Die Frage schwebte immer wieder mal im Raum, in der letzten Stadtratssitzung des Jahres 2021 sprach CBB-Stadtrat Dr. Reinhard Schaupp das heikle Thema dann an: "Wie geht die Stadtverwaltung damit um, wenn städtische Bedienstete für eine bestimmte Funktion eingestellt sind, diese aber wegen Impfverweigerung nicht ausfüllen können?" Namen nannte Schaupp auch auf Nachfrage der Redaktion keine. Offensichtlich war aber, dass unter anderem Stadtbaumeister Detlef Mohr gemeint war: Seit Jahren stellt Mohr Bauangelegenheiten im Stadtrat vor, seit Einführung der 2G-plus-Regel im Herbst vertritt ihn Andreas Reuter. "Ich möchte mich nicht impfen lassen, weder jetzt, noch in Zukunft", positionierte sich Mohr nun auf Nachfrage der Redaktion erstmals öffentlich zum Thema.

"Ich war sogar schon mal kurz davor und habe mir gesagt: Jetzt hole ich mir den Pieks", berichtet der 62-Jährige. Er sei kein Corona-Leugner oder grundsätzlicher Impfgegner, betont der Stadtbaumeister. Aber: "Jede Impfung, auch die gegen Covid-19, ist sehr persönlich und kann nur individuell entschieden werden." Aus seiner Sicht könnten auf Grund der kurzen Entwicklungszeit und der neuartigen Art der Impfungen mittel- und langfristige Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen werden. "In Abwägung aller mir bekannten Erkenntnisse zum Thema Covid habe ich einen wohl abgewogenen Entschluss gefasst, den mir niemand abnehmen kann, noch darf", fasst Mohr seine Meinung zusammen. Schließlich müsse er dann, wenn es einen Impfschaden gebe, diesen ganz alleine tragen.

Der 62-jährige Familienvater ist sich der Problematik wohl bewusst: Auch in seiner Familie gebe es ganz unterschiedliche Ansichten zum Thema Impfen. Umso mehr bedauere er, dass viel mehr übereinander als miteinander gesprochen werde. Er selbst habe seinen Impf-Status bisher nicht öffentlich gemacht, es habe auch keine direkten Gespräche mit dem Bürgermeister bisher gegeben. Auf Anfrage der Redaktion habe er sich jedoch entschieden, sich als erster aus der Stadtverwaltung öffentlich zu äußern.

Er sei im Herbst kurz vor einer Stadtratssitzung von der Nachricht überrascht worden, dass in der Musikakademie 2G gelte und er deshalb trotz eines tagesaktuellen negativen Tests nicht teilnehmen dürfe. Das Landratsamt Bad Kissingen hatte später klargestellt, dass sie für die Stadt als Mieter kein 2G vorschreibe, sondern die Stadt das selbst entscheiden könne. Deshalb hat Mohr in der vergangenen Woche den Antrag gestellt, an der nächsten Stadtratssitzung heute, Montag, 17. Januar, teilnehmen zu dürfen: Er teste sich grundsätzlich an jedem Arbeitstag im Rathaus und vor Terminen. Seine Arbeit könne er - mit Ausnahme der Stadtratssitzungen - in vollem Umfang erledigen, versichert der Stadtbaumeister. Weil er sich außerhalb der Arbeitszeit testen lasse, sieht er auch keinen Nachteil für die Stadt. Einer generellen Impfpflicht steht Mohr äußerst kritisch gegenüber: Der 62-Jährige kann sich nicht vorstellen, dass sie rechtlich haltbar wäre oder für ihn selbst dienstrechtliche Konsequenzen haben könnte. Er sehe die aktuelle Diskussion deshalb gelassen - und betont: "Ich bin jederzeit zu einem Dialog bereit."

Mediziner Reinhard Schaupp, der im Dezember einen kommunalen Impftag initiierte, kann solche Haltungen nicht nachvollziehen: "Es gibt Menschen, die trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse den Sinn von Impfungen ablehnen", sagte er in der letzten Sitzung des Stadtrates im Jahr 2021. Und: "Auch städtische Bedienstete haben das Recht, einen Irrtum für sich in Anspruch zu nehmen." Allerdings müssten sie dann auch mit Konsequenzen rechnen, forderte Schaupp eine Überprüfung von Stellenbeschreibungen und möglicherweise sogar Umstrukturierungen im Organigramm der Stadtverwaltung. Schaupp verwies unter anderem auf die "Solidarität zu anderen Mitarbeitern."

Bonus für Geimpfte?

"Das ist eine belastende Situation für alle Beteiligten, auch für mich persönlich", kommentierte Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) in der Sitzung das Thema. Die Problematik nehme "wahnsinnig viel Zeit" in Anspruch. Warmuth kündigte in der Jahresschluss-Sitzung an, nach Weihnachten "intensive Gespräche" mit betroffenen Mitarbeitern zu führen. Laut Stadtbaumeister Mohr gab es bislang aber noch keine Einladung zu einem Gespräch, das Thema sei höchstens am Rande von Teamsitzungen kurz angesprochen worden. CSU-Fraktionssprecher Martin Wende regte im Stadtrat an, "Geimpften, die Mehrarbeit leisten, etwas Gutes zu tun".

Laut Landratsamt Bad Kissingen liegt es im Zuständigkeitsbereich des Bürgermeisters als Sitzungsleiter, welche Hygieneregeln die Mitarbeiter der Verwaltung bei Stadtratssitzungen einhalten müssen. "Es wird keine Ausnahmen für einzelne Mitarbeiter geben", stellte Warmuth auf Nachfrage klar. Der Antrag des Stadtbaumeisters habe er zumindest für die Sitzungen in der Musikakademie wegen des begrenzten Platzes deshalb abgelehnt. Warmuth kündigte aber für den 24. Januar und 14. Februar zwei Stadtratssitzungen in der Erthalhalle an. In beiden Sitzungen erwarte er wegen der Tagesordnung großes Interesse, deshalb werde bei diesen Sitzungen eine 3-G-Regel in der großen Halle geben. Wegen des "immensen" Aufwandes seien das jedoch Ausnahmen, danach werde wieder in der Musikakademie getagt.

"Wo sollen wir mit den Ausnahmen anfangen?", fragt Warmuth und verweist auf stark steigende Inzidenzen auch in Hammelburg. "Wir müssen ja auch Verantwortung für unsere geimpften Mitarbeiter übernehmen", ergänzt Silke Preyer, die das Thema in der Geschäftsleitung der Stadtverwaltung betreut. Viele Kollegen würden sich sorgen machen um sich selbst und ihre Familien.

"Keinen Druck aufbauen"

"Ich darf und will keinen Druck aufbauen", stellt Warmuth klar. Allerdings habe er gemeinsam mit dem Personalrat einen Appell an alle Ungeimpften verschickt, sich impfen zu lassen und Verantwortung anderen gegenüber zu übernehmen. Warmuth schätzt, dass mittlerweile mehr als 80 Prozent der Mitarbeiter geimpft sind. In den vergangenen Wochen seien einige dazu gekommen. Mit einzelnen Mitarbeitern habe er Einzelgespräche geführt, "aber nicht mit allen", berichtet Warmuth. Schließlich hätten sich einige Mitarbeiter so eindeutig positioniert, dass es keine Gesprächsgrundlage gebe.