Mancher will es heute gar nicht mehr richtig glauben, wenn Anita Hofstetter davon erzählt, wo sie eigentlich herkommt. Sie ist ein echtes "Schlossfräulein" und stammt aus einem Ort, den der letzte Bewohner 1965 verließ.
Hofstetter, die heute in Fuchsstadt lebt, wurde 1956 auf Schloss Greifenstein in Bonnland geboren - wie auch alle ihrer vier Geschwister, erzählt sie. "Im Schloss gab es sieben Wohnung. Wir waren oben. Im Winter war es kalt und es gab eine Toilette auf dem Gang." Die Wohnungen hatten kein Bad. Stattdessen stieg Hofstetter am Samstag in einem Raum des Schlosses in die Gemeinschaftswanne.

Schloss, Kirche und 47 Gehöfte von damals stehen heute immer noch in Bonnland. Doch das einstige Dorf ist nun Teil des Truppenübungsplatzes. Deutsche Soldaten und internationale Truppenteile trainieren dort den Häuser- und Ortskampf. Dass das Übungsdorf dafür nicht extra gebaut wurde, sondern aus einer gewachsenen Siedlung entstanden ist, ist eine Besonderheit.

Die Ursprünge des Dorfes reichen mehr als 1200 Jahre in die Vergangenheit. Die zwei größten Einschnitte erlebte es aber im 20. Jahrhundert: Im Jahr 1937 begann die Absiedlung. Das Dorf diente übenden Truppen als Quartier. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten einige der Alt-Bonnländer zurück. Dazu kamen Siedler und insbesondere Flüchtlinge und Heimatvertriebene.

Das Dorf lebte wieder auf - mit allem, was dazugehört: Gastwirtschaft, Vereinen, eigener Schule und eigenem Bürgermeister. "Alle vier Wochen fuhr ein Bus nach Hammelburg", berichtet Hofstetter. Sie erinnert sich gern an die Kinderjahre in Bonnland: "Es war dort eine schöne Zeit."

Im Jahr 1964 endete sie für Hofstetter. denn seit 1956 lief die zweite Absiedlung an. Die Bewohner sollten "freiwillig", wie es offiziell hieß, in Ersatzwohnungen wechseln. Das sorgte für "große Bestürzung", wie in einem Versammlungsprotokoll nachzulesen ist. Auch ihr Vater wollte es nicht wahrhaben, sagt Hofstetter.

Es half aber alles nichts. Die Familie zog nach Hammelburg. Der letzte Bewohner verließ Bonnland 1965. Sie habe in der Schule in Hammelburg anfangs geweint, erzählt Hofstetter. Sie saß nicht mehr mit ihren Geschwistern in einer Klasse. Hofstetter lebte nun in der Stadt und nicht mehr auf einem Dorf. So trugen ihre Klassenkameradinnen keine Schürzen, wie sie es gewohnt war. Ihre Mutter habe aber darauf bestanden. So streifte Hofstetter ihre Schürze auf dem Weg zur Schule immer heimlich ab.

Hofstetter lernte Jahre später ihren Mann kennen und zog nach Fuchsstadt. Wenn sie über die Zeit in Bonnland spricht, schwingt unweigerlich mit, wer nicht mehr lebt. Die Bonnländer werden immer weniger. So ist es für Hofstetter wichtig, sich jedes Jahr beim Bonnlandfest der evangelischen Militärseelsorge zu treffen.

Alle eint das Bewusstsein für ihre einzigartigen Erinnerungen. Ende der 1950er Jahre hoffte noch mancher darauf, dass Bonnland wieder besiedelt werden könnte. Der Gedanke tauchte zumindest, in der einen oder anderen damaligen Versammlung auf. Heute ist das ganz und gar nicht mehr vorstellbar. Auch wenn Hofstetter sagt: "Ich und meine Geschwister würden sofort wieder zurückgehen."