Draußen tobte ein schon sommerlich glühender Spätfrühlingstag, der die sich von Coronaängsten befreit fühlenden Menschen in Bad Kissingens Freilichtgastronomie, die Fußballfans vor die Bildschirme und die Feierhungrigen in den Stadtstrand gegenüber dem Regentenbau am anderen Saaleufer lockte. Drinnen war der Max-Littmann-Saal abgedunkelt, auf erstaunliche Kühle herunter gefahren und - entsprechend den Pandemieregeln - bis zum letzten legalen Platz gefüllt. Drinnen kämpften die Techniker der Tourneebühne EURO-Studio Landgraf noch bis kurz vor dem verspäteten Beginn mit der Quadratur des Kreises: einen Konzertsaal einzurichten für eine Theateraufführung.

Ein (Fast-)Einpersonenstück, das in einer Kinderkrebsstation spielt und mit dem Tod des Protagonisten Oskar endet. Eine rührende Geschichte von einer jener bewundernswerten Personen, die sich zu fremden Kindern in eine solche Station begeben, um den oft hoffnungslosen Fällen Ablenkung in ihrem tristen, von Krankenhauszwängen bestimmten Alltag zu verschaffen, ihnen das Warten auf das Sterben zu erleichtern. Auch in Deutschland gibt es sie, in Köln werden sie "Blaue Frauen" genannt, weil sie sich in ihrem Outfit klar abheben sollen von dem normalen Krankenhauspersonal.

In der 2004 am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater als Bühnenstück uraufgeführten Fassung von "Oskar und die Dame in Rosa" von Eric Emmanuel Schmitt und in der Inszenierung von Petra Dannenhöfer trägt Doris Kunstmann einen dünnen rosa Überwurf. Als "Mitspielerin" fungiert Leontine Dick, die unaufgeregt die kleineren Veränderungen an der Bühne in den kurzen Zwischenpausen vornimmt, aber etwa auch als Krankenschwester und Catcherin fungiert.

Eine Künstlerin schlüpft in zwei Rollen

Im Zentrum des Geschehens steht aber immer Doris Kunstmann mit toller Bühnenpräsenz in diesem langen Einakter, coronabedingt ohne Pause. Die Bühnenfassung von Eric Emmanuel Schmitts Roman ist eine raffinierte Konstruktion, in der eine Schauspielerin beide Hauptrollen darstellt, die Dame in Rosa und den kranken Oskar. Eine Leistung, die Doris Kunstmann mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit und Plausibilität über die Bühne bringt.

Was Wunder also, dass sie und Michael Abeln, der Geschäftsführer der Bühne, mit allen Mitteln darum kämpften, dass das immer wieder verschobene Gastspiel in Bad Kissingen möglich wurde. Dafür wurde ein kleines Bühnenhaus mit vielen Details für den Littmann-Saal gebaut. Und der Riesentext von Frau Kunstmann wurde aufgelockert mit vielen optischen Zutaten und der insistierenden "Gymnopédie No.I" von Eric Satie.

Der tägliche Brief an Gott

Im Roman bringt seine Betreuerin und Freundin "Oma Rosa", wie er sie liebevoll nennt, den eigentlich absolut unreligiösen zehnjährigen Jungen dazu, täglich einen Brief an den Lieben Gott zu schreiben, dem er berichten kann, wie sehr er darunter leidet, dass seine Eltern sich vor ihm und seiner Krankheit fürchten, was er von den anderen kranken Kindern auf der Station hält und wie Oma Rosa immer wichtiger für ihn wird. Jeden Tag, so Oma Rosas schlaue Anregung soll er da beschreiben wie einen ganzen Lebensabschnitt, womit sie Oskar ein erfülltes Pseudoleben schenkt. Am Ende stirbt die Schauspielerin als Oskar im Krankenbett, kann aber als Oma Rosa auch von der Nachricht berichten, die der sterbende Junge an seine Eltern auf dem Nachttisch hinterlassen hat.

Eric-Emmanuel Schmitt mutet seinem Publikum eine ganze Menge zu. Nicht nur die niederschmetternde Darstellung einer Kinderstation, in der der Protagonist sich damit abgefunden hat, dass er bald sterben wird. Vor allem im zweiten Teil seines Dramas konfrontiert er seine Zuschauer auch mit einem der heikelsten Probleme des christlichen Gottesverständnisses, der Frage der Theodizee. Wieso lässt Gott das Böse in der Welt zu?

Warum hilft Gott nicht?

In seinen Briefen rennt Oskar immer wieder gegen dieses Urdilemma an: Wieso kann Gott nicht ihm selbst oder seiner Freundin Peggy Blue helfen, warum sind all seine Hilferufe an den zunächst abgelehnten, dann gefundenen Briefpartner vergeblich? Mit Hilfe der behutsamen Erklärungen seiner "Oma Rosa" kommt Oskar am Ende zu der Erklärung, die auch christliche Theologen immer wieder gegeben haben. Der Tod ist Teil des Lebens und eine Überwindung der Ängste und der seiner Eltern ist nur durch die Akzeptanz dieser Tatsache möglich.

Schmitts Zumutungen sind die Zumutungen des Theologen und Philosophen, der er ist. Er hat es um die Jahrtausendwende zum 21. Jahrhundert gewagt, in einer über weite Strecken absolut säkularisierten Theaterlandschaft Theaterstücke mit christlichen Lösungen für die Menschheitsfragen auf die Bühne zu bringen. Dass er das auch in einer nicht von vorn herein moralintriefenden Geschichte mit ständig erhobenem Zeigefinger, sondern in einer raffiniert konstruierten, über große Strecken packenden Geschichte um zwei liebenswerte Persönlichkeiten tut, zeigt seine Fähigkeit als Dramatiker.

Großer Mut gepaart mit Engagement

Auch der nichtgläubige Zuschauer lässt sich auf die Lösung der Oma Rosa für den zu Beginn verzweifelten Oskar ein. Der Humor, mit dem die kranken Kinder, Oskars Rivalitäten mit ihnen beschrieben werden, ist fein und wirkt heilsam. Aber für den Theatergänger-Mainstream gibt es dafür kaum noch ein Publikum. So sind der große Mut der Tourneeleitung und das Engagement der Darstellerin Doris Kunstmann anzuerkennen. Das Kissinger Publikum folgte der Aufführung sehr aufmerksam, gelegentlich gab es leises Gelächter, am Schluss aber folgte ein ausnehmend langer und heftiger Applaus für diesen sehr speziellen Abschluss des Theaterrings, der bei der Planung als Notlösung für eine ausgefallene Aufführung zustande kam.