Natürlich kann man das nicht alles über einen Kamm scheren. Zum einen sind da in den Sommermonaten die besten Sinfonieorchester der Welt im Großen Saal zu Gast und in den Monaten dazwischen so gut ausgebildete und geführte Orchester wie Gerd Schallers Philharmonie Festiva oder die Auswahlorchester jugendlicher Spitzenmusiker, die "zwischen den Sommern" kommen und oft mit ihren außerordentlichen Leistungen verblüffen.
Wenn dann zum anderen das Amateurorchester der "Neuen Philharmonie Forchheim" zu Gast ist, muss man sich einstellen auf die Möglichkeiten eines solchen Zusammenschlusses und es daran messen. Dennoch darf man sich fragen, wie es denn so war, was die noch erst so kurz existierenden Forchheimer in ihrem Konzert vorstellten, denn schließlich spielten sie vor zahlendem Publikum.


Ein Jahr Vorbereitung

Das Premierenkonzert der Formation fand am 11. April 2015 in Forchheim statt, seitdem konnte sie sich unter ihrem Leiter, dem ehemaligen Musiklehrer am Forchheimer Herder-Gymnasium mit Musischem Zweig, aus dem auch viele der Spieler hervorgegangen sind, Peter Kammler, ein Jahr lang auf das diesjährige Konzert vorbereiten. Dessen erste Aufführung fand im Regentenbau statt, am darauffolgenden Abend spielte das Orchester im vertrauten Kolpingsaal in Forchheim für seine Zuhörer und Fans vor Ort.
Für 2016 wurde ein dreiteiliges Programm erarbeitet: Mozarts Ouvertüre zu "La Clemenza di Tito" und Beethovens 5. Sinfonie sowie Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1. Als dessen Solist war wie schon bei der Gründungspremiere der Geiger Reto Kuppel, von 1997 BIS 2013 Stellvertretender Konzertmeister im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und jetzt Geigenprofessor an der Nürnberger Musikhochschule, mit von der Partie.


Ungewohnter Saal

Sicherlich war es für die Musiker aus Forchheim ein großes Erlebnis, einmal in einem der besten und bekanntesten Konzertsäle Europas zu spielen. Wie sehr die ungewohnte Umgebung, der Große Saal, die Laien an den Instrumenten aber auch nervös machte, konnte man erkennen, als die zu Beginn gespielte Mozartouvertüre, die nicht so ganz intonationssicher, überaus behäbig bis vorsichtig und wenig inspiriert musiziert wurde, noch einmal als Zugabe gegeben wurde nach vollbrachter Tat. Da plötzlich erklang sie viel spritziger und lustvoller und damit auch mitreißender.


Jeder spielt für sich allein

Beim Violinkonzert Nr. 1 g-moll von Max Bruch ließ das Orchester, ganz abgesehen von der Nervosität, aber auch Qualitäten vermissen, die man nach einer einjährigen Probenarbeit mit spielfreudigen und begabten Laien durchaus erwarten kann. Diese waren beinahe völlig mit dem beschäftigt, was in ihren Noten stand, ignorierten die Mitspieler und den Dirigenten, so dass sie vom miteinander und gemeinsam Konzertieren durch Aufeinander-Hören - Grundlage für das musikalische Vergnügen für Spieler und Zuhörer bei einem Sinfonieorchester - noch um einiges entfernt waren. Trotz vorsichtigen Agierens gab es so rhythmische und Intonationsprobleme.
Zum Glück lebt das Bruchsche Konzert von seinem großen Ohrwurm-Thema, das immer wieder im Tutti aufbranden und alle miteinander verbinden konnte. Solist Reto Kuppel begann mit einem kräftigen romantischen Ton, doch gelang es ihm nur sehr selten, mit dem Orchester wirklich zu konzertieren, beide Soundtracks liefen nebeneinander her. Er war darauf bedacht, seinen Melodiefluss zu halten, zu gestalterischen Akzenten oder gar Impulsen für das Orchester kam es nicht.


Viel Luft nach oben

Bei dem schlugen sich die Bläser recht gut, ließen prekäre Töne auch mal weg; bei den Streichern machten sich technische Probleme, etwa zu Beginn des 3. Satzes als kratzig-unmelodiöses Schaben, bemerkbar.
Was man üben kann, ist, das allzu laute Blättern zu vermeiden, oder einen gemeinsamen Strich oder, vor allem wenn man mit dem Solisten schon so lange zusammenarbeitet, dass man diesen, wenn er im zweiten Satz sehr duftig und leise beginnt, nicht mit einem Mezzoforte des Orchesters zudeckt.
Reto Kuppel spielte als Zugabe sehr gefällig das Capriccio Nr. 15 des Leipziger Komponisten und Geigenvirtuosen Ferdinand David, ein Salonstückchen mit effektvollen Intervallsprüngen.
Bei Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie c-moll, von der natürlich das von Beethoven nie so bezeichnete "Schicksalspochen" zu Beginn des ersten Satzes allgemein bekannt ist, gab es gerade da kleine Unstimmigkeiten beim Zusammenspiel der Streicher mit den Hörnern.


Patzer und Unstimmigkeiten

Obwohl im Mittelteil nach zunächst angedeutetem Drängen das Tempo ziemlich raus war, gab es hier einen Einsatzpatzer der gröberen Art. Im Andante-Satz spielten die Streicher unstrukturiert breiig, wie man das weiland in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts tat, und unsicher bei Einsätzen und in der Intonation. Allerdings musizierten hier die Holzbläser sehr schön miteinander.
Den 3. Satz begannen die Hörner sehr konzentriert und dezidiert und die Bläser lieferten insgesamt einen guten Unterbau für die Streicher in diesem rhythmisch heiklen Satz. Insgesamt spürte man hier, dass das Zittern und Zagen aus dem Orchester wich, hier wurde freier, lustvoller, mitreißender musiziert. Der Pizzicato-Teil wurde vom Dirigenten langsam genommen, gelang recht gut, und über ein rhythmisch und intonationsmäßig sauberes Zusammenspiel in der Stretta gelangten die Forchheimer zu einem stimmigen und mitreißenden Schluss.


Spielerfahrung fehlt noch

Laienorchester leben vom Glücksgefühl des Einzelnen bei gemeinsam produzierter musikalischer Harmonie, die nicht den Anspruch auf Vollkommenheit erhebt. Ob man deshalb das zweite gemeinsam erarbeitete Programm schon vor einem fremden Publikum zeigen sollte, ist die Frage. Mit mehr Spielerfahrung und größerem Selbstbewusstsein, doch auch genauerer Vorbereitung und interpretatorischer Durchdringung der Stücke können sie vielleicht einmal ein ganzes Konzert über so frisch aufspielen wie in ihrer Zugabe.