Das Jahr 2021 war ein schwieriges für die Imkerinnen und Imker. Zum einen fiel die Honigernte eher schlecht aus, wie Annette Seehaus-Arnold aus Burglauer in der Nähe von Münnerstadt berichtet. Die Imkerin ist Präsidentin des Deutschen Berufs- und Erwerbs-Imker-Bundes (DBIB). Eine Ursache für den geringen Ertrag bei der Ernte sei das schlechte Wetter gewesen. Ein weiterer Grund seien "die ausgeräumten Agrarlandschaften". Erklärend fügt sie an: "Nach dem Raps blüht ja nichts mehr. Wir bräuchten mehr Blühflächen in der Breite."

In der Region sei es noch "einigermaßen gegangen", was die Honigernte betrifft, berichtet sie weiter. Etwa ein Drittel oder die Hälfte des normalen Ertrags sei am Ende zu Buche gestanden. "Aber es gibt deutschlandweit auch Regionen, in denen überhaupt nichts geerntet wurde."

Notfallzulassung ermöglichte Neonics-Einsatz

Neben der mauen Erntebilanz bereitet den Imkerinnen und Imkern vor allem der Einsatz eines in der Europäischen Union eigentlich verbotenen Neonikotinoids Sorgen. Es handelt sich hierbei um den Wirkstoff Thiamethoxam. Dieser wurde im Frühjahr über Zuckerrüben-Saatgut, das mit dem Pflanzenschutzmittel Cruiser 600 FS gebeizt war, auf Feldern ausgebracht. Möglich machte den Einsatz eine Notfallzulassung des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit dem Ziel, die Zuckerrüben vor Befall durch das Vergilbungsvirus zu schützen und so die Ernte zu sichern.

Das notfallzugelassene Mittel ist jedoch ein Insektizid, das als Nervengift für Insekten - und damit auch für die Bienen - eine tödliche Gefahr darstellt. Der Einsatz war daher an strenge Auflagen geknüpft. So musste etwa sichergestellt werden, dass auf den betroffenen Feldern nichts zur Blüte kam.

"Wir haben festgestellt, dass mit Neonics gebeizte Felder trotzdem geblüht haben", sagt Seehaus-Arnold. Es habe sich hierbei um Beikräuter gehandelt. "Wir wissen nicht, wie und wann das von den Ämtern überhaupt überprüft wurde", sagt sie. Man warte bis heute auf eine Antwort (dazu siehe unten).

Neonikotinoid-Rückstände in Wasserproben gefunden

Im mittelfränkischen Uffenheim wurden, wie der Bayerische Rundfunk berichtete, nach einem Starkregenereignis vom Aktionsbündnis für Neonic-freie Landwirtschaft und vom Imkernetzwerk Bayern Proben genommen, etwa aus Gräben, die an Zuckerrübenfeldern vorbeiliefen. In allen Proben fand ein Labor dem Bericht zufolge Neonikotinoid-Rückstände "weit über dem Grenzwert".

Für Seehaus-Arnold stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage, was mit den Erdresten und dem Wasser passiert, das bei der Reinigung der Zuckerrüben in den Fabriken zum Einsatz kommt.

Die Südzucker AG erklärt hierzu, dass die neonikotinoiden Wirkstoffe sich im Zeitverlauf abbauen würden. "Wir haben die Erde, die mit den Zuckerrüben in unsere Fabriken gelangt ist, beprobt. In diesen Proben finden wir keine Rückstände des Wirkstoffs." Man nehme die Verantwortung wahr und werde das Monitoring weiterführen, teilt das Unternehmen mit.

In Unterfranken rund 3600 Flächen betroffen

Zurück zu den Feldern: In einer Karte haben die Imkerinnen und Imker des DBIB auf ihrer Internetseite die Felder zusammengetragen, auf denen das gebeizte Saatgut ausgebracht wurde. "In Unterfranken sind circa 3600 Flächen betroffen", berichtet Seehaus-Arnold. Flächen, die den Bienen fehlen.

"Spannend" werde es auch im nächsten Jahr, ergänzt sie. Denn auf den betroffenen Feldern darf gemäß der Notfallzulassung auch 2022 nichts blühen. "Wir werden das genau beobachten und auch vor Anzeigen nicht zurückschrecken."

Zuckerrübenbauer weisen Vorwürfe zurück

Die Vorwürfe der Imkerinnen und Imker, insbesondere des in Mittelfranken rührigen Aktionsbündnisses, dass erhebliche Verstöße gegen die Auflagen der Notfallzulassung festzustellen seien, weist der Verband Fränkischer Zuckerrübenbauer (VFZ) zurück.

"Wir sind davon überzeugt, dass die überwältigende Mehrheit der Landwirte sich streng an die Auflagen gehalten hat", sagt Geschäftsführer Klaus Ziegler. "Sollten sehr vereinzelt tatsächlich Verstöße stattgefunden haben und dies von dritter Seite dokumentiert worden sein, muss diesen Vorwürfen natürlich von der entsprechenden Stelle nachgegangen werden."

Die Notfallzulassung, die in Franken für das Einzugsgebiet der Zuckerfabrik Ochsenfurt ausgesprochen wurde, sei sach- und fachgerecht sowie wirtschaftlich unverzichtbar - "um den Zuckerrübenanbau in der Region und den Fortbestand der Fabrik zu sichern", so Ziegler.

Vergilbungsnester aktuell nur auf 10 Prozent der Flächen

"Zum damaligen Zeitpunkt waren in knapp 90 Prozent der Felder mehr oder weniger große Vergilbungsnester zu finden." Es habe ein 35-prozentiger Ertragsverlust gedroht. Mit Blick auf die aktuelle Lage berichtet er, dass man von Vergilbungsnestern auf etwa 10 Prozent der Flächen ausgehe - durchweg auf Feldern mit unbehandeltem Saatgut. Pro Vergilbungsnest seien jedoch nur wenige Einzelpflanzen betroffen.

Neben der Anwendung der Neonics-Beize habe in diesem Jahr auch das Wetter dazu beigetragen, den Blattlaus- und damit den Virenbefall niedrig zu halten. "Die Witterung hat zudem für eine kontinuierliche Rübenentwicklung gesorgt, sodass die Ochsenfurter Zuckerrübenbauer überdurchschnittlich ernten werden", berichtet der VFZ-Geschäftsführer. Es seien etwa 15 Prozent mehr Menge bei etwas geringerem Zuckergehalt als im Normaljahr zu erwarten.

Für 2022 indes fehle jegliche Prognosemöglichkeit. Der Befall sei allein witterungsabhängig. Denn wie die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) erklärt, ist aus fachlicher Sicht eine erneute Notfallzulassung der Neonics-Beize in der kommenden Anbau-Saison nicht erforderlich.

Kontrollen und Verstöße: Ob die Vorgaben, die mit der Notfallzulassung verknüpft sind, eingehalten werden, werde stichprobenartig kontrolliert, erklärt die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Die bisherige Bilanz zeigt, dass vereinzelt Verstöße registriert wurden, und in einigen Fällen noch Laborergebnisse ausstehen.