Der Rossini-Saal ist vollbesetzt, das Publikum erwartungsvoll: endlich, endlich wieder Musikerlebnis nicht nur von der CD oder im Radio. Zwar mit Maske, aber Hauptsache wieder dabei sein, mitfiebern, wunderbare Musik live erleben. Bürgermeister Thomas Leiner überbringt die Grüße der Stadt und darf zwei Premieren an einem Tag ankündigen: Der neue Intendant des Kissinger Sommers, Alexander Steinbeis, stellt sich erstmals dem Kissinger Publikum vor und darf dann auch den 19., erstmals von ihm verantworteten Klavierolymp eröffnen. Und dann kommt ein Twen auf die Bühne mit gewinnendem Auftreten. Aber darum geht es beim Klavierolymp nicht! Wie spielt er? Um es vorweg zu sagen: Brilliant! Im Interview mit BR-Klassik überrascht er bei der Frage nach seinen musikalischen Vorlieben mit einem Faible für die Kontraste und die Wechsel der Harmonie in der Musik des Leoš Janacek. Folgerichtig beginnt er mit dessen Klavierzyklus "Im Nebel", in dem der virtuose Pianist und spätberufene Komponist aus Brünn wohl seine eigene persönliche Situation in die Musik einfließen lässt. Da wird gezweifelt und geklagt, zögernd steigern sich die Akkorde im dritten Satz, um im Presto des 4. Satzes diese Nebelschleier mit wuchtigem Fanfarenmotiv zu durchbrechen. Staunen, wie der 25-jährige Pianist diese Stimmungen ausdrückt, übergangslos vom Pianissimo zum Forte wechselt, markante Sequenzen dezent betont, seine Leidenschaft für den Komponisten mit Gestik und Haltung ausdrückt. Da haben sich zwei gefunden, und das spürt das aufmerksame Publikum sofort, lohnt es mit Riesenbeifall schon für diese erste Visitenkarte.

Bravos schon zur Pause

Steilvorlage für Beethovens As-Dur Sonate, die eher selten zu hören ist. Deren fließende Themen und die besonderen Klangfarben Beethovens weiß der vielfache Preisträger mit subtilem Erzählen auszudrücken, so klingen die fünf gleichen markanten Akkorde des 3. Satzes bei jeder Wiederholung eindringlicher. Dafür gibt's schon Bravos zur Pause. Gerne kehrt Piekut zum 19. Jahrhundert zurück. Skrjabins Sonate Nr. 10, die der Komponist selbst "licht, irdisch, fröhlich" bezeichnet hat und "Verse la flamme", das Poème op 72 folgen. Beste Gelegenheit, die ausgereifte Technik des dänischen Pianisten zu bewundern. Atemberaubende Läufe, türmende Akkorde, gegenläufige Triller, er meistert sie spielerisch, lässt schwierige Passagen leicht aussehen. Er kämpft auch nicht gegen die Flamme, er umspielt sie elegant und raffiniert. Naturbilder prägen auch "Und die Sonne geht auf" der zeitgenössischen Choralstudie aus dem Jahr 2011 des 1958 geborenen Bent Sørensen. Tonalität und Atonalität liegen da nah beieinander und auch das ist erstaunlich fein austariert vom dänischen Landsmann des Komponisten.

Als wäre das nicht genug, türmt er sich auch noch die - zwar 1931 entschärfte - aber noch immer hochvirtuose Fassung der 2. Sonate Op. 36 von Sergej Rachmaninow auf. Da erlebt man dann einen schon ziemlich ausgereiften Pianisten. Dass dabei die Präzision in keiner Phase leidet, reißt die Zuhörer gar zu Bravos hin.

Den lauten Rufen nach Zugabe konnte - nach diesem kräftezehrenden Parforceritt - der Pianist dann doch nicht folgen. Das wäre auch zu viel des Guten gewesen. Im Hinausgehen war zu hören: "Was für ein Start des Klavierolymps"!