Die Hälfte der Patienten in Hammelburg und Umgebung wird in den kommenden drei bis fünf Jahren davon betroffen sein, dass ihr Hausarzt aufgibt und sich für diesen die Nachfolgefrage stellt. Das ist ein Ergebnis der Studie von Edgar Häfner und Hans-Joachim Schade. Ihre Arbeit soll zugleich den Weg weisen, wie die ärztliche Versorgung in neuer Form für die Zukunft gesichert werden kann.
Noch sieht es im Hammelburger Raum ganz gut aus: In Hammelburg, Oberthulba, Fuchsstadt, Elfershausen und Euerdorf gibt es insgesamt 21 Allgemeinmediziner. Die Gegend gilt damit als überversorgt. Der aktuelle Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns nennt einen Versorgungsgrad von 122 Prozent.
Doch das Durchschnittsalter der Ärzte lässt erahnen, dass in den kommenden Jahren unweigerlich Probleme entstehen: Die Ärzte sind laut Versorgungsatlas im Schnitt 61,4 Jahre alt - der bayerische Landesdurchschnitt liegt bei 55 Jahren.
Daher hat sich die Allianz "Fränkisches Saaletal", der Zusammenschluss der Kommunen Hammelburg, Oberthulba, Wartmannsroth, Elfershausen, Fuchsstadt, Aura, Euerdorf, Ramsthal und Sulzthal, des Themas angenommen. Die Allianz gab bei Häfner und Schade, die Ärzte betriebswirtschaftlich beziehungsweise juristisch beraten, einen Stresstest mit Machbarkeitsstudie in Auftrag.


Unterstützung

Häfner interviewte von März bis Mai die Hausärzte, um ihre Interessen, Befindlichkeiten und Einschätzungen zu hören. Von den 21 Medizinern machten 18 mit. Diese waren im Gespräch durchaus sehr offen, sagte Häfner, als er die Ergebnisse der Befragung nun Ärzten und Bürgermeistern vorstellte.
Laut der Befragung liegt den Medizinern die Versorgungssicherheit selbst am Herzen und sie sehen, dass sich in einigen Jahren eine Verschlechterung ankündigt. Als eine Folge erwarten sie eine geringere Attraktivität der Region. Die Befragten wünschen sich eine Arbeitsentlastung und begrüßen das Engagement der Kommunen. Von diesen erwarten die Ärzte Unterstützung durch gute Infrastruktur wie Busanbindungen, Parkmöglichkeiten und eine Stärkung der Innenstadt.
Nach einer Praxisabgabe an einen Nachfolger wären die meisten bereit, in Altersteilzeit mitzuhelfen. Das könnte laut Häfner sogar bis zu zwei weggefallene Vollzeitarztstellen kompensieren. Das wichtigste Ergebnis ist aber wohl, dass die Hausärzte einer Zusammenarbeit aufgeschlossen gegenüberstehen und an einem neuen Versorgungsmodell interessiert sind. Denn dafür wollten die beiden Berater einen Anstoß geben. Die künftige Versorgungslücke kann ihrer Ansicht nach nur geschlossen werden, indem die Hausärzte eine Form der Kooperation und Delegation von Arbeit finden.
Nicht mehr der niedergelassene und vor Ort wohnende Alleinheiler ist das Leitbild, sondern der Beruf ändert sich hin zum Teilzeitarzt oder mehr noch zur Teilzeitärztin mit Erwartungen an Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die in die Region pendelt und nicht mehr vor Ort wohnt. Das ist zumindest die Entwicklung, wie sie die beiden Berater skizzierten.


Patienten müssen umdenken

Im Gespräch am Rande räumten sie ein, dass das mit dem bisherigen Selbstbild der - älteren - Mediziner kollidiert. Es wird Zeit brauchen, damit diese sich an die Zusammenarbeit und ein neues Selbstverständnis gewöhnen. Dabei spielen für die Berater die Kommunen als vermittelnde Dritte eine Rolle.
Auch die Patienten werden sich daran gewöhnen müssen, dass die oft langjährige, sehr persönliche und häufig übers Medizinische hinaus reichende Bindung an einen einzelnen Arzt dann vorbei ist.
Die Beteiligung von Vereinen und Organisationen der Seniorenarbeit sind für Häfner und Schade eine gute Möglichkeit, den Patienten die Veränderungen zu erklären und sie darauf vorzubereiten.
Bei den Ärzten haben die Berater zumindest schon eine wichtige Voraussetzung für die Veränderungen ausgemacht. "Ihnen ist die künftige Entwicklung nicht egal", fasste Häfner die Erfahrung aus den zahlreichen Interviews zusammen. Und Schade ergänzte: "Sie hängen emotional an der Region."