Immer mehr Schülerinnen und Schüler leiden unter Depressionen und Angststörungen. Das hat eine Studie des Robert-Koch-Instituts ergeben. Prof. Dr. Marcel Romanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Würzburger Universitätsklinikums, sprach vor vielen interessierten Zuhörern, darunter viele Lehrer, über "Prävention von psychischen Erkrankungen in der Schule" in der Aula des Hammelburger Frobenius Gymnasiums. Romanos, der einigen Zuhörern aus einem vorangegangenen Vortrag über ADHS bekannt war, startete damit mit seinem höchst aktuellen Thema - nach einer coronabedingten Pause - die etablierte Vortragsreihe des Frobenius-Forums neu.

Während psychische Erkrankungen besonders häufig im Alter von etwa 20 Jahren zum ersten Mal auftreten, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass man mit steigendem Alter eine neue psychische Erkrankung entwickelt, erklärte Romanos. Im Vergleich dazu nehmen die körperlichen Erkrankungen potenziell mit dem Anstieg des Lebensalters zu. Es heißt, psychische Erkrankungen beginnen früh und dauern lange an. Umso wichtiger ist es, dass Strategien entwickelt werden, mit denen man diesen psychischen Erkrankungen begegnen kann.

Es gibt viele Faktoren, die eine psychische Erkrankung auslösen können. Prof. Romanos zählte ein breites Spektrum auf: Stress, Alkohol, Medikamente in der Schwangerschaft, Armut, Vernachlässigung, Traumata, Misshandlungen und Missbrauch bis hin zu Schulstress. "Es ist immer ein Wechselspiel zwischen Veranlagung und Umweltfaktoren", erläuterte Romanos, der auch das Deutsche Zentrum für Präventionsforschung Psychische Gesundheit leitet. Vor allem Belastungen während der Corona-Pandemie kamen zur Sprache. "Die Rückkehr zur Schule hat bedingt, dass unsere Stationen voll sind", sagte er. So sei es jedes Jahr — mit Schulbeginn gäbe es eine Zunahme von Anmeldungen.

In der Pandemie vermissten die Jüngeren ihre Freunde, Sport, Bewegung und soziale Integration, die Jugendlichen ihre für sie sehr wichtigen Freunde. Gleichaltrige haben in dieser Lebensphase eine große Bedeutung, sie sind geradezu der Mittelpunkt, erklärte Romanos . Problematisch ist aus Romanos Sicht auch, dass man so schlecht in die Familien hineinschauen kann. Hier passiert ein Großteil jeglicher Gewaltformen. Familiäre Belastungssituationen seien prägend. Die Kinder hatten auch Ängste entwickelt, selbst krank zu sein oder andere infizieren zu können und somit schuld an deren Tod zu sein. Es war auffällig, wie viele Eltern sich gemeldet hätten, um zu fragen wie sie mit den Fragen ihrer Kinder nach dem Tod umgehen könnten.

Und wie sah es mit der Beschulung in der Pandemie aus? Romanos erklärte, dass gute Schüler in Zeiten von Fernunterricht gut vorankamen, schwächere Schüler nicht so gut. Generell gesehen, hätten viele Kinder die Pandemie wohl gut überstanden, so seine Meinung.

Doch wie erkennt man Angst und Depression bei Kindern? Im schulischen Bereich wirken betroffene Schüler abwesend und unkonzentriert, es kann sogar zu einem Notenabfall kommen. Auf der emotionalen Ebene fällt auf, dass betroffene Kinder kaum noch lachen, gedrückter Stimmung sind, Blickkontakt meiden und nervös bis gereizt wirken. Oft verbringen sie ihre Pausen alleine und sprechen leise und gehemmt. Auch Übelkeit, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Fehlzeiten können Indikatoren sein. Es kommt hier auf die Früherkennung an, denn oft werden ruhige Kinder übersehen, und ein sozialer Rückzug kann zu aktiver Ausgrenzung führen, warnt Romanos. Angst sei ein normales Gefühl, das zum leben gehört. Aber wenn Ängste auch dann auftreten, wenn es an einer realen Bedrohung fehlt, der Leidensdruck enorm ist und ungefährliche Situationen gemieden werden. Dann sei die Angst als pathologisch einzustufen.

Gut zu hören war, dass Kinder Ängste überwinden und an ihnen wachsen können. "Die Idee hinter den Präventionsprogrammen ist grundsätzlich, dass wir die Kinder und Jugendlichen resilienter machen wollen", so Romanos. Resilienz, die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung oder Rückgewinnung psychischer Gesundheit während oder nach widrigen Lebensumständen ist ein wichtiger Schlüssel, sozusagen eine Art posttraumatisches Wachsen. Als Resilienzfaktoren, so war zu erfahren, gelten unter anderem Optimismus, ein gutes Selbstwertgefühl, aktive Bewältigungsmechanismen, soziale Unterstützung und kognitive Flexibilität.

Leider wird Kindern europaweit viel Gewalt angetan, so Romanos. Dabei würden laut WHO 90 Prozent aller Missbrauchsfälle nicht erkannt. Eine Untersuchung des Bundeskriminalamts besagt, dass nur jeder 15. Fall von sexueller Gewalt an Kindern aktenkundig wird, das heißt 14 Fälle werden nicht aufgedeckt. Gewalt findet auf vielen Ebenen und mit teils lebenslangen Folgen statt.

Romanos zählte verschiedene Formen von Prävention auf und stellte ein Phasenmodell, die Arbeit des Präventionszentrums, sowie einzelne Projekte vor. Mit Dude ("Du und Deine Emotionen" - einem Surfcamp der Gefühle) sei ein gut durchdachtes Training entwickelt worden, das Schüler dabei unterstützen könne, sich ihrer Gefühle bewusst zu werden, damit gut umzugehen und zu erkennen, wie man Ressourcen aktivieren kann.

Aktuell starteten parallel drei unterschiedliche Programme an Nordbayrischen Schulen mit 3.500 Schülerinnen und Schülern: Ein Teil durchläuft Dude, ein anderer Teil einen Stressmanagementkurs und der 3. Teil ein von Lehrkräften angeleitetes Programm. So könne erkannt werden, ob die Inzidenz von psychischen Erkrankungen reduziert werden kann.