Auch wenn Petra Kaup-Clement bereits vor 27 Jahren aus Hammelburg weggezogen ist, lässt sie die Geschichte der Stadt nicht los, vor allem die Schicksale der ehemaligen jüdischen Mitbürger. "Wer einmal anfängt, diese Akten zu lesen, der kann nicht mehr aufhören mit dem Lesen und Weiterforschen", beschreibt die 62-Jährige ihre Motivation. Zudem hält sie auch persönlich Kontakt zu den Nachfahren von jüdischen Mitbürgern, die bis zur Vertreibung in Hammelburg lebten. Erst vor Kurzem hat sie erfahren, dass bereits im April 2020 Toni Conn in England gestorben ist (siehe Bericht unten).

Toni Conn war laut Petra Kaup-Clement die letzte Überlebende der ehemaligen jüdischen Gemeinde Hammelburg. Am 21. August 2020 starb der vorletzte männliche Überlebende: Arnold Samuels hatte nach der Flucht vor den Nazis als Soldat der US-Armee im Zweiten Weltkrieg gegen die Wehrmacht gekämpft, zuletzt lebte er an der US-Westküste.

Damit ist nach Angaben von Petra Kaup-Clement der Bruder von Toni Conn, Alfred Stühler, das letzte lebende Mitglied der einst so großen jüdischen Gemeinde Hammelburg. Alfred Stühler wurde 1923 in Hammelburg geboren und wohnt heute in Wien. "Es geht ihm gut", weiß Petra Kaup-Clement von der Familie. "Ich rufe Herrn Stühler immer wieder mal an, er hört nicht mehr gut, aber geistig ist er noch fit", erzählt sie.

Petra Kaup-Clement stammt aus Aschaffenburg und kam 1984 als Religionslehrerin nach Hammelburg. "Die Schüler haben mich immer wieder gefragt, wer die jüdischen Familien in Hammelburg waren, wo sie gewohnt haben und warum sie verfolgt wurden", erinnert sie sich. Damals habe es aber so gut wie keine Unterlagen in den Archiven gegeben. Andere Geschichtsinteressierte, vor allem Gymnasial-Lehrer Volker Rieß und Grundschul-Rektor Karl Stöckner, hätten damals die Geschichte der jüdischen Gemeinde aufgearbeitet.

Petra Kaup-Clement zog 1994 mit ihrem Mann Ludwig Clement aus beruflichen Gründen nach Haar bei München. Trotzdem kommt die zweifache Mutter regelmäßig ins Saaletal, durch das E-Paper der Saale-Zeitung informiert sie sich über das aktuelle Zeitgeschehen. Von 2008 bis 2014 arbeitete sie aktiv im Geschichtskreis Hammelburg mit und hielt selbst Vorträge. Im Ruhestand wollen sie und ihr Mann wahrscheinlich nach Hammelburg zurückkommen.

Persönliche Kontakte 1995 geknüpft

Als besonderes Verdienst des damaligen Bürgermeisters Arnold Zeller hebt Petra Kaup-Clement hervor, dass die Stadt 1995, also 50 Jahre nach Kriegsende, alle Überlebenden der ehemaligen jüdischen Gemeinde einlud. Vom 11. bis 15. Mai 1995 seien auch Kontakte zu den 2020 verstorbenen Toni Conn und Arnold Samuels entstanden. Einige Zeitzeugen kamen wieder und erzählten zum Beispiel in Schulen aus ihrem Leben.

Wie erst jetzt bekannt wurde, starb bereits am 10. April 2020 Toni Conn in England. Sie wurde am 24. Oktober 1920 als Toni Stühler in Hammelburg geboren und war somit das letzte lebende weibliche Mitglied der früheren jüdischen Gemeinde Hammelburg. Wie ihre bereits 2011 verstorbene Schwester Martha wurde Toni Conn 99 Jahre alt. Auf Einladung des damaligen Bürgermeisters Arnold Zeller hat Toni Conn im Jahr 1995 erstmals nach sechs Jahrzehnten ihre Heimatstadt Hammelburg besucht.

