Still war es, als aus den Reihen der Teilnehmer an der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am Seelhausplatz die 42 Namen der jüdischen Bürgerinnen und Bürgern verlesen wurden. Dazu das Geburtsjahr, die Straße in der sie wohnten und das Jahr, in dem sie deportiert worden sind. Dazu stellte man noch weiße Grablichter auf einen Davidsstern und auf den Gedenk-Koffer am Platz. Die Gesangs- und Instrumentalgruppe Hammelburg umrahmte das Programm.

Vor Beginn der Veranstaltung läuteten die Glocken der evangelischen und der katholischen Kirche für fünf Minuten als Zeichen der Verbundenheit. Einmal im Jahr, nämlich am 9. beziehungsweise 10. November, stehe der Seelhausplatz im Fokus, sagte Bürgermeister Armin Warmuth. Man erinnere dann an die schrecklichen Ereignisse um die sogenannte Reichspogromnacht. Er erinnerte an Esther Bejarano, eine der letzten Zeitzeuginnen. Sie starb am 10. Juli diesen Jahres im Alter von 96 Jahren.

Sie sei mehr als nur eine Holocaust-Überlebende gewesen. Mit ihrer mahnenden Stimme habe sie deutlich Stellung bezogen gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus. "Ihr tragt keine Schuld für das was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert", hätte Bejarano immer wieder gesagt.

In Trauer und Ehrfurcht stünde man hier am Seelhausplatz in unmittelbarer Nachbarschaft zur ehemaligen Synagoge, so Warmuth weiter. Denn die Gräueltaten seien eben nicht nur irgendwo anders, sondern auch hier unmittelbar bei uns geschehen. Die nationalsozialistischen Schergen hätten Synagogen in Brand gesteckt, weil sie als Symbole galten, als Sinnbilder des jüdischen Teils der deutschen Bevölkerung, gegen den sich ihr ganzer fanatischer Hass gerichtet habe. Man sei heute hier, um zu verhindern, dass in Vergessenheit gerät, was ideologisch verblendete Menschen anrichten können, wenn man sie gewähren lasse. Man dürfe auch die theoretische Frage stellen: Was hätte jeder einzelne von uns wohl in der damaligen Situation gemacht? Wie hätten wir uns verhalten?

Pastoralreferent Markus Waite, der die Koordination und Gesamtverantwortung für die Gedenkfeier innehatte, erinnerte daran, dass bis Juli 1939 alle Juden Hammelburg verlassen hätten. Was noch da sei, seien Häuser und Wohnungen, in denen sie gelebt haben, sowie Straßen und Wege, die sie gegangen sind. Seitdem wohnten keine Jüdinnen und Juden mehr in Hammelburg, sie seien aus dem Stadtbild verschwunden.

Das Verlesen der Namen war Markus Waite wichtig. Denn nach jüdischem Verständnis sei eine Person dann gleichsam gegenwärtig, wenn ihr Name genannt werde. Stadtpfarrer Robert Augustin trug einen kurzen hebräischen Text vor und ging auf die Worte ein. Die beiden Geistlichen erteilten gemeinsam den Segen, bevor die Gesangs- und Instrumentalgruppe Hammelburg (GuIG ) das Schlusslied "Dona nobis pacem", auch zum Mitsingen, anstimmte.