Ein Gang durchs Goethearchiv mit Erläuterung einiger seiner Werke - das wäre wohl nur für die waschechten Goetheaner oder Literaturwissenschaftler mit Schwerpunkt Deutsche Klassik echt spannend. Dass man das aber in einer mal sehr witzigen, mal aber auch zum Nachdenken anregenden kabarettistischen, mit Musiknummern aufgelockerten und immer kurzweiligen Show an einem fröhlich ausgelassenen Abend im Kurtheater serviert bekommt, hätte eigentlich ein paar helle Köpfe mit Lust am Komischen von feiner Ironie bis Klamauk in den Kissinger Musentempel locken können. Pech, wer's verpasst hat.


Ausgewiesene Entertainer

Die Akteure in der Drei-Mann-Show sind alle ausgewiesene Entertainer: Kristian Bader, Theater- und Fernseh-Schauspieler, schon 1990 ausgezeichnet mit dem renommierten "Deutschen Kleinkunstpreis" und dem Prix Pantheon für das Duo "Bader-Ehnert-Kommando". Sein damaliger und noch häufiger Partner Michael Ehnert, ebenfalls Schauspieler, Kabarettist und Fernsehregisseur und mit allen Kleinkunstpreisen Deutschlands belobigt, schrieb 2009 die erfolgreiche Revue "Schillers sämtliche Werke - leicht gekürzt" - nach dem Welterfolg des englischen Schauspieler-Trios Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield, "The complete works von William Shakespeare (abridged)" - und holte dazu noch den Allroundmusiker und Kabarettisten Jan Christof Scheibe ins Boot.


Tournee-Auftakt im Kurtheater

Nach dem Riesenerfolg des Schiller-Medleys schrieb Ehnert 2015 die Goetheversion, mit der sie die Tournee 2016 im Kurtheater eröffneten.
Goethes letzter Besuch auf dem Kickelhahn im Thüringer Wald zu seinem 82. Geburtstag bildet den Rahmen der Show, doch bekommen der Denkmal gewordene altersmilde Großdichter und sein unterwürfig-geduldiger Sekretär Eckermann gar nicht genügend Zeit, um das Publikum in Ehrfurchtsstarre zu versetzen. Vielmehr rücken die drei Kabarettisten ihm unter der Regie von Martin Maria Blau mit ebenso respektlosem wie sympathischem Elan auf die Pelle, um herauszukriegen, was für ein Mensch er war und gleichzeitig auch zu zeigen, welch großartige Texte er schreiben konnte.
Dazu helfen sollen ihnen riesige Kisten (bühnenfüllend und perfekt verwandelbar Sylvia Hartmanns Bühne) aus einem angeblich unter dem Kickelhahn entdeckten Goethearchiv, in dem sie stöbern und mit dem sie herumspielen, herumblödeln, herumkalauern, aber aus dem sie auch sehr anrührende Spielszenen wie etwa Iphigenies Heimwehmonolog hervorzaubern, bei dem die aus ihrer Heimat verbannte Priesterin zu einer Asylantin von 2016 wird.


Kurznachrichten mit dem Pferd

Die Gegenwart ist immer mit gegenwärtig, auch die Schockierungssucht des Regietheaters oder die Reduzierung der mehr als 1700 Briefe, die Goethe an Frau von Stein schrieb, auf einen heutigen Handy-Kurznachrichtenaustausch. Dieser wird aber gleichzeitig ins Damals versetzt, indem die rasche Abfolge der ebenso knappen wie inhaltslosen Kurzbotschaften akustisch ironisiert wird durch ein ständig zwischen den Partnern hin und her galoppierendes Pferd, das am Ende seinen Geist aufgibt.
Durch Ernstnehmen des Klassikers zum absoluten Lacherfolg machten sie Goethes "Regeln für den Schauspieler", indem sie seine Forderungen hinsichtlich Tonhöhe oder Gestik auf eine Stelle aus seinem "Torquato Tasso" anwandten und dadurch unter großem Gelächter des Publikums ad absurdum führten.


Vergnügen an der Parodie

Ihre Spiellust und ihr Vergnügen an Parodie tobten sie auch an der Adelheid-Weislingen- Szene aus dem "Götz von Berlichingen" aus, in der Jan Christof Scheibe die verführerisch-verruchte Hofdame mit großer Grazie spielte, oder beim Nachstellen der emotionslastigen Dreiecksbeziehung zwischen Werther, Lotte und Albert.
Doch - und das ist einer der großen Unterschiede zur Shakespeareshow - im Gegensatz zum englischen Dramatiker gibt es über Goethe eine Fülle von Wissen über sein wirkliches Leben. Und auch das erzählen, spielen, diskutieren die drei Herren im Verlauf des Abends, von Goethes Jurastudium bis zur Italienreise, jener Befreiung für Sinne und Sex. Michael Ehnert sächselt den Weimarer Herzog, Kristian Bader keift die Charlotte von Stein, französelt den Goethefan Napoleon und erhebt sich dann als über Goethe räsonierender Marcel Reich-Ranicki mit perfekt imitierter Diktion noch in unsere fast unmittelbare Gegenwart.
Fast improvisatorisch locker entwickeln Bader, Ehnert, Scheibe, die sich auch immer wieder als solche ansprechen und gegenseitig veräppeln, aus Goethes Beschreibung der Schlacht von Valmy den "Erlkönig" und aus der Szene mit Goethes abgelehnter erster Doktorarbeit den Anfangsmonolog vom "Faust".


Goethe und die Frauen

Doch ein Hauptaugenmerk liegt natürlich auf dem Verhältnis Goethes zu den Frauen. Jan Christof Scheibe schrieb mitreißende Songs auf Goethetexte und begleitete die Gesangsparts live am Keyboard und der E-Gitarre und lieferte als eine Art Leitmotiv in Sachen Frauen: "Hat er oder hat nicht?" Woran sich die köstlich absurde wie irgendwie auch naheliegende Diskussion anschloss, ob Goethe seine vielen Frauen nicht sowieso erfunden hat, da sie alle Namen wie erfundene Figuren aus der Literatur haben und er seine Autobiografie ja "Dichtung und Wahrheit" nannte.
Und so tobte die turbulente Suche nach dem Wesen und Wirken unseres berühmtesten Klassikers über zwei Stunden lang über die Bühne, frech, phantasievoll und immer auch an sein kompliziertes Wesen rührend.
Und am Ende - wieder auf dem Kickelhahn - mündete sie sehr still in Goethes eigenes Lebensfazit, dass er in allem doch gescheitert sei. Was den drei Spielern die Möglichkeit gab, das zutiefst Menschliche am Dichterkönig mit dem Schlusssong zu feiern: "Scheitern ist gut, Scheitern ist sexy!"


Begeistertes Publikum

Das Publikum feierte sie lange und lautstark ob dieser überhaupt nicht anstrengenden Begegnung mit einer als so furchterregend verschrienen Literatur-Ikone und trug seine gute Laune mit hinaus in den Frühlingsabend. Was kann Kultur Besseres bewirken?