Die erste gute Nachricht zuerst: Die Kissinger LiederWerkstatt wird es auch nach dem Wechsel in der Intendanz weiterhin geben. Das teilte Kuratoriumsmitglied Dr. Christian Kröber am Rande einer Diskussionsveranstaltung zu dem Kompositionsworkshop mit.

Die zweite gute Nachricht: Es gab in diesem Jahr in den beiden Konzerten im Rossini-Saal zum ersten Mal acht Uraufführungen. Zwar war das Stammpersonal mit Wolfgang Rihm, Manfred Trojahn und Bernd Redmann geschrumpft. Denn Wilhelm Killmayer und Aribert Reimann fehlten aus Alters- beziehungsweise Termingründen. Aber Axel Bauni, Chef der LiederWerkstatt, war auf der Suche nach Ersatz mehr als nur fündig geworden: Erstmals beteiligten sich Vladimir Tarnopolski, Gordon Kampe, Alexandru Sima, Walter Zimmermann und Fraghiz Ali-Zadeh an diesem Schaulaufen der Liedschöpfer.

Auch bei den Mitwirkenden hat sich so etwas wie ein Fundus gebildet, aus dem sich Axel Bauni bbedienen kann: in diesem Jahr die beiden Sopranistinnen Caroline Melzer und Sarah Aristidou sowie die beiden Baritone Peter Schöne und Matthias Wickhler - die beiden Mittellagen waren nicht besetzt. Bei den Pianisten waren es neben Axel Bauni Jan Philip Schulze und Siegfried Mauser.


Die Auswahl ist größer

Aber es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Waren es in früheren Jahren bestimmte Dichter (daruther Goether, Schiller, Mörike und andere), deren Texte nach freier Wahl zu vertonen waren, so waren es dieses Jahr Texte russischer Autoren, die im Original oder in deutscher Übersetzung zu bearbeiten waren. Der Zuwachs an Freiheit bei der Auswahl, das zeigte auch die begleitende Diskussion zur LiederWerkstatt , wurde allerdings dadurch deutlich reduziert, dass die meisten der Komponisten des Russischen nicht mächtig sind, manche aber auch mit den Übersetzungen haderten.

Nach 13 Jahren LiederWerkstatt zeichnen sich bei den alteingesessenen Mitgliedern natürlich Kontinuen ab, die ihren Kompositionen einen gewissen Wiedererkennungswert geben. Wolfgang Rihm (Melzer/Mauser) hatte zwei kurze, aber intensive Gedichte von Maria Zwetaja ausgewählt: "Bist fort" und"Zeit, sich vom Bernstein zu trennen" ausgewählt und psychologisch außerordentlich eng am Text vertont, als extremes Psychogramm das erste, reflektierend, behutsam das zweite, und beide mit viel Raum für die Phantasie.


War das ein Zufall?

War es Zufall, dass Manfred Trojahn (Melzer/Mauser) auch an Maria Zwetajewa geraten war? An ihr "Das Jahr geht mit dem Tod" - ein innerer Monolog einer Frau, deren Mann gestorben ist. "Du bist noch auf Erden", heißt es zum Schluss. Bei allen hysterischen Ausbrüchen ist es hier faszinierend, die das Klavier die Textzerstückelungen auffängt, die Stimmung beruhigt.

Zwei Texte von Sinaida Hippius, "Lied" und "Abreise", waren es, die Bernd Redmann (Aristidou/Redmann) bei der Suche aufgefallen waren, zwei Visionen des Todes, in denen Stimme und präpariertes Klavier in eigene Gefühlswelten auseinander driften, schon wegen den expressiven Anforderungen in der Höhe höchst unbequem und schwer zu singen.

Von den neuen Werkstattmitarbeitern hinterließ Vladimir Tarnopolski (Melzer/Bauni) vielleicht den stärksten Eindruck. Er hatte Boris Pasternaks "Lasst Worte uns verschwenden" vertont. "Die fragst, Freund, wer befiehlt, dass man des Toren Wort verbrenne?" beginnt der Text. Er war auf Russisch vertont, aber auch die deutsche `Übersetzung half nicht allzu viel. Denn Tarnopolski hatte die Worte nicht verschwendet, sondern gnadenlos in einzelne Silben zerschlagen. Jede war einzeln zu singen und zu spielen. Auf dem Klavier ist das nicht so schwer, aber wie Caroline Melzer diese unglaubliche Tour de force durchstand, bleibt ihr Geheimnis. Und wie sie es schaffte, jede Silbe zu einem mit Spannung erwarteten Ereignis zu machen.

Großen Eindruck machte auch der Jüngste im Bunde, der Rumäne Alexandru Sima (Aristidou/Bauni), vor allem mit seinem "Fernzug" nach Asya Shneideman, einem Text der "Vereisenbahnisierung" oder Verhärtung der Welt, der der Poet als einziger entgeht. Für diese E´eisernen Skelette von Zügen hat er phantastische Klangfarben und Strukturen der Unerbittlichkeit gefunden, in der das Schmerzennscrescendo der Passagiere untergeht.


Russischer Futurismus

Gordon Kampe (Schöne/Schulze) scheint ein bisschen den Hang zum Filou zu haben, nicht alles, was er tut, hundertprozentig ernst zu nehmen. Er war bei dem russischen Futuristen Vewlimir Clebnikov und seinen "Winzigen Liedern", experimentellen Texten mit einem Hang zum Obskuren, deren Atmosphäre Kampe mit lockerer Hand und viel Humor eingefangen hat. Von den beiden Interpreten bekamen sie die n Schuss Theatralik, über die man auch mal lachen kann. Intererssant war der Vergleich der Votunungen von zwei Übersetzungen desselben Originals von "Grashüfer" - oder "Heuschreck"?
Walter Zimmermann (Winckhler/Schulze) war mit seinen drei Lermontov-Vertonungen "Der Stern", "Gebet" und "Schattenbild" der Konservativste in dem Oktett: sehr sorgfältig in der Anlage und Durchführung , aber von der Ästhetik her nioch aus dem 20. Jahtrhundert bekannt. Das galt auch für "Leb wohl, vergiss" der Aserbaidschaneruin und Wahl-Berlinerin Franghiz Ali-Zadeh, einer stark melodiegetriebenen Komposition, die in ihrem pathetischen Crescendo den Geist einer postsowjetischen Staatskantate atmet: das Leben als Schlacht.
Axel Bauni hatte das Programm wieder angereichert mit thematisch passenden Liedern von Schumann, Fauré, Debussy,, Prokofieff, Tschaikowsky, Schubert, Rachmaninoff und anderen. Sie profitierten hervorragend von dem kreativen Klima der KlangWerkstatt.