Viele Angehörige sind verunsichert: "Wir wissen halt nicht, wie es weiter geht", kommentiert der Sohn einer Bewohnerin die vorübergehende Schließung des Seniorenhauses Euerdorf. Für ihn selbst sei der Aufwand nicht höher, wegen der 2G-plus-Regel müsse er meistens sowieso zunächst nach Hammelburg oder Bad Kissingen zum Testen fahren, bevor er seine Mutter besuche. Aber für die Bewohner sei es schwer, sich auf eine neue Umgebung einzustellen. "Einen alten Baum verpflanzt man nicht ständig", sagt der Sohn und hofft, dass der Umzug in der kommenden Woche gut über die Bühne geht.

Mehrere Angehörige, die nicht namentlich genannt werden möchten, eint die Sorge, dass das Seniorenhaus vielleicht nicht wieder öffnet. Auch beim Euerdorfer Bürgermeister Peter Bergel haben sich deshalb bereits Bürger gemeldet. "Ich bin immer noch maßlos enttäuscht, dass das so schnell entschieden wurde", sagt Bergel auch noch einige Tage nach dem Gespräch mit Marco Schäfer, dem Vorstand der Carl-von-Heß-Sozialstiftung. "Vielleicht hat die Stiftung befürchtet, dass die Euerdorfer wie in den 1990er Jahren wieder für ihr Seniorenheim auf die Straße gehen", vermutet er. Gerade weil der Träger eine landkreiseigene Stiftung ist, hätte er sich gewünscht, dass die Gemeinde früher in die Entscheidung einbezogen worden wäre.

Pachtvertrag läuft bis 2037

Der Bürgermeister vertraut darauf, dass der auf 20 Jahre geschlossene Pachtvertrag mit dem Eigentümer der Einrichtung, der Philippischen Altenheim-Stiftung, so wasserdicht ist, dass die Carl-von-Heß-Sozialstiftung auf alle Fälle zurückkommen muss. Er habe darum gebeten, über die weitere Entwicklung informiert zu werden, habe aber auch angeboten, dass die Gemeinde bei der Suche nach Fachkräften hilft, wo sie kann. "Das Haus ist top saniert", betont Bergel, wenn es aber trotzdem notwendig sei, die Zahl der Plätze durch eine Erweiterung zu erhöhen, könnten sich die Stiftungen der Unterstützung der Gemeinde sicher sein.

Landrat und Stiftungsvorsitzender Thomas Bold stellt sich auf Nachfrage hinter seinen Vorstand: "Aufgrund der aktuellen Situation - ein akuter Pflegenotstand, der durch die Pandemie noch weiter verschärft wurde - bestand dringender Handlungsbedarf." Marco Schäfer habe "die einzig richtige Entscheidung getroffen" und musste laut Bold "umgehend reagieren, zum Wohl der Bewohnerinnen und Bewohner sowie auch der Mitarbeitenden".

Der Stiftungsvorstand entscheide laut Satzung in eigener Zuständigkeit. "Die Fraktionsvorsitzenden wurden im Vorfeld informiert", betont Bold. Die Mitglieder des Stiftungsrats seien dann am Freitag mit Bewohnern, Angehörigen und Personal benachrichtigt worden. "Abzuwarten oder eine zusätzliche Sitzung einzuberufen, hätte die Entscheidung nicht beeinflusst, sondern lediglich hinausgezögert."

Auch der Landrat und Stiftungsvorsitzende versichert: "Ziel ist es, das Haus in Euerdorf so bald wie möglich wieder zu eröffnen." Dafür müssten jedoch zunächst "neue Strukturen aufgebaut und qualifiziertes Personal gewonnen werden". Für andere Einrichtungen der Carl-von-Heß-Sozialstiftung erwartet Bold keine ähnlichen Einschnitte: "Wir wissen aber natürlich nicht, wie sich die Pandemie weiterentwickeln und wie sich die Impfpflicht langfristig auf die Pflege allgemein und damit auch auf die Carl-von-Heß-Stiftung auswirken wird."

Aus dem Kreistag kommen auch andere Stimmen: "Es hätte besser laufen können", sagt etwa CBB-Kreisrat Dr. Reinhard Schaupp, der dem Stiftungsrat der Carl-von-Heß-Sozialstiftung angehört. Er könne die Entscheidung jedenfalls bislang nicht bewerten, weil ihm noch Informationen fehlen. Aus seiner Sicht hätte für eine solch schwer wiegende Entscheidung kurzfristig eine Sitzung des Gremiums einberufen werden müssen. Auf alle Fälle habe er Fragen für die nicht-öffentliche Sitzung des Stiftungsrates kommenden Montag.

Als "nicht ganz glücklich" bezeichnet auch CSU-Kreisrätin Patricia Schießer das Vorgehen. Die ehemalige Euerdorfer Bürgermeisterin ist die einzige Kreisrätin aus der gesamten Verwaltungsgemeinschaft Euerdorf. Aktuell gehört sie dem Stiftungsrat der Heß-Stiftung an, als Bürgermeisterin saß sie im Vorstand der Philippischen Altenheim-Stiftung und begleitete ab 2014 die Sanierung des Seniorenheims. Das Gebäude sei damals für mehr als zwei Millionen Euro umgebaut worden, die Gemeinde habe sich mit rund 200 000 Euro beteiligt. Um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, sei die Zahl der Pflegeplätze von 39 auf 29 reduziert worden. Die Euerdorfer Stiftung habe damals einen Kredit aufnehmen müssen, der über den 20-Jahres-Vertrag mit der Heß-Stiftung abgesichert wurde.

Umzug im Laufe der kommenden Woche

Die Entscheidung zur vorübergehenden Schließung habe sie "schockiert und überrascht". Patricia Schießer teilt die Sorge der Angehörigen: "Wir brauchen eine Perspektive und mehr Informationen", lautet deshalb ihre Forderung für die Sitzung des Stiftungsrates am Montag. Andere Stiftungsräte dagegen unterstützen die Entscheidung des Vorstandes: "Die Problematik bahnte sich ja seit langem an", sagt etwa der Hammelburger CSU-Kreisrat Patrick Bindrum. Auch Grünen-Kreis- und Stiftungsrat Christian Fenn vertraut darauf, dass Vorstand Marco Schäfer keine andere Wahl hatte. Die Entscheidung liege im Verantwortungsbereich des Vorstands. Fenns Fraktionskollege Volker Partsch dagegen hätte sich eine Notsitzung vor der Schließung gewünscht. Laut Partsch seien die Fraktionssprecher über die volle Entscheidung zur Schließung bereits Ende Januar erst am Freitag informiert worden, widerspricht er der Darstellung des Landrats.

Stiftungsvorstand Marco Schäfer kündigte an, dass die Bewohner in der kommenden Woche nach und nach umziehen. "Der Umzug wird, schon aus Pandemiegründen, ausschließlich von unserem eigenen Personal durchgeführt werden." Schäfer geht davon aus, dass alle Mitarbeiter und Bewohner den Umzug auch mitmachen. Bewohner, die das Angebot in einem anderen Heim der Carl-von-Heß-Sozialstiftung nicht annehmen wollen, hätten aber ein Sonderkündigungsrecht. Private Gegenstände und Möbel der Bewohner ziehen mit um, die sonstige Einrichtung sei in den neuen Unterkünften vorhanden. "Selbstverständlich werden auch die Bewohnerunterlagen in den neuen Heimen zur Verfügung stehen." Schäfer kündigte an, dass das Thema Seniorenhaus Euerdorf in der Sitzung des Stiftungsrates am Montag auf der Tagesordnung steht.