Seit 2017 vertritt die promovierte Juristin und Hammelburgerin Manuela Rottmann (49) als Mitglied der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen den Wahlkreis Bad Kissingen im Bundestag. Vor gut drei Monaten wurde sie zur Parlamentarischen Staatssekretärin in das von Parteifreund Cem Özdemir geführte Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft berufen. Nach dreimonatiger Einarbeitungszeit nutzte sie nun die sitzungsfreie Woche für einen Antrittsbesuch in neuer Funktion in ihrem Wahlkreis und besuchte dabei auch den Landkreis Bad Kissingen. "Ich spüre überall hohe Erwartungen, die an mich und die neue Regierung gestellt werden."

Als Staatssekretärin hat sie im Vergleich zu den vier Vorjahren neue und andere Aufgaben und trägt die fachliche Verantwortung für ganz Deutschland. Besucht sie ihren Wahlkreis also unter anderen, übergeordneten Gesichtspunkten? Rottmann: "Ob Wahlkreis-Abgeordnete oder Staatssekretärin - ich mache da keinen Unterschied." Wohl auch deshalb kam die "Uralt-Umweltschützerin", wie sie sich selbst beim Besichtigungsrundgang nannte, vom Mittagessen zu Fuß zum Hammelburger Parkplatz, um sich von Büroleiter Fabian Hamák im Elektroauto zum nächsten Termin fahren zu lassen. Ihre Dienstlimousine hatte sie während ihres achttägigen Wahlkreisbesuchs mit 20 Gesprächs- und Besichtigungsterminen in Berlin stehen lassen. Hamák: "Frau Dr. Rottmann fährt gern mit der Bahn."

Nach einem Fachgespräch mit dem Landesvorsitzenden Richard Mergner und dem Kreisvorsitzenden Franz Zang (Bund Naturschutz) und gemeinsamem Besuch des Hammelburger Weinguts Lange, des extensiv bewirtschafteten Agroforsts im Gansthal und der Streuobstwiese in Untererthal (wir berichteten) besichtigte sie als letzte Station eines langen Besuchstages den Zehntfreyhof Neder in Ramsthal. "Ich muss mir vieles genau anschauen und dabei immer überlegen, welchen politischen Spielraum wir im Bund haben unter Beachtung der Zuständigkeit der Länder und der Europäischen Union."

Auf dem Zehntfreyhof ließ sie sich von Landwirt Jürgen Herrle eine Lagerhalle mit Photovoltaik-Modulen auf dem Dach und die Betriebshalle zeigen mit der modernen und hochwertigen Reinigungs- und Verarbeitungsanlage für das auf den über hundert Hektar Land produzierte Saatgut sowie eine Sortenauswahl der Produkte von der Beluga-Linse über Winter- und Sommererbse bis zur Ackerbohne Fanfare.

Seit 20 Jahren ökologischer Ackerbau

Schon vor 20 Jahren hatten sich Herrles Schwiegereltern Christiane und Günter Neder für den ökologischen Ackerbau entschieden und erstes Saatgut produziert. Umweltschutz und Arbeiten ohne Chemie waren Gründe zur Umstellung. Seitdem hat man sich auf die Vermehrung und Aufbereitung von ökologischem Saatgut, vor allem von Hülsenfrüchtlern, spezialisiert.

Gerade die Hülsenfrüchtler (Leguminosen) sind für die Fruchtfolge im ökologischen Landbau wichtig, da sie Stickstoff in den Boden bringen und sich zudem noch sehr gut verfüttern lassen. Die Neders fanden fast vergessene Winterformen von Hülsenfrüchtlern wieder, die sich wegen ihrer Langstrohigkeit gut zur Unterdrückung von Unkraut eignen und weniger empfindlich bei Frühjahrstrockenheit sind. Für diese Erhaltungszüchtung wurde Jürgen Herrles Schwiegervater vor fünf Jahren sogar Sieger im Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau.

Kapazität verdoppelt

"Vor sieben Jahren haben wir in die aufwändige Maschinenanlage investiert und vor zwei Jahren unsere Kapazität verdoppelt", erklärte nun Herrle beim Rundgang mit Staatssekretärin Rottmann. Im Laufe des Gesprächs vergaß er auch nicht, hin und wieder freundlich lächelnd kleine verbale Seitenhiebe auszuteilen und die Staatssekretärin auf Schwachpunkte der bisherigen Landwirtschaftspolitik in Deutschland und der Europäischen Union aufmerksam zu machen. Nicht nur die strenge Reglementierung des Gesetzgebers, die in manchen Punkten den naturgegebenen Notwendigkeiten der Landwirte widerspricht, sondern vor allem die Zukunft der Landwirtschaft angesichts des Klimawandels mit zunehmender Trockenheit macht Herrle Sorgen: "Was soll in Zukunft auf diesen buckligen Flächen noch wachsen?"

"Wenn wir den Anteil an ökologischem Ackerbau bis zum Jahr 2030 auf 30 Prozent der Ackerfläche steigern wollen, müssen auch die Rahmenbedingungen und Erträge für die Landwirte attraktiv sein", war sich Rottmann am Ende des Tages bewusst. "Wir brauchen mehr Abnehmer für regionale Produkte", sagte sie und meinte damit vorrangig Gemeinschaftsverpflegungen in Schulen, Kindergärten oder sozialen Einrichtungen. Doch dies ist nur eine ihrer anstehenden Aufgaben als Parlamentarische Staatssekretärin. "Wir müssen viele Probleme lösen, die die vorige Regierung liegen gelassen hat." Rottmann nennt als Beispiel die Kennzeichnung in der Tierhaltung. Der Öko-Landbau muss vorangetrieben werden. Und: "Der Wald droht uns wegzubrechen." Letztlich steht für die Hammelburgerin fest, ganz gleich ob als Wahlkreis-Abgeordnete oder als Staatssekretärin: "Der ländliche Raum muss Profiteur der Energiewende sein."