1936 nach Hamburg geflohen

Martha Stühler verließ laut Aufzeichnungen Karl Stöckners im Stadtarchiv am 15. Januar 1936 ihre Heimatstadt Hammelburg im Alter von 25 Jahren. Sie zog nach Hamburg. Am 13. Oktober 1937 kam ihre Schwester Toni nach. Die beiden Schwestern wuchsen mit ihren Eltern Jenny und Adolf Stühler und den beiden weiteren Geschwistern Selma und Alfred im Haus in der Kissinger Straße 31 auf. Vater Adolf Stühler war jüdischer Viehhändler. Im Haus wohnte auch noch Großmutter Jette Stühler.

Von 1926 bis 1931 besuchte Toni die Grundschule in der alten Volksschule. Danach war sie Schülerin am Progymnasium. Ihre Mutter war Elternsprecherin, obwohl sie Jüdin war. Das war 1931 noch kein Problem. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 änderte sich für die jüdischen Familien auch in Hammelburg schlagartig alles. Der Vater durfte seine Rinder nicht mehr auf dem Viehmarkt verkaufen. 1936 entzog ihm das Bezirksamt Hammelburg die Gewerbekonzession, weil er Jude war. Die jüdischen Kinder und Jugendlichen wurden auf den Straßen der Stadt von der HJ angegriffen und mit rassistischen Schimpfworten beleidigt.

Da die Schikanen gegen Juden immer schlimmer wurden und "volljüdische" Kinder und Jugendliche 1936 die örtlichen Schulen auch in Hammelburg nicht mehr besuchen durften, verließ Toni im Alter von 16 Jahren Hammelburg. In Hamburg lernte sie ihren Mann kennen und wanderte mit ihm am 24. August 1938 nach Amerika aus. So ist es im Stadtarchiv Hammelburg in der Dokumentation von Karl Stöckner festgehalten.

Vater wochenlang im KZ

Die Eltern erlebten am 10. November 1938 in Hammelburg die Pogrome. Am frühen Morgen, als die Familie gerade beim Frühstück saß, drangen Männer der SA in das Haus ein und schlugen alles kurz und klein. Der Vater wurde noch am selben Tag verhaftet, zunächst ins Gefängnis und wenige Tage später ins KZ Dachau gebracht. Fünf Wochen später kehrte er mit kahlgeschorenem Kopf heim. Er durfte nichts davon erzählen, welche Gräuel er in Dachau gesehen hatte, die Auflage zur Freilassung lautete: Schweigen über das KZ und sofort mit der Familie auswandern.

Die Eltern und Bruder Alfred, der damals 15 Jahre alt war, verließen am 2. Februar 1939 mit einem Koffer in der Hand Hammelburg. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts war die jüdische Familie in Hammelburg ansässig gewesen. Der Zug der Flucht führte sie zunächst nach Basel in die Schweiz. Dort gelang der Familie Ende Februar 1939 von Triest mit einem Schiff die Überfahrt und Flucht über das Mittelmeer nach Palästina.

Großmutter Jette, die im Juli 1938 in das jüdische Altersheim nach Würzburg umgezogen war, wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort wenige Wochen später. Insgesamt hat die jüdische Familie Stühler im Holocaust 18 Mitglieder verloren: aus Hammelburg Dr. Albert Stühler und Moritz Stühler (Marktplatz 7); Arnold Stühler (Josef-Schultheiß-Straße 8); Max Stühler mit Ehefrau Paula und Sohn Hans, geb. 1929 (Dalbergstraße 46); Jette Stühler, geb. Rosenbusch (Kissinger Straße 31). Aus Untererthal: Adolf und Amalie Stühler; Jakob und Josef Stühler; Martha und Retta Stühler; ihr Vater Seligmann Stühler; Marianne Stühler; Lena Weissbecker, geb. Stühler; Marianne Reis, geb. Stühler und Babette Bornheim, geb. Stühler (Quelle: Online-Gedenkbuch des Bundesarchivs Berlin).