Antisemitismus ist kein Phänomen der Vergangenheit, warnte Felix Klein in seinem Vortrag im Rahmen der Bad Kissinger Veranstaltungsreihe "Jüdische Kulturtage". Mit über 3000 polizeilich erfassten antisemitischen Straftaten wurde im vergangenen Jahr sogar ein Rekordwert erreicht. Judenhass betrifft deshalb nicht nur den Rand unserer Gesellschaft, erklärte der Bundesbeauftragte für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. "Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch die europäische Geschichte und betrifft uns alle."

Etwa 40 Prozent der Deutschen stehen nach Umfragen dem Staat Israel kritisch gegenüber. "Wer ist denn mit Israel gemeint?", fragte Klein in die Runde seiner Zuhörer. "Alle Bürger Israels, zu denen doch auch Araber gehören?" Kritik an Israel sei durchaus erlaubt, betonte er, "aber bitte keine undifferenzierte".

Hass auf Juden - seit Ende des 19. Jahrhunderts als Antisemitismus zusammengefasst - kam in Europa schon im 11. Jahrhundert zur Zeit der Kreuzzüge auf. Christen beschuldigten Juden, Jesus verraten und ans Kreuz genagelt zu haben. "Dass Jesus selbst Jude war, wird meistens ausgeblendet." Auch Pogrome gegen Juden gab es seitdem in tausend Jahren. "Antisemitismus ist also keine deutsche Erfindung, wohl aber Auschwitz."

Als besondere Bedrohung unserer heutigen Gesellschaft bezeichnete Klein nicht nur bekannt gewordene Pöbeleien gegen Kippa tragende Mitbürger, sondern die häufig zu hörende Stammtischparole: "Irgendwann muss doch mal Schluss sein." Zeitzeugen des Holocaust - von Juden ausschließlich mit dem hebräischen Wort Shoah ("größte Katastrophe") bezeichnet - sterben allmählich aus. "Erst stirbt der Mensch, dann die Erinnerung." Um die Juden "kein zweites Mal zu ermorden", gelte es deshalb, die Erinnerung wach zu halten und aktiv gegen jede Form von Antisemitismus vorzugehen. Klein: "Es gibt keinen harmlosen Antisemitismus, denn aus Worten können schnell Taten werden." Was ein Land gerade gegen unterschwelligen Antisemitismus unternimmt, nannte er einen "Lackmustest unserer Gesellschaft".

Zum besseren Verständnis jüdischen Lebens sei es heute wichtig, jungen Juristen historisches Wissen zu vermitteln, "um sie für in Recht gegossenes Unrecht zu sensibilisieren", außerdem Lehrer weiterzubilden, damit diese gegen Antisemitismus an Schulen vorgehen können, sowie die umfassendere Darstellung jüdischen Lebens in Schulbüchern. "Das Thema 'Juden in Deutschland' beschränkt sich doch nicht auf die Zeit des Holocausts." Jüdisches Leben sei seit tausend Jahren ein Teil europäischer und deutscher Geschichte, betonte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung. Vor allem im 19. Jahrhundert hatten viele Juden Wissenschaft und Kultur in Deutschland geprägt.