Drei Wochen nach den beiden Brandstiftungen in einem Wohnblock der Hammelburger Wohnungsbaugenossenschaft läuft die Aufarbeitung auf Hochtouren: Zwei der drei Häuser sind mittlerweile zumindest eingeschränkt bewohnbar, eine Reinigungsfirma und Elektriker arbeiten sich vom Keller in die Treppenhäuser vor, Polizei und Staatsanwaltschaft werten Spuren aus. "Die Ermittlungen werden noch geraume Zeit in Anspruch nehmen", teilt die Staatsanwaltschaft Schweinfurt auf Nachfrage mit. Der Verdächtige sei "unverändert in Untersuchungshaft", allerdings bestreite er die Taten und habe Rechtsbehelf gegen die Haft eingelegt. "Eine Haftentlassung zeichnet sich bislang nicht ab", sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, will aber keine Prognose dazu abgeben, ob der Verdächtige bis zu einem Prozess im Gefängnis bleibt. "Das wäre fürchterlich, dann würde ich ausziehen", kommentiert Mieterin Gisela Reuß die Aussicht, dass der Verdächtige bald wieder in seine alte Wohnung ins Nachbarhaus einziehen könnte.

Nur einen der beiden Brände miterlebt

"Ich schrecke manchmal nachts hoch", berichtet die 74-Jährige, und: "Das steckt einem alles noch in den Knochen." Beim ersten Brand in der Hausnummer 6 am 29. September war sie zum Glück in Urlaub. Am 3. Oktober sei sie zurückgekommen, einen Tag später gab es dann die zweite, folgenschwerere Brandstiftung. "Ich war noch im Keller und habe durch die Tür einen komischen Schein gesehen", erzählt Gisela Reuß, die seit 49 Jahren in dem Haus wohnt. Weil sie nichts verdächtiges gerochen habe, sei sie sie einfach zurück in die Wohnung. Kaum dort angekommen, klopften Nachbarn an die Tür und forderten sie zum Verlassen der Wohnung auf. "Ich habe mein Handy und eine Tasche genommen und bin mit Hausschuhen raus auf die Straße", sagt die 74-Jährige.

Vom ersten Schrecken erholte sie sich bei Nachbarn gegenüber, dann verbrachte sie zwei Nächte bei ihrem Sohn in Fuchsstadt. Weil sie kein Auto hat, aber immer wieder für Termine etwa beim Physiotherapeuten nach Hammelburg musste, suchte sie eine Bleibe in der Stadt. "Ich war froh und dankbar, dass ich in der Innenstadt aufgenommen wurde", sagt Gisela Reuß. Nach einer Woche kam dann die Nachricht, dass sie bereits wieder in ihre Wohnung kann. "Hier riecht nichts, ich muss halt die Tür zum Treppenhaus schnell zu machen." Ein Problem sei, dass Fernsehen und Telefon nicht funktionieren: "Ich kann nur lesen oder Radio hören", sagt die 74-Jährige. Wie bei der Wohnungssuche und vielen anderen Dingen hilft aber auch hier die Solidarität in der Siedlung: "Manchmal gehe ich einfach zum Fernsehschauen zu den Nachbarn", berichtet die Seniorin.

Die Folgen des Brandes beschäftigen auch Marco Lummel, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Wohnungsbaugenossenschaft, jeden Tag. Er freut sich, dass zwölf der 18 betroffenen Wohnungen weniger als drei Wochen nach dem Brand wieder bewohnbar sind. Dass der Tatverdächtige, der laut Staatsanwaltschaft selbst in einem der betroffenen Häuser wohnte, vielleicht wieder frei kommen könnte, will er jedoch nicht kommentieren: Die Wohnungsbaugenossenschaft könne sich aktuell nicht äußern, "da es sich um ein schwebendes Verfahren handelt".

In den ersten Tagen nach dem Brand hat er sogar selbst beim Ausräumen der Keller geholfen, aktuell koordiniert er vor allem die Aufräumarbeiten und Reparaturen und betreut die betroffenen Mieterinnen und Mieter: "Das wird uns noch sehr lange beschäftigen", sagt Geschäftsführer Marco Lummel über die Brandstiftungen in den Häusern Adolf-Kolping-Straße 2 und 6 der Wohnungsbaugenossenschaft Hammelburg. Nach einer ersten Bestandsaufnahme schätzt er den Schaden an den Gebäuden auf 220.000 bis 250.000 Euro. Nach aktuellem Stand werden alle Schäden an der Substanz von der Gebäudeversicherung der Wohnungsbaugenossenschaft übernommen. Nicht abgedeckt seien allerdings die Einrichtung und die untergestellten Gegenstände: "Dafür ist die Hausratversicherung zuständig, die aber leider nicht jeder hat."

