Seit 1924 schippert die "Kissingen " auf der Saale zwischen Rosengarten und Gradierbau hin und her. Die Kissingen ist das ältere der beiden Dampferle, ein von einem Dieselmotor angetriebenes Fahrgastschiff. Sie ist ein richtiger Oldtimer, die noch einen richtig genieteten Stahlrumpf besitzt. Das jüngere Boot, die "Saline" wurde 1964 angeschafft. "Das sind schwimmende Museen. Und Nostalgie pur", sagt Helmut Fischer, Inhaber der Saaleschifffahrt GmbH. Er führt den Familienbetrieb, der hinter den beliebten Touristenbooten steht, bereits in fünfter Generation. Durch die Corona-Pandemie hat er mit existenziellen Problemen zu kämpfen.

Die Geschichte der Dampferle auf der Saale beginnt allerdings schon viel früher und zwar während Bad Kissingens Weltbadzeit. 1876 beantragte der Ingenieur und Reichs-Eisenbahnbaumeister Carl Friedrich Alfred von Paschwitz die Konzession für die Schifffahrt auf der Saale. Ein Jahr später verkehrte das erste Boot auf der rund zwei Kilometer langen Strecke und brachte Kurgäste aus der Stadt zur Anlegestelle an der Saline und damit zum Königlichen Salinenbad, zum Salinencafé und zum Gradierbau.

Seit 138 Jahren in Familienbesitz

Von Paschwitz verstarb jedoch überraschend kurze Zeit später. Der bekannte unterfränkische Baumeister Andreas Lohrey übernahm daraufhin 1882 die Schifffahrtskonzession. Er ließ in der Folge das Saaleufer mit Steinen aus dem eigenen Steinbruch befestigen, schaffte ein zweites Boot an und errichtete in der Salinenstraße 47 ein Wohnhaus mit Bootshalle im Erdgeschoss sowie Slip-Anlage, über die die Boote ins Wasser gelassen wurden.

Lohreys Nachfahren - Helmut Fischer ist der Ur-Urenkel - führen den Betrieb der Dampferle bis heute fort. "Es geht mir da um die Historie. Wenn man schon so etwas Besonderes hat, sollte man es auch hochhalten", sagt Fischer. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit seiner Tierarztpraxis, die Dampferle sieht er dagegen eher als ein aufwendiges Hobby, bei dem er froh ist, dass der Betrieb sich trägt.

"Früher wurden die Boote mit Dampfmaschinen betrieben, mit Kohle beheizt und haben entsprechend gequalmt", sagt Fischer. Drei Mann waren damals auf den Booten beschäftigt: Kapitän, Heizer und Kassier. Heute gibt es noch je Dampferle einen Kapitän sowie eine Aushilfskraft, die das kassieren übernimmt.

Auch wenn die Boote heute nicht mehr dampfen und auch nicht mehr über die Slip-Anlage sondern via Kran ins Wasser gelassen werden, ist doch vieles so geblieben wie früher: So ist zum Beispiel das denkmalgeschützte Anwesen Salinenstraße 47 nach wie vor in Familienbesitz. Das Gebäude ist zwar sanierungsbedürftig und wird nicht mehr bewohnt, Fischer nutzt es aber immer noch als Trockendock und Werkstatt. "Im Winter führen wir hier die notwendigen Reparaturen durch", berichtet er. Das Gebäude hat sein Vorfahre sehr repräsentativ im Stil der Neurenaissance gestaltet. Auch weil die Bootshalle sich in den Sommermonaten ins Café Neptun verwandelte. "Das war ein florierender Cafébetrieb. Kurgäste, die zu Fuß zum Salinenbad gepilgert sind, sind dort oft eingekehrt", erzählt Fischer.

Kultur, Shopping, Natur

Die Dampferle mit ihrer bis heute andauernden Geschichte, finden sich auch in der Unesco-Bewerbung der Stadt als Teil der Great Spas of Europe wieder. "Die Dampferle waren eine Touristenattraktion und sind es auch heute noch. Sie sind in höchstem Maß authentisch", sagt Bad Kissingens Welterbemanagerin Anna Maria Boll. Wichtig für die Bewerbung ist vor allem das bauliche Erbe der Dampferle. "Die Befestigung des Saale-Ufers spielt da eine Rolle, die Anlegestellen, die bis heute die Verkehrsströme von damals widerspiegeln und natürlich das Gebäude mit Bootshalle. Das ist zusammen ein Paket, das etwas Besonderes ist", erklärt sie. Die Boote selbst zählen nach den Vorgaben der Unesco zwar nicht als materielles Erbe, aber sie sind Teil der "living tradition."

Bad Kissingen sowie die anderen Kurorte der Bewerbergruppe legen im Unesco-Antrag dar, inwieweit Kur-Traditionen bis heute gelebt werden. Bei der "living tradition", geht es nicht nur um medizinische Gesichtspunkte, sondern um vieles, was das Kurleben in der Weltbadzeit ausgemacht hat. "Es geht um Vergnügung und Kultur, um die Freizeitgestaltung der Gäste", erklärt sie.

Was lässt sich davon bis heute finden? Allen voran ist da das Kulturverständnis der Stadt. Bad Kissingen stellt im Vergleich zu ähnlich großen Kommunen ein umfassendes Kulturangebot bereit. Das Kurorchester, das jetzt den Namen Staatsbad Kissingen Philharmonie trägt, geht direkt auf die Weltbadzeit zurück. Der Kissinger Sommer knüpft als Festival an die großen Orchester an, die in der Weltbadzeit in der Stadt gastiert haben. Er ist der moderne Ausdruck des historischen Wissens: Es braucht Kultur, um den Gästen etwas zu bieten.

Neben Kultur ist da noch die Natur zu nennen. Freistaat und Stadt leisten sich eine Kurgärtnerei, die die weitläufigen Park- und Gartenanlagen pflegt. "Diese Anlagen werden immer noch kurspezifisch genutzt", erklärt Boll. In Bad Kissingen - und das ist für die Unesco wichtig - ist an vielen Stellen zu sehen, dass das Kurerbe gesichert und in die Zukunft transportiert wird.

Zur Unesco-Serie

Bewerbung Elf traditionsreiche Kurorte aus Deutschland, Tschechien, Österreich, England, Italien, Frankreich und Belgien wollen als "Great Spas of Europe" von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt werden. Warum ist die Gruppe, warum ist Bad Kissingen als Teil der Gruppe welterbewürdig? Die Saale-Zeitung beleuchtet regelmäßig in einer redaktionellen Serie die Hintergründe.