"Bis zur Deportation der letzten Kissinger Juden im April und September 1942 besaß Bad Kissingen eine der größten jüdischen Gemeinden in Bayern, deren Wurzeln sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lassen." Mit diesen Worten beginnt der Bad Kissinger Autor Hans-Jürgen Beck (59) seine umfangreiche Chronik jüdischen Lebens in Bad Kissingen mit dem Titel "Kissingen war unsere Heimat über Jahrhunderte ...". Sein in vier Kapitel unterteiltes, 4608 Seiten starkes Werk, davon allein fast 50 Seiten mit Quellenangaben und Literaturhinweisen, ist seit einigen Tagen ausschließlich im Internet zu lesen oder als PDF-Datei herunterzuladen.

Schon 1990 hatte Hans-Jürgen Beck, der bis zu seiner kürzlich erfolgten Frühpensionierung am Jack-Steinberger-Gymnasium als Oberstudienrat für katholische Religion und Deutsch tätig war, das gemeinsam mit seinem Kollegen Rudolf Walter verfasste Buch "Jüdisches Leben in Bad Kissingen" veröffentlicht. Auch bei seinem jetzigen Werk wurde er wieder von Rudolf und Marlies Walter mit biografischen Informationen und Fotos jüdischer Familien unterstützt. Beide haben "somit ganz maßgeblich zum Gelingen des vorliegenden Buches beigetragen", dankt ihnen der Autor.

Doch im Vergleich zu seinem ersten Buch mit nur 220 Seiten liegt seinem neuen Werk nach eigener Aussage ein ganz anderer Ansatz zugrunde: "Die Zeit vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert wird ungleich ausführlicher behandelt. Sehr viele neue Biografien sind hinzugekommen, die Lebenswege der einzelnen Kissinger Juden werden je nach Quellenlage eingehender nachgezeichnet und die verschiedenen Institutionen und Einrichtungen der jüdischen Gemeinde ausführlicher dargestellt."

Vier Hauptthemen

Seine Materialsammlung ordnet Beck in die vier Hauptthemen "Geschichtlicher Überblick", "Jüdische Gemeindeeinrichtungen und Vereine", "Kissinger Rabbiner und ihre Familien" sowie "Biografien jüdischer Familien", deren Vielzahl nicht einmal der Autor kennt, und ergänzt um Biografien vieler jüdischer Kurgäste. Alle Texte mit Auszügen aus Autobiografien, Interviews und Briefen sind ohne historische Fachkenntnisse oder Hintergrundwissen leicht lesbar. Beck: "Es soll nicht über die Menschen berichtet werden, sondern sie sollen, so gut es die Quellen zulassen, ihre Geschichte mit eigenen Worten selbst erzählen." So verschaffen die umfangreich bebilderten Texte dem Leser ein anschauliches Bild des gesellschaftlichen und politischen Alltags jüdischer Mitbürger und ihrer Familien, ihrer beruflichen und familiären Lebensbedingungen, und sie zeigen damit den über Jahrhunderte anhaltenden, entscheidenden Beitrag jüdischer Mitbürger zum kulturellen Leben und wirtschaftlichen Wohlstand des Staatsbades. Beck: "Jüdische Einwohner haben ganz maßgeblich die Geschichte Bad Kissingens mitgeprägt."

Doch in seinem Buch geht es nicht nur um Bad Kissingen und nicht nur um jüdische Familien, die hier lange gelebt haben, betont der Autor ausdrücklich auf Nachfrage. Denn Hans-Jürgen Beck, der 2013 in Anerkennung seines Engagements um die jüdische Geschichte seiner Heimatstadt sowie für seine Publikationen und die Organisation der vor genau 20 Jahren von ihm in Bad Kissingen eingeführten "Jüdischen Kulturtage" mit dem Obermayer German Jewish History Award ausgezeichnet wurde, erinnert auch an jüdische Männer, Frauen und Kinder, die nur kurze Zeit in der Kurstadt lebten, dann aber in andere Städte zogen. "Zudem war mir daran gelegen, die Spuren der jüdischen Familien auch über die Grenzen Bad Kissingens hinaus zu verfolgen. Denn die Geschichte einer Familie beginnt oder endet nicht an der Grenze einer Stadt." Ein besonderes Anliegen war dem Autor auch, vor allem die Zeit vor und nach dem Nazi-Regime ausführlich darzustellen: "Trotz aller Verfolgung und Diskriminierung gab es vorher ein reiches und vielfältiges jüdisches Leben in Bad Kissingen, und es gibt heute erfreulicherweise wieder ein neues jüdisches Leben in der Stadt."

Ein Lebenswerk

Sein neues Werk "Kissingen war unsere Heimat über Jahrhunderte ..." darf man durchaus als das Lebenswerk des 1962 in Leverkusen geborenen, doch seit seinem 16. Lebensjahr in der Kurstadt lebenden Autors nennen, ist es doch die in eine übersichtliche Systematik gebrachte Veröffentlichung seines in 36 Lebensjahren gesammelten Materials. Schon damals, als er für seine Zulassungsarbeit zum ersten Staatsexamen sich mit dem Thema "Juden in Bad Kissingen während der Zeit des Nationalsozialismus" beschäftigte - "dieses Blatt der Kissinger Geschichte war noch gänzlich unbeschrieben" - , war ihm "sehr bald klar geworden, dass dies eine Aufgabe sein wird, die mich ein Leben lang begleiten wird". Denn Forschung kennt kein Ende. So gleicht Becks eindrucksvolles Sammelwerk einer nie endenden Sisyphos-Arbeit, deren alleinige Veröffentlichung im Internet nicht nur den Vorteil hat, jederzeit kostenlos gelesen werden zu können, sondern zugleich auch durch neue Erkenntnisse vom Autor ständig korrigiert, aktualisiert und inhaltlich ergänzt werden zu können. "Wohl kaum jemand wird das ganze Werk mit seinen 4608 Seiten von Anfang bis Ende lesen", ist sich Beck durchaus bewusst. "Aber ich biete mit meiner Veröffentlichung die Möglichkeit, möglichst viele Informationen zum jüdischen Leben in Bad Kissingen in nur einem Buch zu finden, aus dem dann je nach Interesse einzelne Kapitel und Themen ausgewählt werden können."

Das Buch

Hans-Jürgen Beck: "Kissingen war unsere Heimat über Jahrhunderte". Eine Chronik jüdischen Lebens in Bad Kissingen.

# zum Lesen im Internet unter: www.badkissingen.de/stadt/geschichtliches/juedisches-leben/chronik-juedischen-lebens-bad-kissingen

# zum Download als PDF unter: https://badkissingen.box.bayern.de/s/5yvETpuocdAmJ6X mit Passwort Chronik@2022