Einige Schäden nicht versichert

Die Wohnungsbaugenossenschaft empfehle jeder Mieterin und jedem Mieter beim Einzug, eine Hausratversicherung abzuschließen. Leider würden allerdings viele Bewohnerinnen und Bewohner den Rat nicht befolgen. Das habe sich bei den Brandstiftungen in mehreren Fällen gerächt: Unter anderem sei ein teures E-Bikes in einem Kellerabteil ausgebrannt und werde nicht ersetzt. Auch die Kosten für die Unterbringung im Hotel oder in einer Wohnung übernehme nur eine Hausratversicherung: "Für die ersten beiden Tage haben wir uns gekümmert und die Kosten übernommen", berichtet Lummel. Danach mussten das die Mieter dann selbst organisieren. Überraschend war für den Geschäftsführer, dass es kurzfristig in Hammelburg keine freien Zimmer gegeben habe: Alles sei ausgebucht gewesen, zum Glück kamen Betroffene in Elfershausen unter.

Als Glücksfall habe sich die langjährige Zusammenarbeit mit örtlichen Formen erwiesen: "Wir betreuen die Wohnungsbaugenossenschaft schon immer, haben auch die neuen Wohnblocks ausgestattet, da war es selbstverständlich, dass wir schnell helfen", sagt Geschäftsführerin Tina Eilingsfeld von der Hammelburger Elektrofirma Eilingsfeld. Andere Kunden, denen sie dafür vorerst absagen musste, hätten dafür großes Verständnis gehabt: "Viele haben gesagt: Ich weiß, dass ihr auch schnell kommen würdet, wenn es bei uns brennen würde", berichtet Tina Eilingsfeld. Auf der anderen Seite gebe es auch Baustellen, auf denen andere Handwerker auf die Elektroinstallation warten und die nicht so einfach verschoben werden können.

Einen Tag nach dem ersten Feuer wurde die Brandstelle gegen Mittag frei gegeben, berichtet Lummel, bereits eine Stunde später sei Tina Eilingsfeld vorbei gekommen, kurz danach begannen die Reparaturarbeiten. "Die Isolierung hing wie Kaugummi von den Decken", berichtet Seniorchef Siegfried Eilingsfeld über die Schäden. Auch am Tag des zweiten Brandes arbeitete das Team der Firma Eilingsfeld. Gut eine Stunde nach Feierabend sei dann der Brand im Keller der Hausnummer 2 ausgebrochen. Der sei so verheerend gewesen, weil ein Sofa direkt unter dem Hauptverteilerkasten brannte. Alle Zuleitungen in die Wohnungen waren verschmort, aktuell werden Schlitze durchs Treppenhaus zu allen Wohnungen in die Wände geschlagen. Zum Teil seien Provisorien aufgestellt worden, aber nach und nach gehen auch die neuen Verteilerkästen ans Netz.

Schnell reagiert habe auch die Spezialfirma, die Ruß und Schadstoffe im Keller beseitigt: Eigentlich weiß gestrichene Wände sind kohlschwarz. Peggy Katterfeld und Karsten Went von "Rainbow International" aus Oberthulba fahren Zentimeter für Zentimeter über alle Oberflächen: Ein Spezialgerät sprüht Wasser und ein Reinigungsmittel auf und saugt den gelösten Schmutz ab. Seit den Bränden hat die Wohnungsbaugenossenschaft auch den Brandschutz in sämtlichen Gebäuden verbessert: Gesetzlich vorgeschrieben seien Rauchmelder nur in Schlafräumen, mittlerweile seien sie in allen Kellern nachgerüstet, um Bewohnerinnen und Bewohner noch schneller zu warnen. Im betroffenen Wohnblock werden zudem bessere Brandschutztüren an der Elektroinstallation und zwischen den Gebäuden nachgerüstet.

Lummel hofft, dass auch die Mieterinnen und Mieter in der Hausnummer 2 bis spätestens Mitte November wieder einziehen können. Unklar sei aber noch, wann Kabel Deutschland und die Telekom sämtliche Hausanschlüsse erneuere. Auch viele Restarbeiten, vom Verputzen und Streichen bis zum Einbau neuer Haustüren, würden sich noch lange hinziehen. Die Türen etwa seien Spezialanfertigungen mit langer Lieferzeit.