Er kommt ohne viel Aufhebens auf die Bühne und beginnt mit dem Uraltgag von "Bad Hersfeld, Bad Tölz, ach nein, Bad Kissingen". Das lässt eigentlich nichts Gutes hoffen, zumal der Einstieg eingebunden ist in ein belangloses Geplauder über die Qualität des Caterings in seiner Garderobe. Gekrönt wird das Ganze von der Allerweltsweisheit: "Man lernt immer dazu im Leben."


Die Kunst, hinterhältig zu sein

Der
Zuschauer bemerkt recht langsam, dass dieser so treudoof und urbayerisch daherkommende Komiker mit dem unverkennbaren Ingolstädter Idiom es faustdick hinter den Ohren hat. Seit 1996 ist der Komiker im Fernsehen zu sehen, seit 14 Jahren wird er mit eigener Show gefeierte. In seinem Programm "Deppenmagnet" beklagt Günter Grünwald sein Schicksal: "Wenn ein Depp in meiner Nähe ist, ist er schon da!" Und dann stellt er all diese Deppen hinterfotzig und perfide bloß, wie sein bayerischer Ahnherr Karl Valentin und sein Bruder im Geiste Gerhard Polt. Dabei scheut Grünwald vor den im Dialekt unvermeidlichen Kraftausdrücken nicht zurück. Er schafft es aber auf ganz subtile Weise bloßzustellen, was er für Wesensmerkmale von "Deppen" heutzutage hält. Die Anhänger der Tätowiersucht erschreckt er mit der Nachricht, dass der neueste Modetrend untätowierte Haut ist. Außerdem warnt er vor den Folgen von Billigtätowierern, die statt "Born to lose" "Born in Toulouse" auf den Rücken schreiben.

Stattdessen schlägt hinterhältig die Rückkehr zu den Urtattoos der Seeleute mit Anker und "Ahoi" vor oder ein Ruderboot im Apfelstrudel frei nach Salvador Dali. Denn was seien dessen von Ästen hängende Weichuhren oder Elefanten mit Spinnenbeinen denn schon gegen eine nackte Reiterin vor einem Sonnenuntergang am Meer. Es entpuppt sich, was sich als kleinbürgerliche Kritik an der modernen Kunst ausgab, als raffiniert herausgespielte Ohrfeige für die Kitsch- und Konfektions-Kunst unserer Tage.


Cityroller aus Südtirol

Dem Männerparadies Baumarkt geht er an den Kragen mit dem Wundergerät Syphonreiniger, der seine große Bewährungsprobe mit Todesfolge bei einem Essensgast mit Gräte im Hals hat. Und so labert und plaudert Grünwald ungeniert. Er kommt vom einen ins andere und kommt vom Harm- und Belanglosen immer wieder zu umwerfend komischen Wendungen, gerne auch der drastischen Art.

Zur Pegida-Panik angesichts zweieinhalb Prozent Ausländern in Dresden hat er den Vorschlag, dass Bayern die Muslime aufnimmt, wenn sie die Sachsen aus Bayern zurücknehmen. Das kommentiert er wie die Pegida-Anhänger angesichts ihrer Verleumdungen und Beschimpfungen mit: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"
Grünwald spielt einen Sturzbesoffenen in einem seiner treffsicheren, weil hinterfotzig unspektakulär und deshalb wirklichkeitsnah präsentierten Alleinunterhalter-Sketche. Den Besoffenen lässt er auf einen Asylanten stoßen, der "so schwarz ist, dass man nur das Gebiss sieht". Der Ausländer macht im Wirtshaus irritierenderweise alles richtig, was den Schluckspecht zur Feststellung bringt, dass er eben anders sein muss, weil er beim Laufen einen Fuß vor den anderen setzt. Immer wieder treibt Grünwald seine Alltagsgeschichten ins Absurde, etwa wenn er dem Neffen einen obdachlosen Südtiroler einfängt, weil er dessen Weihnachtswunsch "Cityroller" falsch verstanden hat.


Vom Traum- zum Loserbody

In solch hinterhältige Harmlosigkeit verkleidet Grünwald auch zunächst ganz ernst vorgetragene Geschichten. Etwa die vom Erstklässler, der ihn mit "Du Ficker!" beschimpft und dann dem um den Sprachzerfall besorgten Opa auch exakt definieren kann, was das bedeutet. Sehr makaber und hintersinnige ist auch seine Beobachtung, dass der Ersatz von Doppel-S ausnahmslos durch "scharfes S" jenen Nazi-Waffenträgern viel von ihrer Gefährlichkeit genommen hätte: "Aufmachen, hier ist das scharfe S!"

Immer mehr in Fahrt kam er bei seiner boshaften Parodie von Kochshows und dem Swingerclub Kreisverkehr mit der minutiösen Beschreibung des dort anzutreffenden Proll-Schick-Paares. In Umkehrung des Traumes vieler Zeitgenossen erzählte er als einen der Höhepunkte des zweiten Teils, wie viel Mühe es ihn gekostet habe, seinen Traumbody von vor 30 Jahren in den Loserbody umzuwandeln. Den braucht es halt für seinen Traumberuf Komiker. In der Zugabe pries er hochironisch das ihn angeblich prägende komische Talents seines Vaters mit Sprüchen wie "Morgen Früh ist die Nacht rum!". Grünwald jedenfalls hatte mit seinem Talent das Publikum begeistert und bestens gelaunt entlassen, bevor es von der Wirklichkeit wieder eingeholt wurde angesichts der wenigen offenen und daher heillos überfüllten Kneipen im Weltbad an diesem Samstagabend.