Schon während der Schulzeit am Hammelburger Frobenius-Gymnasium schrieb Armin Rittel seine ersten Gedichte und Kurzgeschichten. Doch erst jetzt, 30 Jahre später, wagte sich der in Hammelburg geborene und in Machtilshausen aufgewachsene 49-Jährige mit seinem ersten literarischen Werk an die Öffentlichkeit. In seinem Debütroman "Was ich mir mit dir erträume" beschreibt er das Ehedrama des in eine Lebenskrise gekommenen Hans Werther, das sich auf 300 Seiten zunächst unauffällig, dann aber unaufhaltsam in ein Psychodrama wandelt.

Erträumt hatte sich Rittel ein Leben als Schriftsteller schon seit seiner Gymnasialzeit. Doch statt der Erfüllung seines Traumes diktierte ihm zunächst das reale Leben den weiteren Werdegang: Nach Abitur (1992) und Wehrdienst machte Rittel an der Berufsfachschule in Würzburg eine Ausbildung zum medizinisch-technischen Assistenten. Seit 1995 arbeitet er in einem Schweinfurter Krankenhauslabor. Doch die Literatur ließ ihn niemals los. "Inspiriert wurde ich immer durch die Science-Fiction-Romane in der Stadtbücherei Hammelburg." Erste literarische Versuche erkannte er selbst als "eher dilettantisch", zudem fehlte es ihm an Ausdauer. Erst der Tod beider Eltern brachte ihn 2015 zum Nachdenken über sein Leben und all jene Ziele, die er noch verwirklichen will - so auch das Schreiben eines Romans.

Der Deutsch-Unterricht am Frobenius-Gymnasium muss bei Rittel einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Denn drei Jahrzehnte nach dem Abitur erinnerte er sich des Themas aus Goethes schon 250 Jahre alten Briefroman "Die Leiden des jungen Werther", dessen jungen Protagonisten seine schwärmerische, aber hoffnungslose Liebe zu der bereits verlobten Lotte, Verkörperung seiner Ideale, schließlich in den Selbstmord treibt. Dieses Motiv übertrug Rittel in seinem Debüt in eine moderne, zeitgenössische Form.

Seine Hauptfigur ist der in der Midlife-Crisis steckende Sozialpädagoge Hans Werther. Nach einem beruflichen Burnout im Jugendamt hatte er die Aufgaben eines Hausmannes übernommen, während Ehefrau Sabine als international tätige Topmanagerin den Lebensunterhalt verdient. In diesem totalen Rollentausch ist es Werther, der unter zunehmender Respektlosigkeit und Verachtung seiner dominanten Ehefrau leidet. In der jungen, aber bereits verlobten Studentin Anna entdeckt Werther eines Tages jene ursprünglichen Ideale wieder, die er bei seiner Ehefrau nach 20 Jahren verloren sieht. Wie im "jungen Werther" treibt auch in Rittels Roman die Hoffnungslosigkeit nicht erwiderter Liebe seinen "alten Werther" zu einer Verzweiflungstat.

"Mir war es wichtig, Werthers Leidensweg aus dem 18. Jahrhundert, dessen Liebe und Scheitern, glaubwürdig ins 21. Jahrhundert zu holen." Dieses Vorhaben ist dem Autor in seinem Debüt überzeugend gelungen, sieht man von wenigen Kritikpunkten ab. So verfällt die Typisierung beider Eheleute allzu sehr ins umgekehrte Klischee - hier der total unterdrückte Hausmann, dort die alles beherrschende Managerin - und Ehefrau Sabine erscheint zu kaltherzig, zu berechnend, vor allem zu oberflächlich, als hätte sie selbst keine Schwächen und verborgenen Ängste.

Trotz dieser verzeihlichen Punkte ist dem Autor mit seiner empathischen und sprachlich lobenswerten Schilderung des Leidenswegs des "alten Werther" ein recht beeindruckendes Debüt gelungen.

Ob Armin Rittels Debüt jemals übersetzt wird, bleibt abzuwarten. Immerhin wird sein Buch schon auf einer russischen Website im Internet beworben. Doch davon unabhängig soll sein Erstling nicht Rittels einziger Roman bleiben. Momentan schreibt er bereits an einer Fantasy-Erzählung, die sich an Remarques Klassiker "Im Westen nichts Neues" orientiert. Auch ein zweiter Roman ist in Planung: "Da ist immer noch diese Science-Fiction-Idee, die geschrieben werden will."

Informationen zum Buch: Armin Rittel: "Was ich mir mit dir erträume", tredition Verlag, Taschenbuch, 304 Seiten, Preis: 11,99 Euro, ISBN 978-3-347-15602-9.