Ein wenig versteckt liegt die Sinnwiesenquelle, umgeben vom Buchenwald. Sanft fließt das Wasser, und nichts erinnert mehr dran, dass das Areal noch im vorigen Jahr eingezäunt und mit einem Betonbauwerk versehen war. Im Zuge des Projekts "Quellschutz in Bayern", eines Gemeinschaftsprojektes der Stadt Bischofsheim, des Amtes für Ländliche Entwicklung, des Landesbunds für Vogelschutz und des Biodiversitätszentrums Rhön, wurde die Sinnwiesenquelle renaturiert.

Bischofsheims Bürgermeister Georg Seiffert ließ sich von den Fachleuten den neuen natürlichen Quellbereich zeigen. Erste, für einen Quellbereich typische Lebewesen konnten schon gefunden werden. Sebastian Vogel (Biodiversitätszentrum) und Malvina Hoppe (LBV) haben Köcherfliegenlarven, Steinfliegenlarven, den Strudelwurm und Kaulquappen des Grasfrosches gefunden. Bitteres Schaumkraut und Bachbunge haben sich ebenfalls schon angesiedelt. "Es wurde ein neuer Lebensraum geschaffen", betonte  Malvina Hoppe. Quelltypische Arten gab es in und an der Sinnwiesenquelle vorher schlichtweg keine - es war ein Betonbauwerk und keine natürliche Quelle.

Im Gebiet der Stadt Bischofsheim wurden von März bis Mai 2019 109 Quellen aufgenommen. Die Quellkartierung erfolgte durch den  LBV im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU). Infolge der Kartierung schlug der LBV der Stadt Bischofsheim Maßnahmen zur Renaturierung von Quellen vor, die auf unterschiedliche Weise beeinträchtigt waren. Eine Vielzahl kleinerer Maßnahmen seien bereits umgesetzt worden, betonte der Bürgermeister.

Bagger rückten an

Manches konnte von den Forstarbeitern erledigt werden, bei der Sinnwiesenquellen war allerdings eine größere Baumaßnahme notwendig. Im Herbst vorigen Jahres rückte ein Bagger an. Über den nahegelegenen Bach musste vorübergehend eine Furt angelegt werden, das Wasser der Quelle wurde zunächst unterirdisch abgeleitet. Das Fassungsbauwerk und die Verrohrungen wurden entfernt, der Quellaustritt geöffnet und ein Quellbach bis zur Einmündung in den Ziegelhüttengraben angelegt. Die Fachleute hoffen nun, dass sich in der Sinnwiesenquelle auch die Rhönquellschnecke ansiedeln wird.

Die Rhönquellschnecke ist eine ganz besondere Rarität, die weltweit einzigartig ist und nur in der Rhön und im Vogelsberg vorkommt. Sie ist cirka zwei Millimeter groß und benötigt Wassertemperaturen von 5,5 bis 8,5 Grad Celsius. Das Wasser muss jedoch nicht nur kalt, sondern auch unbelastet sein. Aufgrund dieser hohen Lebensraumansprüche sei das Vorkommen der Rhönquellschnecke ein Indikator für eine hervorragende Gewässerqualität. Sie wird sowohl in der bayerischen als auch in der deutschen Roten Liste als stark gefährdet eingestuft. In 76 der 109 erfassten Quellen im Bischofsheimer Gebiet wurde die Rhönquellschnecke gefunden. Mit der Sinnwiesenquelle könnte nun eine weitere Quelle hinzukommen, denn sie bietet mit der konstant kalten Wassertemperatur und der Wasserqualität ideale Voraussetzungen für die Rhönquellschnecke. "Es wird allerdings keine gezielte Besiedelung der Quelle stattfinden", erläuterte Vogel. Vielmehr werde auf die Natur vertraut. "Die Tiere suchen sich über das Grundwasser und die entsprechenden Geländestrukturen an den Quellen ihren Weg."

Kommt die Rhönquellschnecke

Da sich in gar nicht weiter Entfernung der Sinnwiesenquelle eine weitere Quelle befindet, in der die Rhönquellschnecke bereits nachgewiesen wurde, stehen die Chancen gar nicht schlecht für eine Besiedelung der frisch renaturierten Quelle. Sebastian Vogel und seine Kollegen werden es im Blick behalten und im Rahmen einer Evaluierung  in den nächsten Jahren feststellen, ob die Mühen und Kosten der Renaturierung sich lohnten, um für die Rhönquellschnecke einen weiteren Lebensraum zu schaffen.

In der Verantwortung

Doch unabhängig davon, ob die Rhönquellschnecke die Sinnwiesenquelle entdeckt oder nicht, habe sich die Renaturierung jetzt schon gelohnt, betonen die Fachleute. Denn ein ungenutztes Bauwerk zu entfernen und der Natur Lebensraum zurückzugeben, sei stets eine lohnende Sache, was die schon angesiedelten Arten bestätigen. Bürgermeister Georg Seiffert betonte das Bemühen der Stadt Bischofsheim, wo immer es möglich sei, Quellen zu renaturieren und mit dem Biodiversitätszentrum zusammenzuarbeiten. Denn gerade Bischofsheim stehe als Umweltzentrum inmitten der Rhön mit seinen reichen Naturschätzen in der Verantwortung. Eventuellen Stimmen, dass die Sinnwiesenquelle noch einmal genutzt werden könne, wollte der Bürgermeister gleich entgegenwirken. Diese Quelle diente in der Vergangenheit nicht für Bischofsheims Trinkwasserversorgung und werde auch in Zukunft nicht benötigt. Warum sie gefasst war, könne heute nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden. Möglicherweise hatte sie einst für den Truppenübungsplatz eine Bedeutung.

Projekt "Quellschutz in Bayern"

Bereits seit 2009 engagieren sich LfU und LBV im Projekt "Quellschutz in Bayern" für den Erhalt dieses wertvollen Lebensraums. 2020 hat das Biodiversitätszentrum Rhön (BioZ) die Bearbeitung seitens des LfU übernommen. Im Vordergrund des Projektes stehen die Erfassung von Quellen, die Beratung und Unterstützung von Gemeinden bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen sowie die Schulung von Multiplikatoren. Der Gesetzgeber misst Quellen als Lebensraum für hochspezialisierte Arten und aufgrund ihrer Bedeutung für den Gewässerschutz großes Gewicht bei und lässt ihnen einen besonderen gesetzlichen Schutz angedeihen. So gelten naturnahe Quellen nach Paragraf 30 des Bundesnaturschutzgesetzes als gesetzlich geschützte Biotope.