Zusteller Thomas Kippes überbringt per Post-Fahrrad die letzten Ideen, bevor Annemarie Fell von Kulturbunt die Ausstellung Mail-Art Bocksbeutel in der ehemaligen Schreinerei Heinickel eröffnet. Im Vorfeld haben zahlreiche Bürger über die Ausstellung gerätselt.

Was ist eigentlich Mail-Art? Die Frage beantwortet Kulturbunt-Mitglied Karin Wengerter. "Mail-Art ist Kunst, die per Postkarte kommt." Sie entwickelte sich in den 1960er Jahren aus der Korrespondenz von Künstlern untereinander. Mit Postkarten, Briefen, Kleinplakaten, Zeichnungen, Fotografien oder Collagen übersenden Kunstschaffende ihre Ideen zu einem Thema.

Zum Bocksbeutel waren es 300 Künstler aus rund 100 Ländern. Roland Halbritter aus Nüdlingen, Kurator der Aktion, fischte 809 Mail-Kunstwerke aus seinem Briefkasten und stellte sie einem Katalog zusammen.

Natürlich kosten derlei Aktionen Geld, das verschiedene Banken, Hammelburger Institutionen, die Winzergemeinschaft Franken und die Stadt dem Verein Kulturbunt zur Verfügung stellten. Es soll in eine Wanderausstellung fließen. So dankt Wengerter den Unterstützern, dem Kurator, den Absendern sowie dem Ehepaar Heinickel, das die Räume bereit stellte.

"Wer hätte je gedacht, dass das Stadtfest eine solche Dynamik hervorbringt?", meint Bürgermeister Armin Warmuth. "Offensichtlich befassen sich weltweit Menschen mit unserem Stadtjubiläum."

Stadtführerin Christiane Schmid erklärt die Entstehung und Bedeutung des "archaischen Gefäßes". Demnach wurde der älteste Bocksbeutel in Großumstadt gefunden. Am Gürtel getragen, sollte die abgeflachte Flasche mit dem kurzen Hals den Transport erleichtern. Im Jahr 1726 füllten die Würzburger Winzer hochwertige Weine in "Bugsbeutel" um sie vor Panschereien zu schützen.

Winzer Alfons Ruppert füllte im Jahr 1938 den ersten Hammelburger Wein in eine solche Flasche ab. Das Original präsentiert Christiane Ruppert. "Man hüte sich vor dem Bocksbeutel...", soll Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt haben.

Kurator Halbritter informiert über die Zusendungen aus aller Welt. Nahezu aus allen Ländern Europas und sogar aus Kanada, Uruguay, Südafrika, Thailand und Australien sind Ideen von Künstlern eingetroffen.

Am Tag nach der Eröffnung der Mail-Art-Ausstellung folgt die erste Hammelburger Kunstnacht. Die drei Initiatorinnen Maria Heckmann, Barbara Winter und Maria Rinecker von "KUNSTvereint" präsentieren die Ausstellung "ZEITräume" im früheren Kaufhaus am Marktplatz. In Hammelburg geborene oder beheimatete Kunstschaffende zeigen Gemälde, Skulpturen und Fotografien. "Ich hätte nie gedacht, dass es in unserer Stadt so viele Kunstschaffende gibt", sagt eine Besucherin.


Vielfältige Werke

Von den Grafiken des "singenden Malers" Konrad Albert über die Acrylfarben-Oberflächenstrukturen von Stephanie Baier-Bindrum und Heike Dietrichs Regenbogen-Blumenbildern reicht die Palette bis zu Thomas Elsässers Konzept-Fotografien.

Die schrill-bunten Darstellungen von Heide Gerlach-Hirt sind auf persönlichen Erlebnissen aufgebaut und Anita Haubs "Lichträume" spiegeln die "schwebende Leichtigkeit" wider, während Gabriela Hermanns Spirale dem Ausstellungsthema Rechnung trägt.

Der in Würzburg beheimatete Andreas Klaus, sieht sich "eigentlich nicht als Künstler" und will mit seiner Lyrik eher als "Traumfänger" wirken. Er koordiniert seine Poesie gerne mit den Bildern von Elisabeth Kohl-Spies. Bildhauerin Annette Kolb arbeitet bevorzugt mit der Kettensäge und Elisabeth Miller beschäftigt sich gerne mit Verfremdung von Konstruktionen im Raum.

Kunst- und Philosophie-Lehrerin Juliane Schlereth assoziiert die Geschichte mit wirtschafts-politischen Fakten und kommt so zu einer modernen, nackten "Europa", die nicht vom Stier getragen aber von existenzieller Angst befreit ist. Reiner Stein malt alles , "was das Leben schön macht" und Barbara Stoll gibt ihren Gemälden einen fantasievollen, fast dämonisch-faszinierenden Ausdruck.