Vier Stunden lang hallten gestern Schlachtrufe durch die Fußgängerzone: "Durch die Rhön kommt ihr net, nieder mit Tennet", "Keine Trassen durchs Saaletal lassen" oder "Wir, die Masse, gegen die Strom-Trasse" skandierten die rund 60 Teilnehmer, die sich den Mittwochmorgen für die "zweite Gegenstrom-Kundgebung" freigenommen hatten. Anlass war eine nicht-öffentliche Informationsveranstaltung für die Bürgermeister des Landkreises Bad Kissingen.

"Wir wollen für unsere Heimat, für die Natur und für unsere Nachfahren das Saaletal so erhalten, wie es ist", fasst Kerstin Orzol ihre Beweggründe zusammen, sich gegen die Trasse stark zu machen. Die 30-Jährige ist unter anderem Kassiererin der Bürgerinitiative (BI) Elfershausen. Mit ihrem Mann Stephan und ihrem Sohn Leonard wohnt sie in Elfershausen und befürchtet, irgendwann 70 Meter hohe Strommasten vor die Haustür gesetzt zu bekommen.

Sorgen um die Gesundheit

"Die Trasse dient nur der Profitgier der großen Stromkonzerne", sagt Stephan Orzol. Der 32-Jährige ist als Ingenieur für Erneuerbare Energien beim Landkreis Schweinfurt beschäftigt und weiß, wovon er spricht: "Der Landkreis Schweinfurt hat gezielt Geld in die Hand genommen und auf erneuerbare Energien gesetzt", berichtet er zum Beispiel von der Gas-Erzeugung aus Bio-Masse. Ebenso könnte aus seiner Sicht in Norddeutschland aus überschüssiger Energie Gas erzeugt werden, das dann leicht zu transportieren und zu lagern sei. Aber: "Die Netzbetreiber wollen natürlich im Strom bleiben", die Politik lasse sich von der Strom-Lobby zu sehr beeinflussen.

"Es macht einem halt Angst, weil man nicht weiß, was es an Auswirkungen auf die Gesundheit hat", kommentiert Melanie Pfister die geplante Strom-Trasse. Die 42-Jährige war gestern mit ihrer 14-jährigen Tochter Leonie bei der Demo. Weil die Schülerin vom Wandertag befreit war, konnte sie den Protest unterstützen: "Ich find's gut, dass meine Mutter da mitmacht, weil die Trasse auch den Lebensraum vieler Tiere zerstört und viele Bäume abgeholzt werden."

"Es betrifft uns alle"

"Wir haben schon genug bei uns", verweist ihre Mutter zudem auf die Nähe zur Autobahn. Auch wenn sie nicht unmittelbar betroffen sein dürfte, protestiere sie im Interesse von Bekannten am anderen Ende von Elfershausen mit: "Es betrifft uns alle."

Den Demonstranten war gestern durchaus klar, dass die Grundsatz-Entscheidung nicht in Bad Kissingen fällt: "Deshalb bereiten wir auch schon Petitionen an den Bayerischen Landtag und den Bundestag vor", berichtet Kerstin Orzol. Markus Stockmann, Vorsitzender der BI Elfershausen, kündigte zudem eine Demo in Berlin an. "Es muss erst einmal geklärt werden, ob die Trasse überhaupt kommt", betont auch Reiner Morshäuser, Vorsitzender der BI Singenrain. Ihn störe vor allem das Prinzip, die Trasse entlang der A 7 zu planen: "Wo man schon was hat, kann man einfach noch mehr drauf dazu packen", fasste er den bereits veröffentlichten Korridor zusammen.

Zweieinhalb Stunden lang haben gestern Vertreter des Stromnetzbetreibers Tennet mit Bürgern und Politikern aus der Region über die Gleichstrom-Trasse "SuedLink" diskutiert. Die nicht-öffentliche Veranstaltung wurde im Anschluss von allen Seiten als sachlich und konstruktiv gewertet, allerdings gab es inhaltlich keine Annäherungen: Bürgermeister und Bürgerinitiativen zweifeln die Notwendigkeit der Trasse insgesamt an, Tennet geht es um die Rahmenbedingungen des aus ihrer Sicht beschlossenen Projektes.

Dank an die Demonstranten

Thomas Wagner, bei Tennet Referent für Bürgerbeteiligung, übernahm die undankbare Aufgabe, sich auch den Demonstranten vor dem Landratsamt zu stellen: "Unser Job ist es, dafür zu sorgen, dass bei Ihnen das Licht brennt", erläuterte er die Aufgabe des Netzbetreibers. Trotz der Buh-Rufe und Pfiffe bedankte er sich bei den Demonstranten für ihr Erscheinen und den Dialog: "Jetzt können wir noch über Alternativen sprechen", erhoffe er sich Anregungen für die Planung. Und: "Wir gehen überall hin, wo Gesprächsbedarf herrscht." In Norddeutschland habe Tennet bereits 1500 "planungsrelevante Hinweise" gesammelt.
Vermutlich bereits am 4. Juni soll eine öffentliche Info-Veranstaltung in Elfershausen stattfuinden, eine weitere sei in Bad Brückenau geplant. Dabei gehe es ausschließlich um SuedLink, weil es zur zweiten Trasse, die den Landkreis quert, nämlich der 380-Kilovolt-Wechselstromleitung Mecklar-Grafenrheinfeld, noch keine Pläne gebe: "Da läuft derzeit die erste Raumwiderstandsanalyse."

Zur Info-Veranstaltung geladen waren die 26 Bürgermeister und Vertreter der im Kreistag vertretenen Fraktionen, kurzfristig zugelassen wurden je zwei Vertreter der BI Elfershausen und Singenrain sowie Franz Zang als Vorsitzender des Bund Naturschutz. "Wieso soll ich mit meinem Henker sprechen", kommentierte Zang das Gespräch. Aus seiner Sicht sollte die Politik lieber für die dezentrale Energie-Versorgung über Bürger-Genossenschaften sorgen. "Was zum Beispiel fehlt ist eine unabhängige Energieagentur", mahnte Zang an.

"Notwendigkeit in Frage gestellt"

Auf dem Weg zur Versammlung versprachen Landrat Thomas Bold (CSU) und mehrere Bürgermeister, sich gegen die Trasse stark zu machen. Selbst in der offiziellen Pressemitteilung von Tennet im Anschluss heißt es, dass "seitens der kommunalen Vertreter die Notwendigkeit der Trasse in Frage gestellt und Argumente vorgetragen wurden, die gegen eine Trassenführung in der Region sprechen." Bold habe vor allem die massive Beeinträchtigung des Biosphärenreservats Rhön und des Naturraums ins Feld geführt.