Sieben Frauen, 17 Männer, neun Gruppierungen, drei davon mit nur einem Stadtrat, keine eindeutige Mehrheit, bereits vor der konstituierenden Sitzung geheime Absprachen und dann noch Corona-Pandemie: Der Hammelburger Stadtrat hat turbulente Monate hinter sich. Bei der Kommunalwahl haben es zudem gleich zwei 18-jährige Schülerinnen geschafft: Maria Pfaff über die "Junge Liste", Emma Bindrum über die neu gegründete Liste "Generation Z". Wir haben mit ihnen und weiteren Stadträten aus unterschiedlichen Fraktionen auf das Jahr 2020 zurückgeblickt.

Einen "Welpenschutz" gebe es für die beiden (Noch-)18-Jährigen nicht, sind sich Maria Pfaff und Emma Bindrum einig. "Andere Stadträte gehen auf uns zu, aber wir werden nicht verhätschelt", sagt Maria Pfaff, die sich selbst "noch in der Einarbeitsphase" sieht. Die beiden Gymnasiastinnen versuchen, in den Stadtratssitzungen immer nebeneinander zu sitzen, haben gemeinsam auch ein Seminar zum Thema Baurecht besucht. "Wir wussten schon, dass es viel Arbeit wird, aber außerhalb der Sitzungen kommt viel dazu", berichtet Emma Bindrum. Schade finden beide, dass durch Corona kein direkter Austausch während der Beratungen möglich ist. Deshalb behelfen sie sich per Whatsapp. Emma Bindrum schreibt nach eigenen Worten auch mal ihren Vater Patrick Bindrum (CSU) an. Aber: "Es geht nicht darum, wie ich abstimme, sondern um Fragen", betont sie, und: "Ich habe schon mehrfach anders abgestimmt als er." In der Familie Bindrum gebe es eine klare Trennung: "In der Sitzung ist er ein Kollege, daheim mein Papa."

Das sieht auch Patrick Bindrum so: "Man muss sich daran gewöhnen, aber ich freue mich, wenn sie ihre eigene Meinung hat", kommentiert er das Verhältnis zur Tochter. Er sei "grundsätzlich zufrieden" mit der Arbeit im Stadtrat. Aktuell würden leider viele Themen in Ausschüssen beraten, denen er nicht angehört, da habe er die Auswirkungen der Corona-Pandemie unterschätzt. Insgesamt sei das Gremium auf einem guten Weg, und die meisten Entscheidungen würden einstimmig fallen. "Ich hoffe, dass einige Kollegen ihre Enttäuschungen überwinden", wünscht er sich für 2021.

Für Arnold Eiben (CSU) aus Untererthal ist es die dritte Amtszeit. "Es gibt weniger Absprachen als man meint", betont der 63-Jährige. Trotzdem: "Die Blockbildung zieht sich bisher so durch." In den vorangegangenen Amtszeiten sei die Zusammenarbeit harmonischer gewesen: "Jeder hat versucht, das Beste für die Stadt rauszuholen." Wenn es Absprachen gegeben habe, dann eher gegen die CSU. Eiben lässt aber auch durchblicken, dass er mit den Gesprächen vor der Wahl der stellvertretenden Bürgermeister nicht ganz einverstanden war. "Das ist gegen meinen Willen so entstanden." Jurist Eiben fühlt sich nach eigenen Worten nur seinem Gewissen verpflichtet: "Es ist auch in der Fraktion klar, wo ich nicht mitmache", betont er. Bei der Information der Stadträte sei noch Luft nach oben: "Das könnte besser laufen, aber ich denke, es wird nichts bewusst zurückgehalten." Einsetzen wolle er sich, dass in Zukunft die Sitzungen wieder früher angekündigt werden, auch weil er als Bundesrichter viel unterwegs sei.

