Ilse und Reiner Stein schwärmen: "Wir lernen jedes Mal Spannendes und Überraschendes über den Hammelburger Weinbau und die Stadtgeschichte." Das Ehepaar gehört zu 27 Weinfreunden, die einen der begehrten Plätze für die Nacht der Weinkultur ergattert haben.

"Ich musste mindestens ebenso vielen absagen", freut sich Gästeführerin Christiane Schmid über die rege Nachfrage. Sie führt die Weinfreunde in die Vinothek des Weinguts Schloss Saaleck, zur Winzerfamilie Ruppert und zum Ökowinzer Peter Plewe.

Schmid legt Wert darauf, dass die Winzer je zwei charakteristische Weine unterschiedlicher Rebsorten vorstellen. "Das sind bei dem einen die höchst prämierten Weine, beim anderen die am ungewöhnlichsten ausgebauten." Ulrike Lange vom Weingut Schloss Saaleck präsentiert nach dem Perlwein "Fritz" erstmals einen Eigenausbau in einer Flasche noch ohne Etikett.

Besucher raten die Rebsorte

"Raten Sie mal, was für eine Sorte das ist?" Und schon beginnt der fachkundige Austausch der kleineren und größeren Weinexperten: Merzling? Ortega? Riesling? Fast jede in Hammelburg angebaute Sorte wird genannt. Mancher riecht den Duft von Boskopäpfeln, andere den reifer Bananen oder Quitten. Es ist aber ein Cuvée aus Weiß- und Grauburgunder, der Mitte September abgefüllt wurde.

Trotz Regen und Nässe ist Ulrike Lange mit der Ernte und dem Ausbau in diesem Jahr sehr zufrieden: "Die Haut unserer Beeren ist durch den ökologischen Bioanbau und den Verzicht auf Schädlingsbekämpfungsmittel widerstandsfähiger geworden."

Die Familie Ruppert hat die längste Winzertradition in der Saalestadt. Jungwinzer Stefan Ruppert führt die Gruppe hinab in den Keller, wo in riesigen, blubbernden Edelstahltanks die neue Ernte gerade ausgebaut wird. Beim Kredenzen eines prämierten Müller-Thurgau Kabinetts und eines köstlichen Rieslings erläutert er die kontrollierte Gärung mit Heizstäben und Kühlsystemen in den Edelstahltanks. "So kann der Wein seine Aromen entfalten und sie verbrodeln nicht", sagt er.

Ruppert gehört zu der Riege junger Hammelburger Nachwuchswinzer. "Sie bringen viel Schwung und jede Menge neue Ideen in den hiesigen Weinausbau", ist Schmid überzeugt. "Sie machen sich einen Namen mit besonderen Ausbaumethoden wie der Spontanvergärung oder geben ihren Weinen auch mal ungewöhnliche Namen wie bei den 2gether-Cuvéeweinen."

Richtig urig wird es im Weinhäusle von Ökowinzer Peter Plewe. Portionsweise führt er die Gäste in den vor gut 20 Jahren wieder freigelegten alten Weinkeller, wo auf engstem Raum Edelstahltanks den Duft des gärenden Mosts verströmen. " Ich will, dass meine Weine den Geschmack des Jahrgangs haben und baue sie nicht identisch aus", erklärt Plewe.

So kommt es, dass viele Gäste unbedingt den 2011er Spätburgunder kosten wollen, nachdem Plewe den vollmundig ausgebauten 2012er kredenzt hat. Erstaunt sind die Besucher über die völlig unterschiedliche Rotfärbung und den unterschiedlichen Geschmack.

Was die Nacht der Weinkultur neben den Weinverkostungen und den Informationen der Winzer so spannend macht, sind Schmids profunde stadtgeschichtliche Erläuterungen. "In der Hochzeit nach dem Beginn des Hammelburger Weinbaus 777 hatten wir 200 Hektar Rebflächen, um 1950 waren es nur noch 30 Hektar, inzwischen sind es rund 80 Hektar."

Beim Gang durch die schmalen Gässchen der Stadt weist sie auf die ärmlichen Lebensbedingungen der früheren Tagelöhner hin oder die spartanische Ausstattung der typischen Häckerhäusle, von denen nur noch wenige existieren.

Das Winzerhäusle von Peter Plewe strahlt noch etwas von dieser eigentümlichen, einfachen Atmosphäre aus. Außerdem regen die vielen Fotos an den Wänden, die vom Weinbau in früheren Tagen erzählen, die Diskussion unter den Weinverkostern an. Eifrig tauschen sie sich aus über Weinsorten, Ausbautechniken und die Hammelburger Stadtgeschichte. Auch Ilse und Reiner Stein resümieren: "Es war wieder total interessant." Sie sind sich jetzt schon sicher, dass sie im kommenden Jahr wieder mit von der Partie sein werden.