Seit 25 Jahren bestimmte die Winkelser Kirche Sankt Bonifatius sein tägliches Leben. Am Sonntag, 25. Januar 2015, wird Küster Ernst Zwirlein (77) von Dekan Thomas Keßler aus seinem Ehrenamt verabschiedet. Einen alleinigen Nachfolger gibt es nicht. Der Küsterdienst wird künftig auf mehrere Personen aufgeteilt. "Es findet sich heute niemand mehr, der seine Freizeit vollständig diesem Ehrenamt opfert", kennt die frühere Pfarrgemeinderatsvorsitzende Rosi Kast den Grund.
Zeit seines Lebens fühlte sich Ernst Zwirlein der Winkelser Kirche sehr verbunden, obwohl es sie bei seiner Geburt im Jahr 1937 noch gar nicht gab. "Damals war sie im Rohbau." Deshalb musste Zwirlein in der Kissinger Herz-Jesu-Kirche getauft werden. Erst im Dezember 1937 wurde das Winkelser Gotteshaus geweiht, in der der neunjährige Ernst seine Kommunion erhielt.
"Ich bin ein gläubiger Katholik" sagt Zwirlein von sich selbst. Aber er sei offen gegenüber allen anderen Glaubensrichtungen. Er sei nur zufällig in eine katholische Familie hineingeboren. Gleich nach seiner Kommunion diente er seiner Kirche viele Jahre als Ministrant. Später forderten ihn die Familie und sein Beruf als Postbeamter.
"Niemals habe ich daran gedacht, einmal Küster zu werden." Es war eher eine Gefälligkeit für seinen Vetter Josef Zwirlein, der 45 Jahre lang Küster in Winkels war. Plötzlich wurde dieser krank und Ernst half ihm aus familiärer Gefälligkeit in der Kirche. Dann fiel Josef Zwirlein endgültig aus. "Plötzlich stand ich allein in der Kirche." Es gab nicht einmal eine offizielle Ernennung zum Küster. Zwirlein: "Ich habe einfach weitergemacht, 25 Jahre lang, bis heute."
Seitdem führte ihn allmorgendlich sein erster Weg zur Kirche, um sie aufzuschließen, und an jedem Abend schloss er sie wieder ab. An drei Tagen pro Woche gab es Gottesdienste, sonntags sogar zwei, außerdem Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen. Immer war Zwirlein als Küster gefordert.

Leben nach dem Kirchenplan

"Ich habe mein Leben nach dem Kirchenplan ausgerichtet." Manchmal galt das auch für Freunde: Zur Jahrtausendwende zog das Paar mit Freunden kurz vor Mitternacht zur Kirche, Punkt Zwölf läutete der Küster die Glocken und dann haben alle in der Sakristei auf das neue Jahrtausend angestoßen. Selbst den Dienstplan bei der Post hat Zwirlein bis zum Ausscheiden 1995 mit dem Küsterdienst abgestimmt.
Seit 1990 legte er als Küster vor jedem Gottesdienst dem Pfarrer die Messgewänder in der Sakristei zurecht, schlug die Messbücher mit der richtigen Seite für den Tag auf, stellte die Kelche und Hostienschalen bereit und zündete alle Kerzen an.

Glockenläuten per Computer

Die Glocken musste er niemals eigenhändig läuten. "Früher ging das mechanisch, da brauchte man nur ein paar Schalter zu betätigen." Seit über zehn Jahren erledigt das der Computer. "Aber ich muss ihn immer ein paar Tage im Voraus programmieren." War der Gottesdienst dann vorbei, löschte Zwirlein die Kerzen und räumte alles wieder an seinen Platz zurück. Manchmal ging ihm auch Ehefrau Hilde zur Hand.
"Ohne einen verständigen Partner geht es nicht", steht für Zwirlein fest. Kein Feiertag, kein Wochenende, an dem er dienstfrei hat. Selbst an Werktagen gibt es kirchliche Anlässe, bei denen der Küster gefordert ist. "Wir konnten nie unsere Söhne und Enkel in München besuchen: Wir konnten nur werktags, sie nur am Wochenende." Aber das soll sich nach der Verabschiedung aus dem Küsterdienst ändern. "Jetzt können wir endlich Wochenendausflüge machen und brauchen uns nie mehr nach dem kirchlichen Terminplan zu richten", freut sich Ehefrau Hilde.
Was kommt nach dem Küsterdienst? "Ich habe keine Probleme, meine Freizeit auszufüllen", meint Zwirlein. Langjährige Mitgliedschaften beim TV Winkels, dem Gesangverein Edelweiß und bei der Feuerwehr scheinen dies zu bestätigen. "Wenn gefeiert wird, bin ich dabei." Außerdem: "Man wird im Alter ruhiger und langsamer." Doch Ehefrau Hilde kennt ihren Ernst seit 55 Jahren besser: "Es wird ihm doch etwas fehlen."