"Nicht glücklich" war Monika Horcher (Grüne) mit dem Ablauf der Wahl der Bürgermeister-Stellvertreter zu Beginn der Amtszeit. Dem Kreistag gehört die 64-Jährige bereits seit 1996 an, im Stadtrat ist sie aber neu. Ihrer Meinung nach gehe die aktuelle Blockbildung von CBB und SPD aus. "Die sind grundsätzlich gegen alles", sagt Horcher. Während es im Kreistag eine gute Zusammenarbeit mit SPD und Freien Wählern gebe, habe sich im Stadtrat eben eine Mehrheit mit der CSU ergeben, aber: "Ich stimme nicht mit der CSU-Mehrheit, sondern für das, was ich sinnvoll finde", stellt die ehemalige stellvertretende Landrätin klar, und: "Ich wünsche mir, dass wir uns gemeinsam interfraktionell an einen Tisch setzen."

Mit "gemischten Gefühlen" blickt Dr. Reinhard Schaupp (CBB) auf die Arbeit im Stadtrat zurück. Schaupp saß 24 Jahre lang für die SPD im Gremium, pausierte dann sechs Jahre und vertritt seit Mai den CBB. "Es ist wichtig, dass unterschiedliche Meinungen zum Ausdruck kommen", setzt er sich für eine offene Diskussion-Kultur ein, aber: "Ich bin gegen Fundamental-Opposition in kommunalen Gremien." Es gebe viele fraktionsübergreifende Entscheidungen, aber in vielen Punkten wie etwa den Änderungsvorschlägen zur Geschäftsordnung würde er sich mehr Kompromiss-Bereitschaft vor allem von der CSU wünschen. Schaupp, der aus der SPD ausgetreten und auch kein Anhänger der Freien Wähler auf Landesebene ist, wundert sich vor allem darüber, dass von den beiden jungen Stadträtinnen nicht mehr kommt. "Ich dachte, jetzt zieht Fridays for Future in den Stadtrat ein, da bin ich etwas enttäuscht."

Mit seiner Frau, SPD-Stadträtin Rita Schaupp, gebe es wenig Austausch. "Es ist kein Tabu-Thema, aber wir sprechen uns vorher meistens nicht ab", erzählt der 65-Jährige. Das bestätigt auch seine Frau: "Wir bereiten uns meistens getrennt vor, aber wir sind natürlich politisch auf einer Linie." Und: "Es ist kein Problem, dass er im Bürgerblock sitzt und ich in der SPD." Als Rita Schaupp 2014 neu in den Stadtrat kam, wurde sie gleich 3. Bürgermeisterin. Damals sei der Bürgermeister auf sie zugekommen, in der aktuellen Amtszeit vermisse sie diese Kompromiss-Bereitschaft: "Wir können kein Land gewinnen, sie lassen uns einfach zappeln", beschreibt sie die Zusammenarbeit. Und ihr Wunsch für die Zukunft? "Ich würde mir mehr öffentliche Diskussion und mehr Offenheit wünschen."

Die beiden 18-Jährigen dagegen können durchaus nachvollziehen, dass es zu manchen Themen bereits Absprachen vorab gibt: "Es ist etwas anderes, wenn Dinge öffentlich in der Sitzung gesagt werden, das verstehen manche als Angriff", sagt etwa Maria Pfaff. Auch deshalb haben sich beide bisher nur selten zu Wort gemeldet. "Ich will nicht noch mal meinen Senf dazugeben", sagt Emma Bindrum und verweist darauf, dass die Sitzungen bereits jetzt meistens mehr als drei Stunden dauern. Beide stören sich an "Sticheleien" und Verweise auf frühere Amtsperioden. Stattdessen hoffen sie auf mehr Sachlichkeit. Und wenn Corona vorbei ist, will Emma Bindrum auch versuchen, mehr Themen ihrer neuen Liste "Generation Z" unterzubringen, vor allem den Klimaschutz. Sie sei in engem Austausch mit ihrer Mit-Initiatorin Paula Christof, aber: "Im Moment ist es einfach schwierig, solche Themen anzusprechen."