Beide Unterschenkel müssen am besten über das Drahtseil - Anna weiß, wie es geht. Vom Boden aus ruft sie ihren Kameradinnen Tipps zu, wie diese sich sicher und leicht vom Dachboden einer Scheune Richtung Boden hangeln können. Schließlich ist sie schon zum sechsten Mal mit einem Feriencamp im Übungsdorf Bonnland zu Besuch.

Anna ist mit mehr als 30 anderen Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren zu Gast bei Alois Fürst zu Löwenstein - so wie einige Tage zuvor mehr als 40 Jungs. Seit mehr als 40 Jahren organisiert der Fürst in seinem Jagdhaus im Spessart Ferienfreizeiten. Die Jugendlichen gehören zum großen Teil deutschen und europäischen Adelsfamilien an. Alles begann damit, dass er seine beiden Söhne einst fragte, ob sie schon einmal im Wald geschlafen hätten, erzählt der 75 Jahre alte Fürst. Daraufhin organisierte er für seine Söhne und deren Freunde eine Abenteuerfreizeit im Wald. Seitdem, seit mehr als 40 Jahren, lädt Fürst zu Löwenstein im Sommer Jugendliche in sein Forstrevier im Spessart.

Sie verbringen ein paar Tage im Jagdhaus, einem Holzhaus aus dem 18 Jahrhundert, und machen Wanderungen und Erkundungen im Wald. Wenn es sich einrichten lässt, gehört ein Besuch bei der Bundeswehr auf dem Lagerberg immer zum Programm dazu. Dort lernen die Teilnehmer zum Beispiel die Ortskampfbahn in Bonnland kennen und dürfen mit Militär-Fahrzeugen mitfahren.

Für die Bundeswehr ist es eine Maßnahme im Rahmen der Nachwuchsgewinnung, wie Presseoffizier Jan Volkmann erklärt. Schulklassen seien die häufigsten Besuchergruppen, doch beschränke sich das Angebot nicht nur auf sie: Auch Vereine oder eben eine privat organisierte Gruppe seien denkbar. Erste Anlaufstelle sind die Karriereberatungsbüros, sagt der Oberleutnant.

Und einer früheren Teilnehmerin kam das, was sie in Hammelburg gelernt hatte später einmal tatsächlich zugute, berichtet Fürst zu Löwenstein: Im Beschussgarten in Bonnland, wo die Wirkung verschiedener Munitionsarten und Kaliber auf verschiedene Materialarten ausgestellt ist, hatte sie erfahren, dass ein Stapel Zeitungen einiges abfangen kann. Als Korrespondentin in Bagdad habe sie sich dann beim Beschuss aufs Hotel eine geschützte Ecke aus Zeitungen gebaut.