Vor 50 Jahren begann Christiane Schießer (66) mit der Ausbildung ihre Arbeit im elterlichen Friseursalon, den sie schließlich 1994 als Inhaberin übernahm. Zum Jahreswechsel übergibt sie nun den Garitzer Traditionssalon, dessen Geschichte bis ins Jahr 1909 zurückreicht, an Tochter Constanze (39), die bereits seit 2017 im Familienbetrieb mitarbeitet. "Irgendwann kommt eben der Zeitpunkt, das Geschäft an die nächste Generation abzugeben."

Fest in Familienhand

Schon als Sechsjährige begleitete Christiane Schießer ihre Eltern Leonhard und Hannelore gern zu beruflichen Veranstaltungen und wusste seitdem, dass sie später unbedingt Friseurin werden wollte. 1971 begann sie nach der mittleren Reife ihre zweijährige Ausbildung im elterlichen Betrieb und machte 1976 ihren Meister. Schon damals war der Salon Schießer in Bad Kissingen ein Begriff, denn schon ihre Urgroßeltern Nikolaus und Therese Hippler hatten 1909 nahe dem Garitzer See einen Salon eröffnet, in dem zuletzt Mutter Hannelore die Familientradition fortsetzte und schon bald auch ihr späterer Ehemann, der damalige Geselle Leonhard Schießer, mit einstieg.

Mit der Betriebsübernahme des jungen Paares im Jahr 1954 wurde aus Salon Hippler der Salon Schießer, 1956 der erste Lehrling eingestellt und schließlich vor genau 60 Jahren (1961) an der Baptist-Hoffmann-Straße der heutige Friseursalon eröffnet. Vor 45 Jahren - Christiane Schießer hatte 1976 ihren Meisterbrief gerade in der Tasche - erweiterten die Eltern den Salon, 1983 wurde er noch einmal modernisiert und schließlich im Jahr 2010 - nun war sie selbst schon seit fast 15 Jahren die Chefin - total renoviert und mit 22 Plätzen völlig neu, "modern, aber zeitlos" möbliert.

Viele Auszeichnungen, 40 Lehrlinge

In jungen Jahren hatte Schießer dreimal die bayerischen Friseurmeisterschaft im Damenfach und bei der Weltmeisterschaft 1994 in Wien im offenen Wettbewerb als Beste ihres Fachs den Austria-Preis gewonnen. 1995 wurde sie Mitglied in der Bad Kissinger Friseur-Innung, die sie ab April 1996 als Obermeisterin führte. Erst 22 Jahre später gab sie 2018 dieses Ehrenamt ab und wurde mit dem Silbernen Siegel der Handwerkskammer geehrt. Die Goldene Ehrennadel des Zentralverbands war schließlich die Krönung für jahrzehntelanges Engagement im Friseur-Handwerk, wozu auch die Ausbildung von etwa 40 Lehrlingen zählt.

"Früher kamen unsere Kundinnen jede Woche zum Frisieren", erinnert sich Christiane Schießer an ihre ersten Berufsjahre, "heute nur noch alle vier bis sechs Wochen." Vor allem samstags sei der Andrang immer groß gewesen, wenn sich die Damen für Wochenendveranstaltungen ihre Dauerwellenfrisuren haben stylen lassen. Entsprechend dicht gedrängt waren die Sitze im Salon früher angeordnet, ist auf einem Foto zu erkennen, das die Eltern in den 1960er Jahren in ihrem neuen Salon zeigt. "Heute liebt man es sportlicher und praktischer. Berufstätige Frauen haben doch morgens nicht mehr so viel Zeit zum Frisieren." Dafür ist die Friseurin heute mehr bei Schnitt und Farbe gefordert, ergänzt Tochter Constanze.

Lieber eine "gescheite Friseurin"

Ab Januar übernimmt es Constanze Schießer, inzwischen selbst Mutter von zwei Töchtern (5 und 2 Jahre), die lange Familientradition erfolgreich fortzusetzen. Doch auch bei ihr gab es von klein auf nur einen Berufswunsch, erinnert sich ihre Mutter: Als sie in die Grundschule kommen sollte, riet ihr der Vater zum fleißigen Lernen, um später mal eine "gescheite Rechtsanwältin" zu werden. Doch Constanze hatte sich bereits anders entschieden: "Ich werde mal eine gescheite Friseurin." Folgerichtig machte sie 2002 ihr Abitur am Jack-Steinberger-Gymnasium und ging nach Nürnberg, um bei einem dortigen Modefriseur das Handwerk zu lernen. "Ich musste mal raus aus Bad Kissingen."

Bundessiegerin

Ihre zweijährige Ausbildung schloss sie als Kammer-, Landes- und Bundessiegerin ab. Schon 2005 machte sie ihren Meister. Es folgten weitere Berufsjahre in ihrem Ausbildungsbetrieb und Meisterschaftserfolge wie deutsche Juniorenmeisterin, Europameisterin der Junioren und Gewinnerin der Bronzemedaille der Junioren im Damenfach bei der Weltmeisterschaft in Moskau. 2008 wechselte sie nach Böblingen zur Keller Hair Company, wo sie nicht nur Topstylistin und Trainerin an deren renommierter Friseur-Akademie "Keller the School" in Stuttgart wurde, sondern sechs Jahre lang auch die Salonleitung im Böblinger Stammhaus hatte.

Sorgen im Lockdown

Die Geburt ihrer ersten Tochter gab für Constanze Schießer den Ausschlag, nach 15-jähriger Abwesenheit doch wieder in die Heimat zurückzukehren und 2017 beruflich in den Salon der Mutter einzusteigen. "Zwar gab es damals die Idee einer späteren Übergabe des Salons, aber noch nicht konkret", sagen Mutter und Tochter übereinstimmend. Doch jetzt mit Eintritt der Mutter ins Rentenalter und nach zwei harten Lockdowns, die der Inhaberin einige Sorgen bereitet haben, war es dann soweit. Die Auswirkungen der Pandemie sind noch immer zu spüren, da wegen abstandsbedingt begrenzter Platzzahl und genereller Kontaktscheu der Kundschaft der Umsatz um etwa 35 Prozent niedriger als früher ist. "Aber jetzt kann es ja nur noch aufwärts gehen und besser werden", freut sich Constanze Schießer auf ihre Zukunft als Salon-Inhaberin.