Vor 20 Jahren, im September 2002, hatten die von Stadt und Landkreis gemeinsam mit anderen Partnern organisierten Jüdischen Kulturtage Bad Kissingen ihre Premiere. Anlass war damals die 100 Jahre zuvor im Juni 1902 erfolgte Weihe der Neuen Synagoge an der Maxstraße, die in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von SA-Männern zerstört und im April 1939 abgerissen wurde.

Die Idee zu der alle zwei Jahre durchgeführten Veranstaltungsreihe hatte Hans-Jürgen Beck (60), bis zu seiner Frühpensionierung im Herbst 2020 als Oberstudienrat am Jack-Steinberger-Gymnasium tätig. Seitdem war er für deren inhaltliche Planung und Organisation verantwortlich. Nachdem sein "Kind" nun die Volljährigkeit erreicht hat, beschloss der "Vater der Jüdischen Kulturtage" mit Abschluss der diesjährigen Veranstaltungsreihe, nach 20 Jahren die Verantwortung "in jüngere Hände zu übergeben".

Herr Beck, warum geben Sie die Verantwortung für die Jüdischen Kulturtage ab?

Hans-Jürgen Beck Ich denke, dass es nach 20 Jahren gut ist, die Programmauswahl in andere, jüngere Hände zu legen. Ein Personalwechsel ermöglicht einen neuen Blick und einen neuen Zugriff auf die Themen der Jüdischen Kulturtage und hilft vielleicht dabei, ein breiteres Publikum und neue Besucherkreise anzusprechen. Außerdem sind 20 Jahre eine lange Zeit - fast eine Generation - so dass es wohl ohnehin erlaubt ist, sich neuen Aufgaben zuzuwenden.

Was war damals Ihre Motivation zur Einführung der Jüdischen Kulturtage?

Seit meinem Theologie-Studium fühle ich mich dem Judentum in all seinen Facetten sehr verbunden. Es war mir deshalb wichtig, das bedeutende jüdische Erbe in unserem Landkreis wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen und die vielfältigen kulturellen, geschichtlichen, gesellschaftlichen und religiösen Aspekte des Judentums einem möglichst breiten Publikum zu erschließen.

Wie fing es eigentlich vor 20 Jahren an?

Die Idee zu den Jüdischen Kulturtagen ist mir - angeregt durch ähnliche Veranstaltungsreihen anderer Städte - sogar schon vor mehr als 20 Jahren gekommen. Ich dachte mir damals, dass solche Kulturtage angesichts der großen jüdischen Tradition unserer Region auch bei uns sinnvoll wären.

Konkrete Formen nahmen die Pläne dann im Jahr 2001 am Rande der Feier zu Jack Steinbergers 80. Geburtstag an: Alt-Oberbürgermeister Georg Straus, Oberbürgermeister Christian Zoll und Landrat Herbert Neder, die ich auf meine Idee ansprach, waren sofort von meinem Vorhaben überzeugt. So wurden die ersten Jüdischen Kulturtage vom 24. September bis 20. Oktober 2002 durchgeführt.

Damals dauerte die Veranstaltungsreihe im Gegensatz zu heute zwar nur einen Monat, aber wir konnten doch immerhin schon 37 Veranstaltungen mit namhaften Mitwirkenden wie Dr. Josef Schuster, der heute Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland ist, sowie der mehrfach preisgekrönten Schriftstellerin und Übersetzerin Mirjam Pressler und dem Journalisten und TV-Moderator Michel Friedman anbieten.

Wie entwickelte sich die öffentliche Akzeptanz in den 20 Jahren?

Der Besuch der einzelnen Veranstaltungen war schon immer sehr unterschiedlich. Klezmer- und Operettenkonzerte waren immer gut besucht. Auch die meisten Vorträge konnten viele Besucher ansprechen. Sehr gut wurden immer die Führungen auf lokalen jüdischen Spuren oder über die jüdischen Friedhöfe im Landkreis angenommen. Aber leider gab es auch Veranstaltungen, bei denen nur ein halbes Dutzend Gäste kam.

