deshalb sei es für fremde Betreuungspersonen umso schwerer, die kindlichen Bedürfnisse zu verstehen. "Die Mama versteht dagegen sofort, was los ist."

Entwicklungsnachteil?

Mütter hätten zudem Angst, ihr Kind könne einen Entwicklungsnachteil haben, wenn es nicht mit einem Jahr in die Kita komme. Das sei falsch, sagt Nicole Kleinhenz. "Etwas Besseres als eine Mutter oder ein Vater, das können wir gar nicht leisten."

Ein Kind entwickle erst langsam die Fähigkeit, seelisch zu verkraften, dass wichtige Bezugspersonen nicht mehr anwesend sind. "Die frühkindliche Seele ist verletzlich", sagt Kleinhenz. Die Trennungsangst eines Kindes sei mit einem Jahr auf ihrem Höhepunkt. Eine frühe Trennung von den Eltern könne sich negativ auf das Urvertrauen des Kindes auswirken.

Noch nicht reif für die Krippe

Urvertrauen gilt als Grundbaustein, damit das Kind eine emotional stabile Persönlichkeit und eine positive Grundeinstellung zum Leben entwickeln kann. Ist das Urvertrauen gestört, kann sich das in anhaltendem Weinen und Schreien äußern. Manchmal verstummen die Kinder auch. Schlaf- oder Ernährungsstörungen oder bestimmte Ticks sind weitere mögliche Folgen. Probleme, die bereits im Kindergarten auftreten, setzten sich oftmals in der Schulzeit fort.

Gestörte Körperwahrnehmung

Als Beispiel, was sich in den letzten Jahren geändert habe, nennen Kleinhenz und Metz das Essverhalten mancher Kinder. Früher sei es oft so gewesen, dass sie die Kinder daran erinnern mussten, etwas zu essen, weil diese so gerne spielten. "Wir merken, dass die Gefühlswelt der Kinder eine andere ist", sagt Metz. "Manche Kinder spüren sich selbst nicht mehr." Sie müsse die Kinder ansprechen, denn sonst würden diese "ohne Maß und Ziel" noch eine Stunde weiteressen und später Bauchschmerzen bekommen.

Was sagen andere Fachleute? Ob eine Betreuung ab einem Jahr sinnvoll oder schädlich sei, könne man so pauschal nicht beantworten, findet Melanie Hannemann von der Kindertagesstätte Sinnberg in Bad Kissingen. "Das ist individuell je nach Kind verschieden."

Erkenntnisse aus der Forschung

Eva Rass betreut Kinder und Jugendliche als Psychotherapeutin. Sie verweist auf Ergebnisse aus der Forschung. So schreibt etwa Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Serge K.D. Sulz in seinem Buch zur Betreuung in Kinderkrippen: "Je jünger das Kind, je geringer sein Sprach- und Zeitverständnis, je kürzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung der Eltern, je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe, je größer die Krippengruppe, je wechselhafter die Betreuungen, umso ernsthafter ist die mögliche Gefährdung seiner psychischen Gesundheit."

Lebensplanung der Eltern

Der Ehe- und Familienseelsorger im Landkreis Bad Kissingen Bernd Keller betreut das Kinderhaus in Waldfenster. Er sagt: Die Lebensplanung mancher Eltern setze voraus, dass Kinder funktionieren. Es gebe etwa kaum mehr Raum dafür, wenn ein Kind krank werde. "Die bekommen dann Ibuprofen, damit sie funktionieren - wie bei Erwachsenen."

Finanzielle Gründe

Oftmals gebe es finanzielle Gründe. "Zeit ist Geld. Die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, ist Zeit, in der sie kein Geld verdienen können."

Die Bedürfnisse des Kindes rückten in den Hintergrund. Keller verdeutlicht das am Beispiel des Laufenlernens: "Wenn ein Kind laufen lernt, braucht es zwei helfende Hände, um zu üben." Das könne die Betreuung in der Krippe aber oftmals nicht leisten. Teilweise würden zwölf Kleinkinder gleichzeitig von zwei Erzieherinnen in einer Gruppe betreut. Wenn ein Kind gewickelt werden müsse, dann müsse sich die andere Erzieherin um die anderen elf Kinder kümmern. "Aber sie hat selbst nur zwei Hände."

Mail an die Redaktion

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