Welche Partner konnten Sie im Laufe der Jahre als Mitveranstalter gewinnen?

Neben Stadt und Landkreis waren heuer 17 weitere Veranstalter beteiligt. Ohne das große idealistische Engagement dieser Partner und Einrichtungen wären die Jüdischen Kulturtage gar nicht möglich. Über die Jahre hat sich eine sehr enge Zusammenarbeit mit den beiden christlichen Kirchen, dem jüdischen Kurheim Beni Bloch, den Museen im Landkreis, der Staatsbad Bad Kissingen GmbH und der Kissinger Buchhandlung "seitenweise" ergeben, die alle ganz maßgeblich die Veranstaltungsreihe mitgeprägt haben.

Gab es für Sie persönlich in den zwei Jahrzehnten besonders wichtige Veranstaltungen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Es wäre so, als würden Sie einen Vater fragen, welches Kind er am meisten liebt. Für mich war jede Veranstaltung gleich wichtig. Vor allem die Begegnungen mit interessanten Menschen - egal ob prominent oder nicht -, aus denen manchmal sogar Freundschaften entstanden, empfand ich immer als Geschenk.

Welche Bedeutung haben die Jüdischen Kulturtage heute?

Die Jüdischen Kulturtage sind auch bundesweit etwas Besonderes, da sie über das ganze Jahr und den ganzen Landkreis verteilt durchgeführt werden und nicht nur auf wenige Tage und einen Ort beschränkt sind. Viele Künstler und Referenten aus Großstädten waren oft überrascht über unser umfangreiches, vielfältiges Programm, das sie in der "Provinz" so nicht vermutet hatten und das sich nach deren Überzeugung selbst in Städten wie Frankfurt, Berlin oder München sehen lassen könne.

Gibt es eigentlich eine Veranstaltung, die Sie gern noch durchgeführt hätten, zu der es aber nicht gekommen ist?

Ich hätte als leidenschaftlicher Musikliebhaber gern ein großes Sinfoniekonzert oder eine Oper ins Programm genommen. Das war uns aus Kostengründen bisher leider nicht möglich gewesen. Vielleicht bietet sich ja in Zukunft eine Zusammenarbeit mit dem Festival "Kissinger Sommer" an.

Gab es mal eine Veranstaltung, auf die Sie im Nachhinein gern verzichtet hätten?

Eigentlich nicht. Allerdings fühlte ich mich mal bei einer Veranstaltung wegen der Anschauung des Referenten sehr unwohl. Ich hatte damals sogar schon überlegt, diese Veranstaltung abzubrechen. Ich hätte mir vom Referenten eine differenziertere, weniger polemische Sicht gewünscht.

Haben Sie noch Ideen, wie man die Jüdischen Kulturtage in Zukunft noch verbessern könnte? Haben Sie konkrete Vorschläge für Ihre Nachfolger?

Ich hoffe, dass Michael Balk als zuständiger Projektleiter der Stadt Bad Kissingen und sein Kollege Felix Gantner vom Landratsamt, die ich beide sehr schätze, meine Arbeit erfolgreich weiterführen können. Sie haben aber genügend eigene, neue, frische Ideen, so dass sie auf meine Vorschläge nicht angewiesen sind. Ich weiß die Kulturtage bei beiden in guten Händen. Nur Stadt und Landkreis würde ich bitten, den Etat doch deutlich aufzustocken und die zahlreichen bürokratischen und praktischen Hürden erfolgreicher abzubauen. Dazu gehört nicht zuletzt, dass die wunderbaren Säle im Arkaden- und Regentenbau für unsere Veranstaltungen leichter und kostengünstiger genutzt werden können. Die Fragen stellte Sigismund von Dobschütz